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Wenn Familie zum rechtsfreien Raum wird

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Fachberatungsstelle Pfiffigunde bietet wieder Schulungen in Präsenz an. Eine neue Studie belegt das Ausmaß sexueller Gewalt in Familien.

Von Ulrike Plapp-Schirmer
Hilfe holen: Das kann man bei der Fachberatungsstelle Pfiffigunde in Heilbronn und bei Jumäx im Heilbronner Landratsamt.
Foto: Ulrike Plapp-Schirmer
Hilfe holen: Das kann man bei der Fachberatungsstelle Pfiffigunde in Heilbronn und bei Jumäx im Heilbronner Landratsamt. Foto: Ulrike Plapp-Schirmer  Foto: Plapp-Schirmer, Ulrike

Die Familie genießt als privater Raum einen besonderen gesetzlichen Schutz. Für Kinder und Jugendliche, die dort sexuelle Gewalt erleben, ist dieser Schutz fatal. Eine brandaktuelle Studie der Goethe-Universität in Frankfurt am Main zeigt deutlich die Folgen des Missbrauchs, aber auch die Verantwortung der Gesellschaft bei Hilfe und Aufarbeitung auf. "Die Studie bestätigt das, was wir bei unserer Arbeit erfahren", sagt Monika Harsch, Mitarbeiterin der Fachberatungsstelle des Vereins Pfiffigunde Heilbronn.

 


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870 Fälle beschreibt die Studie. "Das sind die hellen Zahlen", sagt Monika Harsch. Von einer hohen Dunkelziffer spricht auch das Amt des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Demnach verzeichnete die Kriminalstatistik 2020 für Deutschland knapp 14.600 bekannt gewordene Straftaten im Bereich sexuellen Kindesmissbrauchs. Die Opfer waren zu 73 Prozent Mädchen, zu 27 Prozent Jungen. Dunkelfeldforscher, heißt es weiter, gingen davon aus, dass jede fünfte bis sechste erwachsene Frau und jeder siebte bis achte erwachsene Mann in seiner Kindheit und Jugend sexuelle Gewalt erlebt hat. Am häufigsten werden Kinder und Jugendliche zu Hause durch Angehörige oder in Institutionen wie Kindergarten und Schule, Kinder- und Jugendhilfe oder in Vereinen missbraucht.

Frauen können auch Täterinnen sein

Zu den Tätern gehören, so Monika Harsch, nicht nur Männer. Laut der innerfamiliären Studie würden in zehn Prozent der Fälle auch Mütter missbrauchen. Sie agieren oftmals im Verborgenen, weil Frauen solche Taten kaum zugetraut werden. Wolle man den Opfern helfen, sei es wichtig, die Schere im Kopf loszuwerden: Denn Missbrauch findet in jeder gesellschaftlichen Schicht statt. "Halten Sie nichts für unmöglich", sagt Monika Harsch. Verhaltensänderungen, eine veränderte Körperhygiene, Gewichtszu- und abnahme, Drogen, Alkohol, soziale Auffälligkeiten könnten ein Hinweis auf sexuelle Gewalt sein. "Das Spektrum an Symptomen ist riesig", sagt Harsch. Die Signale, die die Opfer aussenden, würden nicht immer verstanden.

Bei einem Verdacht den Täter oder die Täterin zu konfrontieren und zu hoffen, dass der Missbrauch aufhört, funktioniere nicht. "Sexuelle Gewalt hat oft Suchtcharakter. Die Gefahr ist vor allem, dass der Täter oder die Täterin den Druck auf das Kind erhöht." Bei sexuellem Missbrauch spreche man meistens von einem vagen bis begründeten oder erhärteten Verdacht, selten gibt es eindeutige Beweise. Und je jünger die Kinder seien, desto schwerer sei es, sexuellen Missbrauch zu erkennen.

Fachliche Einschätzung möglichst früh einholen

Was in einem Verdachtsfall zu tun ist, müsse darum mit Fachkräften beraten werden, sagt Monika Harsch. Für Pädagogen oder Schulsozialarbeiter, Mitarbeiter in Jugendhilfeeinrichtungen oder der Justiz bietet Pfiffigunde daher auch wieder Schulungen in Präsenz an. "Wir vermitteln Fachwissen und sensibilisieren vor allem für Täter- und Täterinnenstrategien", sagt Harsch. Und: "Wir sind froh, wenn unsere fachliche Einschätzung möglichst früh eingeholt wird."

Welche Spuren sexuelle Gewalt hinterlässt, hängt von vielen Faktoren ab. Doch frühe Hilfe und zugewandte, einfühlsame Reaktionen haben erhebliche Auswirkungen darauf, wie gut Betroffene diese Erfahrung verarbeiten können.

Die gemeinnützige Fachberatungsstelle Pfiffigunde ist für das Stadtgebiet Heilbronn zuständig, weitere Informationen auf www.pfiffigunde-hn.de. Jumäx heißt die Anlaufstelle für den Landkreis Heilbronn, zu erreichen über www.landkreis-heilbronn.de.

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