Weinsberger Mediziner über Autismus und Greta Thunberg

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Die 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg sorgt für heftige Diskussionen, nicht zuletzt wegen ihrer Erkrankung an Asperger-Autismus. Der Weinsberger Kinderpsychiater Claas van Aaken erklärt, welche Rolle das für ihr Handeln spielen könnte.

Greta Thunberg polarisiert: Gerade hat die Aktivistin den Alternativen Nobelpreis für ihren Einsatz für den Klimaschutz erhalten. Gleichzeitig wird sie heftig angefeindet. Dabei machen Kritiker ihre Krankheit, Asperger-Autismus, immer wieder zum Gegenstand der Diskussion. Ist das legitim oder vielmehr der Versuch einer Diskreditierung? Wir haben den Kinder- und Jugendpsychiater Claas van Aaken vom Klinikum am Weissenhof um seine Einschätzung gebeten.

CDU-Politiker Friedrich Merz hat der "Augsburger Allgemeinen" gesagt: "Auf der einen Seite ist das Mädchen bewundernswert, aber auf der anderen Seite ist sie krank." Was halten Sie von dieser Aussage?

Claas van Aaken: Ich bin der Meinung, man sollte den Inhalt einer Botschaft in diesem Fall klar von den persönlichen Eigenschaften und Merkmalen der Person trennen. Was Greta Thunberg sagt, ist real und aus wissenschaftlicher Sicht fundiert. Den Inhalt möglicherweise dadurch zu entkräften, dass man über die Art und Weise urteilt, wie er zum Ausdruck gebracht wird, halte ich im Fall von Greta Thunberg aus ärztlicher Sicht für nicht günstig.
 

Wenn man es weniger vorsichtig ausdrückt, könnte man von Diskreditierung sprechen.

Zur Person

Foto: privat
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Dr. Claas van Aaken (43) ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Klinikum am Weissenhof in Weinsberg.

Van Aaken: Ich sehe bei dem Statement von Friedrich Merz eine Gefahr, dass autistische Menschen sich entwertet fühlen könnten. Wir behandeln als Psychiater autistische Menschen mit einem Leidensdruck, die Hilfe und Therapie brauchen und trotzdem eine fundierte Meinung haben können. Bei Greta Thunberg gehe ich nur von einer schwachen Ausprägung des Autismus aus, sie zeigt nach meiner Beobachtung keine Beeinträchtigungen, wie sie für Autisten mit einer starken Ausprägung der Störung typisch sind. Ich sehe schon das Risiko, dass ihre Krankheit in dieser emotionalen Diskussion instrumentalisiert wird.

Was kennzeichnet Autismus?

Van Aaken: Grundsätzlich ist das eine psychiatrische Erkrankung, die international klassifiziert ist. Es gibt ganz unterschiedliche Ausprägungen und Schweregrade. Menschen mit schweren Formen erlangen manchmal gar keine Sprachfähigkeit, bei ihnen diagnostiziert man den Autismus meist früher als bei leichter betroffenen Patienten. Asperger-Autisten zeigen oft nicht so auffällige Symptome und verfügen mitunter sogar über ganz besondere Fähigkeiten und Spezialbegabungen, sie haben in ihrem Bereich oft auch etwas Geniales.
 

Greta Thunberg sagt über sich selbst, ohne den Autismus und die Fähigkeit, die Welt schwarz-weiß zu sehen, wäre sie nie so weit gekommen. Ist auch das typisch?

Van Aaken: Beharrlichkeit oder ein stur-rigides Verhalten sind schon typisch für diese Störung und ich würde sagen, dass darin auch ein Schlüssel für den Erfolg von Gretas Mission liegen dürfte. Es ist schon eine besondere Leistung, sich im Winter jeden Tag mit einem Schild vor das Parlament zu stellen und das über Wochen. Das ist wie ein tägliches Ritual − so etwas kann bei vielen Autisten ein typisches Merkmal sein.
 

Was an Greta Thunberg noch auffällt: Sie ist ungeheuer eloquent für eine 16-Jährige, beim Sprechen schaut sie ihr Gegenüber jedoch selten direkt an.

Van Aaken: Menschen mit Asperger-Autismus sind häufig sprachlich besonders elaboriert und sie haben ausgeprägte Sonderinteressen. Ich denke da auch an Kinder, die im Fernsehen zum Beispiel vorführen, dass sie Fahrpläne auswendig können oder endlose Zahlenreihen aufsagen. Das Hauptkennzeichen von autistischen Störungen sind jedoch Defizite in der Empathiefähigkeit und Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion. Mit anderen Worten: Betroffene tun sich schwer, emotionale Zustände anderer richtig einzuschätzen und angemessen darauf zu reagieren.
 

Wie äußert sich die Krankheit bei Erwachsenen?

Van Aaken: Autismus ist nicht heilbar. Aber vielen Betroffenen gelingt es, gewisse Defizite durch Lernen zu kompensieren. Einige Autisten sind ja auch überdurchschnittlich intelligent und eignen sich soziale Fertigkeiten im Laufe des Lebens in gewissem Maße selbst an.

 
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