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Warum die Kindheit auf dem Haigern unvergesslich ist

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Seit 64 Jahren zieht der Haigern Sommer für Sommer hunderte Kinder magisch an. Früher herrschten auf der Kinderfreizeit der katholischen Kirche strenge Regeln. Unsere ehemalige Kollegin erinnert sich noch gut.

Von Susanne Schwarzbürger
Mit diesem Kinderfest ging die Freizeit im August 1968 auf dem Haigern zu Ende. Es hat sich manches geändert: die Kleiderordnung, das Wiegen am ersten und vorletzten Tag zum Beispiel. Geblieben ist die Freude, das Singen, der Tanz.
Foto: HSt-Archiv
Mit diesem Kinderfest ging die Freizeit im August 1968 auf dem Haigern zu Ende. Es hat sich manches geändert: die Kleiderordnung, das Wiegen am ersten und vorletzten Tag zum Beispiel. Geblieben ist die Freude, das Singen, der Tanz. Foto: HSt-Archiv

Der Haigern ist neben dem Gaffenberg ist das der zweite große Zauberberg in der Region. Seit 64 Jahren zieht er Sommer für Sommer hunderte Kinder magisch an. Selbst vor gut 50 Jahren, als das Regime der katholischen Gesamtkirchengemeinde bei der Kinderfreizeit aus heutiger Sicht recht streng war, war es für viele Jungs und Mädchen das Größte, dabei zu sein. Waren die zwei Wochen auf der Anhöhe zwischen Flein und Talheim vergangen, war Trauer angesagt: Ein ganzes Jahr musste man nun bis zur nächsten Freizeit warten.

Der vorgeschriebene Mittagsschlaf war das Grauen

So erging es nicht nur der früheren Stimme-Redakteurin Ulrike Bauer-Dörr. Doch diese würdigte die Kinderfreizeiten auf dem Haigern im Rahmen ihrer "Heilbronner Stunde" auf der Bundesgartenschau als "die schönsten Wochen meines Kinderlebens". Trotz des Zwangs zum langweiligen Mittagsschlaf, an den sie sich "mit Grauen" erinnert.

Verreisen in den Sommerferien? Das war in den sechziger Jahren für viele Familien finanziell nicht machbar. Auch nicht bei der Familie Bauer, die gerade ihr neu gebautes Haus unterhalb des Wartbergs bezogen hatte. Sparen war angesagt. Einen Fernseher hatten Bauers nicht, ebenso wenig ein Auto. Damit Ulrike, die ältere von zwei Töchtern, die Sommerferien nicht ganz zu Hause verbringen musste, wurde sie 1965 bei den Kinderfreizeiten der katholischen Kirche auf dem Haigern angemeldet.

 


Wenn die Kinder über die Freizeit zunahmen, wurden sie gelobt

Heute, 50 Jahre später, schwärmt sie im Rückblick von den Tagen im Wald, in der Schlucht, beim Spielen und Basteln, von den gemeinsamen Singstunden, vom guten Essen und von den Theaterproben fürs Abschlussfest in der zweiten Woche. Die Freizeiten auf dem Berg zwischen Flein und Talheim fanden, wie heute noch, in dem großen Gebäude statt. Jede Gruppe hatte ein eigenes Zimmer, in dem auch der berüchtigte Zwangs-Mittagsschlaf stattfand.

Das Tollste überhaupt war für Ulrike aber das Essen. Kein Wunder, dass das Mädchen jedes Mal ein paar Kilo zunahm, was von den Haigernfrauen mit Lob quittiert wurde. In den sechziger Jahren wurden die Kinder am ersten und vorletzten Tag der Freizeit gewogen. Man war stolz, wenn sie zunahmen.

Die kleine Ulrike.
Foto: privat
Die kleine Ulrike. Foto: privat  Foto: privat

Auch an ihr persönliches Trauma erinnert sie sich bis heute

Ein traumatisches Erlebnis hatte Ulrike beim Essen allerdings. Weil sie ihren als eklig empfundenen Reisbrei nicht essen mochte, sollte sie zur Strafe den Bus nicht besteigen dürfen, der die Kinder abends wieder zurück nach Heilbronn brachte. Doch eine einsichtige Haigern-Tante rettete das weinende Mädchen aus der üblen Situation. Sie öffnete das Fenster und löffelte den Brei auf den Busch darunter. "Ob es den Busch noch gibt?", fragt sich die heute 62-jährige Ulrike. Auf jeden Fall hat er die Reisgabe überlebt. Als Erwachsene war Ulrike Bauer noch öfter zum Essen im Haigern-Restaurant und hat dann immer wieder nach ihm geguckt.

Später, als Lokalredakteurin der Heilbronner Stimme, hat sie oft über die Kinderfreizeiten auf dem Haigern geschrieben und selbst erlebt, wie sich alles ge- und verändert hat.


Die nächsten "Heilbronner Geschichten" auf der Buga

Bei der "Heilbronner Stunde" im "Garten der Heilbronner" kommen vielfältige Themen zur Sprache. Termine sind immer donnerstags, 18.30 Uhr, samstags und sonntags 14 Uhr. Am Samstag, 17. August, geht es um das Nahrungsmittelunternehmen Otto, am Sonntag, 18. August, (Beginn erst 14.30 Uhr) um Neckargartach.

Eine spannende Heilbronner Geschichte zum Nachlesen

Wer zur Geschichte der einst berühmten Brennerei Hammer aus Heilbronn recherchiert, stößt auf Abgründe. Der Lokalhistoriker Kurt Sartorius berichtet über ein finsteres Kapitel: Die sogenannte "Arisierung" der Brennerei in der NS-Zeit und das Schicksal der jüdischen Besitzerfamilie Landauer. Unser Kollege Kilian Krauth hat es aufgeschrieben.

 

 

 

 

Auf unserer Webseite Buga aktuell finden Sie weitere Informationen über die Heilbronner Bundesgartenschau 2019 und Hintergrundberichte. Dazu gibt es 360-Grad-Rundgänge über das Gartenschau-Gelände und Vorher/Nachher-Aufnahmen von der Entstehung der Buga. 

>>Buga aktuell

 

 

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