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Zukunft des Heilbronner Schwabenhauses ist ungewiss

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Kaufland hat das historische Vereinsheim der Rudergesellschaft Schwaben gekauft. Der Verein bekommt ein neues Zentrum. Aber was passiert mit dem markanten Schwabenhaus? Es birgt viel Geschichte. Droht der Abbruch?

 Foto: Braun

Das 1909 gebaute Schwabenhaus ist das älteste und prominenteste Vereinsheim von Heilbronn. Nachdem Kaufland das historische Gebäude 2020 gekauft hat, ist seine Zukunft ungewiss. Gleichzeitig verkörpert und birgt es jede Menge Geschichte und Geschichten: erstens wegen seines Baustils und seines Architekten Emil Beutinger; vor genau 100 Jahren wurde er zum Oberbürgermeister von Heilbronn gewählt, 1933 von den Nazis aus dem Amt gejagt und 1945 von der US-Army wieder eingesetzt.

Zweitens steht hinter dem Schwabenhaus ein besonderer Bauherr, der gleichzeitig Namensgeber ist: die altehrwürdige Heilbronner Rudergesellschaft Schwaben von 1879. In ihren Reihen finden sich neben Heerscharen erfolgreicher Breitensportler sogar Olympioniken und Weltmeister wie Carina Bär. Auch der einstige Mitbesitzer und Mitnutzer ist eine große Nummer, die Sektion Heilbronn des Deutschen Alpenvereins, mit über 16.000 Mitgliedern der größte Sportverein der Region und Besitzer der legendären Heilbronner Hütte im österreichischen Vorarlberg.

Weit und breit bekannt ist das Schwabenhaus nicht zuletzt wegen der vielen geselligen Runden, Vorträge und Versammlungen, die in dem lange auch als Gaststätte - zuletzt sogar als Tanzschule - genutzten Gemäuer über die Runden gingen.

Direkt an der Rosenbergbrücke

Prominent ist das Gebäude in der Bahnhofsvorstadt auch wegen seiner Lage. Einst frei an der Badstraße direkt am Ufer des Altneckars positioniert, wirkt es - zumindest aus der Autofahrer-Perspektive - aus der Zeit gefallen und etwas deplatziert: ganz einfach wegen der 19 Meter breiten Rosenbergbrücke, die nach der Kriegszerstörung im Jahre 1950 ohne große städtebauliche Sensibilität dem Gebäude direkt vor die Nase geklatscht wurde, dies auch noch ausgerechnet im Bereich der zum Neckar ausgerichteten Terrassenwirtschaft. So steht das Schwabenhaus noch für ein weiteres Kapitel Stadtgeschichte: nämlich für den pragmatischen, teils von der allgemeinen Automobil-Euphorie gesteuerten Wiederaufbau und damit auch für den sorglosen Umgang mit den wenigen beim Bombenangriff vom 4. Dezember 1944 nicht ausradierten historischen Gebäuden.


Nun bricht im Schwabenhaus ein ganz neues Kapitel an, das im Kleinen gleichzeitig für ein Kapitel der jüngeren Stadtgeschichte steht, nämlich für einen Hauptprotagonisten der aktuellen Stadtentwicklung: die Schwarz-Gruppe. Die Ruderschwaben haben ihr Gebäude wie berichtet 2020 an den Lebensmittelriesen verkauft. Der Erlös fließt in den Neubau eines Vereinszentrums flussaufwärts. Was Schwarz, genauer gesagt die Tochter Kaufland, mit dem Schwabenhaus macht, ist offiziell noch offen. Man habe in dem Bereich eine Reihe von Grundstücken gekauft, "um unseren Standort an der Olgastraße/Badstraße abzurunden", erklärt Maria Theresia Heitlinger von der Schwarz-Unternehmenskommunikation. "Über die zukünftige städtebauliche und funktionale Nutzung dieses gesamten Bereiches wurde in unserem Hause noch keine Entscheidung getroffen." Gleichzeitig mache man keine Angaben zur Nutzung der Bürostandorte.

Gelbe Villa an der Badstraße musste Lkws weichen

Im Stadtarchiv Heilbronn findet sich noch das Baugesuch fürs Schwabenhaus. Der Stempel oben weist das Büro Beutinger und Steiner als Mitglied des Bundes Deutscher Architekten aus.
Foto: Stadtarchiv Heilbronn
Im Stadtarchiv Heilbronn findet sich noch das Baugesuch fürs Schwabenhaus. Der Stempel oben weist das Büro Beutinger und Steiner als Mitglied des Bundes Deutscher Architekten aus. Foto: Stadtarchiv Heilbronn  Foto: Stadt Heilbronn

Bei historisch interessierten Zeitgenossen schrillen die Alarmglocken. "Im Rahmen der Arrondierung der gesamten Kaufland-Anlage", so erklärte damals Sprecherin Andrea Kübler, habe Kaufland im Jahr 2010 an der Badstraße die markante, aber nicht denkmalgeschützte sogenannte "gelbe Villa" gekauft und gegen den Protest der Bürgergruppe Agenda 21 abgerissen - zwecks freier Zufahrt für Lkw.

Auch das Schwabenhaus stehe leider nicht unter Denkmalschutz, erklärt Dr. Joachim Hennze von der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt Heilbronn. Die zuständige Inventarisations-Kommission des Landesdenkmalamts habe es bei ihrer damaligen Begehung 1989 nicht in die Denkmalliste eingetragen. Begründung: Das Ruderhaus von 1909 sei im Innern nach schweren Kriegszerstörungen später neu aufgebaut worden, vom ursprünglichen Entwurf sei nur die Fassade erhalten. Architekturhistoriker Hennze bedauert die Entscheidung von 1989 sehr, "weil von den übrigen für ihre Zeit sehr typischen Werken der Architekten Beutinger und Steiner während und nach dem Krieg acht zerstört worden sind", erklärt er der Stimme per E-Mail - mit einem Ausrufezeichen.


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Hoher Stellenwert des Architekten

Zum Stellenwert der Schwabenhaus-Architekten, deren schöpferischste Phase die Jahre 1904 bis 1910 waren, heißt es 1910 im Monatsheft "Die Kunst": "Heute hat Württemberg, mögen immer die Genies dünn gesät sein, doch verhältnismäßig viele Künstler, die mit klarem Sinn die alte und doch ewig neue Bedingung aller guten Baukunst zu erfüllen streben, nämlich die Teile zueinander und zum Ganzen, das Ganze wiederum zur Umgebung ins Verhältnis zu setzen. Unter den in diesen Kreis gehörenden Künstlern des nördlichen Schwabens dürfen die Architekten Beutinger und Steiner in Heilbronn mit an erster Stelle genannt werden."

 

 
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