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Wie die Nazis die Hammer-Brennerei übernahmen

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Wer zur Geschichte der einst berühmten Brennerei Hammer aus Heilbronn recherchiert, stößt auf Abgründe. Der Lokalhistoriker Kurt Sartorius berichtet über ein finsteres Kapitel: Die sogenannte "Arisierung" der Brennerei in der NS-Zeit und das Schicksal der jüdischen Besitzerfamilie Landauer.

Von Kilian Krauth

"Mit Schnapsflaschen kann man Geschichte schreiben." Der süffisante Spruch, mit dem Kurt Sartorius auf die Historie der Hammer-Brennerei anspielt, bleibt ihm beinahe im Halse stecken. Wenn der Lokalhistoriker, der dem Thema im Süddeutschen Schnapsmuseum (Bönnigheim) eine Ausstellung widmet, in die Hammer-Historie eintaucht, weiß er nicht nur von ruhmreichen Tagen zu berichten. Er blickt mitunter in Abgründe. Bei der Reihe "Heilbronner Stunde" des Buga-Freundeskreises beleuchtete Sartorius die "Arisierung" der einstmals berühmten Brennerei.

Die "Arisierung" ist ein lange verdrängtes NS-Kapitel

Die Übernahme jüdischer Firmen durch Nazis ist ein dunkles Kapitel, das lange verdrängt und vernebelt wurde. Noch 1980 hieß es bei der Auflösung der Heilbronner Likörfirma Lucca, deren Besitzer im KZ ermordet wurden, lapidar "die damaligen Umstände zwangen die Besitzer zum Verkauf". Und bei der 1990er-Jahre-Ausstellung "Essen und Trinken" in den städtischen Museen sei laut Sartorius über die Hammer-"Arisierung" kein Sterbenswörtchen verloren worden.

 

Die historischen Fotos zeigen, was die Hammer-Brennerei besonders machte


 

Kurt Sartorius hatte Einblick in Prozessakten

Dabei begann die Drangsalierung der Juden schon nach der Machtergreifung 1933. In aller Öffentlichkeit wurden Menschen geschlagen, Läden beschmiert, Schaufenster demoliert. Ihren vorläufigen Höhepunkt fanden die systematischen Anfeindungen in der Reichspogromnacht, also am 9. und 10. November 1938. Sartorius hat einen unveröffentlichten Augenzeugenbericht aus Prozessakten im Staatsarchiv Ludwigsburg entdeckt - unter dem Täternamen Max Fork, NSDAP-Ortsgruppenleiter Innenstadt. "Wo ist der Saujud?", fragte der mit Eisenstangen und Beilen bewaffnete NS-Mob. Das Ehepaar Landauer wurde ins Obergeschoss ihres Hauses an der Klettstraße 5 bugsiert, dann droschen die Nazis auf alles ein. So gut wie nichts sei heil geblieben.

Die grenzenlose Menschenverachtung ging mit Zynismus einher. Eine "Verordnung zur Wiederherstellung des Straßenbildes bei jüdischen Gewerbebetrieben" schrieb vor, "dass die Juden selbst umgehend alle Schäden, alle Zeichen von Zerstörungen oder Demolierungen an Geschäften, Läden, Büros und Wohnungen zu beseitigen" hätten. Die "Verordnung zur Sühneleistung der Juden" bürdete den Juden in Deutschland eine Gesamtsühne in Höhe von einer Milliarde Reichsmark auf, die durch eine Abgabe von 20 Prozent des Vermögens pro Person aufzubringen war.

Die Anfeindungen wurden immer stärker

Der Druck wurde immer größer. So verbot die Wirtschaftsgruppe Spiritus-Industrie im Dezember 1938, jüdische Firmen mit Monopolsprit zu beliefern. Der war Grundlage zur Likörherstellung. So wurde den Betrieben eine wirtschaftliche Grundlage entzogen.

Sartorius hat auch Unterlagen zum Verkauf der Hammer-Brennerei 1939 recherchiert. Schätzpreis: 1,8 Millionen Reichsmark. Fritz Landauer wurde auf 709.000 Reichsmark runtergehandelt. Wenn er das nicht akzeptiere, könne er es sich im KZ überlegen - wie seine zwei Brüder. Von der Kaufsumme wurden zudem obskure Abgaben abgezogen, sodass zum Schluss noch lächerliche 33.000 Reichsmark übrigblieben. Diese kamen auf ein Sperrkonto. Kurzum: Die Familie Landauer wurde ihrer Firma beraubt.

Wie das Heilbronner Tagblatt gegen Juden hetzte

Bevor Fritz Landauer bei Öl-Geiger als "unentbehrliche Schlüsselkraft" unterkam, "durfte" er den neuen Geschäftsführer Georg L. Schürger einlernen. Der kam von Edeka, markierte den großen Max und nannte die Firma in Hammer-Brennerei Schürger um. Das "Heilbronner Tagblatt" schrieb alles schön. "Wo muffige, ungesunde Arbeitsplätze waren, herrschen heute Luft und Licht und Hygiene. Das krämerhaft Jüdische ist ausgemerzt".

Bald ist ganz Deutschland "ausgemerzt". Am 4. Dezember 1944 fällt - nach vielen anderen europäischen Städten - Heilbronn in Schutt und Asche. Die Nebel um die Vorgeschichte der Zerstörung lichten sich spät und nur langsam.

 

Die Geschichte der Hammer-Brennerei im Überblick

 


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Auf unserer Webseite Buga aktuell finden Sie weitere Informationen über die Heilbronner Bundesgartenschau 2019 und Hintergrundberichte. Dazu gibt es 360-Grad-Rundgänge über das Gartenschau-Gelände und Vorher/Nachher-Aufnahmen von der Entstehung der Buga. 

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