Wenn der Hirsch zum Macho wird
Von September bis Mitte Oktober ist Brunftzeit: Rothirsche röhren und buhlen so um die Gunst der Hirschkühe. In diesem Zeitraum ist mit den gewaltigen Geweihträgern nicht zu spaßen.

Der Herbst ist da. Es nieselt vom grauen Himmel, der Wind lässt die gelb-roten Blätter rascheln. Immer wieder fällt eines ab. Plötzlich dröhnt ein tiefes, kräftiges Röhren durch den Wald. Der Platzhirsch meldet sich zu Wort. Mit seinem lauten Gebrüll will er die Hirschmädels beeindrucken und zeigen, wer der Herr im Gehege ist. Und wehe ein potenzieller Konkurrent kommt seinem Harem zu nahe. In der Brunftzeit von Anfang September bis Mitte Oktober ist mit dem gewaltigen Geweihträger nicht zu spaßen, denn sein Fokus liegt jetzt voll und ganz auf der Paarung.
Das rund 3,5 Hektar große Gehege im Wildparadies bei Cleebronn ist der Lebensraum für 25 Rothirsche und Hirschkühe. "Normalerweise bilden die Weibchen ein Rudel und die Männchen eines. Doch während der Brunftzeit ist das anders. Da darf nur der Platzhirsch bei den Mädels sein, alle anderen Rothirsche werden in dieser Zeit sozusagen ausgeschlossen", erklärt Benedict Stirblies, Tierpfleger im Wildparadies. Platzhirsch könne nämlich nur einer sein und zwar der "mit dem größten Geweih und dem massigsten Körper. Das spricht für gute und gesunde Gene, die an die Kälber weitergegeben werden", weiß der 27-Jährige.
Außergewöhnliches Duft-Ritual
Der Chef im Rothirschgehege im Wildparadies ist für Besucher leicht zu erkennen: Er trägt das größte Stangengeweih mit vielen Enden und eine lange Brunftmähne am Hals. Außerdem hat er einen hellen Fleck am Bauch. "Das ist der sogenannte Brunftfleck. Er entsteht, weil sich der Rothirsch selbst bepinkelt, um gut zu riechen." Teilweise suhle er sich sogar in seinem Urin.
In regelmäßigen Abständen bleibt der Rothirsch stehen und röhrt. Im permanenten Stechschritt versucht er zudem das sogenannte Kahlwild, das Rudel der Weibchen, zusammenzuhalten. Die anderen Rothirsche behält er dabei immer im Blick. "Der Platzhirsch mag es nicht, wenn sich seine Gruppe splittet. In freier Wildbahn im Wald bevorzugt er deshalb Lichtungen. Dort kann er am besten den Überblick bewahren."
In seltenen Fällen kommt es zu ernsthaften Verletzungen

Im Gehege nähert sich gerade ein Kontrahent an. Zu dicht. Der Platzhirsch stellt sich vor das Kahlwild, senkt seinen Kopf und zeigt dem Konkurrenten so demonstrativ sein mächtiges Geweih. Der andere entfernt sich wieder. "Manchmal kommt es zu Kämpfen. Dann knallen die Männchen die Geweihe aneinander." Doch trotz der rohen Kräfte komme es selten zu ernsthaften Verletzungen. "Der Schwächere merkt meist schnell, dass er unterlegen ist."
Doch das bedeute nicht, dass der Störenfried keinen Versuch mehr unternimmt, an eine Hirschkuh zu gelangen. "Der Platzhirsch ist deshalb ständig unter Strom. Er schläft kaum, röhrt dauernd und patrouilliert. Bei dem Stress verliert er bis zu 20 Prozent seines Körpergewichts", sagt Stirblies.
Eine Hirschkuh ist nur 12 bis 24 Stunden furchtbar. Um diese Phase nicht zu verpassen, flehmt der Platzhirsch: "Er zieht seine Oberlippe hoch, darunter sitzt ein Organ, durch das er wittert, ob eine Hirschkuh fruchtbar ist", erklärt der Tierpfleger. Die Paarung des Rotwilds dauert in der Regel nur wenige Sekunden. "Im Frühjahr sehen wir dann, ob der Platzhirsch alle seine Damen erwischt hat."

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