Warten auf das Krötenwetter

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Beim Widderner Seehaus gibt es die größte Amphibienpopulation im Landkreis. Die Rückkehr des Winters macht den Tieren jedoch Probleme - von rücksichtslosen Autofahrern ganz zu schweigen.

Von Christian Gleichauf
Kreisökologin Stefanie Kielhorn (Mitte) erklärt den freiwilligen Helferinnen Annette Schwarz von Specht (rechts) und Marion Valentin, wie die Krötenschutzzäune korrekt befestigt werden.
Foto: Christian Gleichauf
Kreisökologin Stefanie Kielhorn (Mitte) erklärt den freiwilligen Helferinnen Annette Schwarz von Specht (rechts) und Marion Valentin, wie die Krötenschutzzäune korrekt befestigt werden. Foto: Christian Gleichauf  Foto: Gleichauf, Christian

Es ist kein Krötenwetter. Zwar nass - das Wasser tropft von den Bäumen rund um den Herbert-Bopp-See hinter dem Widderner Seehaus. Aber zu kalt. Kein Quaken, kein Gurren. Eine einzelne Kröte harrt knapp unter der Wasseroberfläche aus. Kaum zu glauben, dass sich hier rundherum bis zu 10 000 Artgenossen und auch Grasfrösche versteckt haben sollen. Männchen und Weibchen wollten sich zum Laichen treffen. Dann wurden sie von der Kälte überrascht. "Es ist ein ungewöhnliches Jahr", sagt Marion Valentin. "Aber wenn es jetzt wieder warm wird am Wochenende, dann geht es ganz schnell, dann explodiert es förmlich."

Auch die Kreisökologin ist in ihrer Freizeit unterwegs

Wie Marion Valentin war auch Annette Schwarz von Specht in den vergangenen Wochen so gut wie jeden Abend unterwegs, um Kröten und Frösche einzusammeln und über die Straße zu tragen. An diesem Abend ist der Blick in den Eimer, der am Schutzzaun in den Boden eingelassen wurde, überflüssig. Bei Temperaturen um null Grad haben die Amphibien ihren Energieumsatz heruntergefahren, bewegen sich kaum noch. "Wenn gelaicht wird, dann muss man hier aufpassen, wo man hintritt. Das ist dann alles voll", erzählt Marion Valentin.

Gut 2000 Erdkröten haben sie und die anderen Freiwilligen aus Widdern und Umgebung in diesem Jahr bereits eingesammelt und über die Straßen und Wege getragen. So wie überall im Land. "Ohne die Helfer wären viele Populationen gefährdet", sagt Kreisökologin Stefanie Kielhorn. Sie ist im Landratsamt Heilbronn Amphibienbeauftragte und selbst auch in ihrer Freizeit an den Straßen zwischen Untergruppenbach und Talheim unterwegs.

 


 

 

Hoffen auf die Akzeptanz der Autofahrer

An diesem Abend schaut sie am Seehaus vorbei. Für die zwei Ehrenamtlichen hat auch noch einen Tipp parat: "Sie dürfen die Warnschilder mit dem Tempolimit ruhig zur Seite drehen, solange keine Kröten unterwegs sind. Das erhöht vielleicht auch die Akzeptanz bei den Autofahrern."

Um diese Akzeptanz steht es teilweise nicht allzu gut. Die Frauen sind grundsätzlich mit Warnwesten unterwegs, damit die Autofahrer sie rechtzeitig erkennen können. "Aber einige geben dann erst recht Gas, wenn sie uns sehen", sagt Valentin. "Für manche sind wir halt nur die blöden Naturschützer", sagt Stefanie Kielhorn. "Letzte Woche ist so ein Spinner so knapp an mir vorbeigefahren und hat mich auch noch angehupt. Hätte ich falsch reagiert, hätte er mich erwischt."

Druckwelle tötet Kröten und Frösche

Für Amphibien bedeuten zu schnelle Autos oft auch dann den Tod, wenn sie nicht direkt überrollt werden. "Die Leute rasen ohne Rücksicht. Sogar auf einem Waldweg hier habe ich zuletzt eine Kröte mit Barotrauma gefunden", erzählt Marion Valentin. Durch die Druckwelle, die unter dem Auto entsteht, sterben die Tiere an inneren Verletzungen. "Das kann man in der Regel an der herausgestreckten Zunge erkennen."

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Natürlich sterben Kröten auch ohne Zutun des Menschen. Manche Weibchen werden von den Männchen so lange unter Wasser gedrückt, bis sie ertrinken. Für andere ist die Laichzeit so kräftezehrend, dass sie den oft kilometerlangen Weg zurück in den Wald nicht mehr schaffen. "Das ist die Natur", sagt Stefanie Kielhorn. Wären aber die freiwilligen Helfer nicht, würde mindestens die Hälfte der Tiere auf dem Weg zum Laichgewässer überfahren. "Dann wäre eine Population innerhalb von wenigen Jahren gefährdet oder verschwunden", sagt Marion Valentin.

Zur Expertin geworden

Die 53-Jährige beschäftigt sich mit den Kröten, seitdem sie 2003 nach Widdern gezogen ist. "Es war nicht zu übersehen, dass hier jeden Abend so viele Tiere überfahren werden." Seitdem rettet sie so viele wie möglich vor dem Verkehr. Überwindung kostet sie das nicht. "Ich finde sie süß." Inzwischen ist sie ganz nebenbei zur Amphibienexpertin geworden. Und Unterstützung für ihre Arbeit hat sie über die Schutzgemeinschaft Harthäuser Wald bekommen, die sich im Kampf gegen den inzwischen fertiggestellten Windpark zusammengefunden hat. Seitdem kontrolliert sie mit ihren Mitstreitern den Straßenrand.

Im See sind noch keine schwarzen Schnüre zu sehen, der Laich der Erdkröten. Was es schon gibt, sind die weißen Laichballen der Grasfrösche. "Die dürften aber zum großen Teil erfroren sein", sagt Marion Valentin. "Vorgestern war hier alles rundrum Eis." 90 Prozent Verlust habe ein Experte aus Heilbronn geschätzt. Auch solche Wetterkapriolen sorgen also dafür, dass im Frühjahr nicht so viele Hüpflinge wie sonst den Teich verlassen.

Helfer bekommen Aufwandspauschale

Kreisökologin Kielhorn ist überzeugt, dass die Amphibien-Population rund um den Herbert-Bopp-See die größte im Landkreis Heilbronn und darüber hinaus ist. Vor allem durch das ehrenamtliche Engagement hat sich das Vorkommen an manchen Orten stabilisiert, auch wenn die Tiere noch immer in ihrem Bestand bedroht sind. Eine Aufwandsentschädigung und 20 Cent Kilometergeld kann das Landratsamt für die Helfer bereitstellen. Ohne Leidenschaft wäre das Geld allerdings wohl kaum Antrieb genug, abends nach Sonnenuntergang die Straßen abzusuchen. Denn raus geht es vor allem bei Krötenwetter.

Windkraft-Betreiber gefragt

Mit den Windkraftanlagen im Harthäuser Wald hat Marion Valentin noch keinen Frieden geschlossen. Mit der ökologischen Baubegleitung für den Windradbau sind 2015 allerdings Schutzzäune rund um das Seehaus installiert worden. Erst seitdem werden die gefundenen Tiere gezählt. "Insofern hat es auch etwas Gutes gehabt", sagt Valentin. Sie beklagt zwar, dass sie keinen Zugang zur Baustelle bekommen hat. Aus der Ferne habe sie beobachten können, dass viele Maßnahmen zum Schutz der Amphibien unzureichend gewesen seien.

Die Umweltschützer hoffen aber, dass die Zeag als Betreiber der Windkraftanlagen bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. "Erst durch die Zählung können wir abschätzen, wie viele Tiere insgesamt an den See kommen", sagt Annette Schwarz von Specht. Sie kämen ja nicht nur über die Straße, sondern auch direkt aus den Wäldern. Die regionale Bedeutung zählt als Argument, so hoffen die Helferinnen, für eine Anlage mit festen Zäunen und mehreren Krötentunnels unter der Straße. "Das wird sicher einen sechsstelligen Betrag kosten", vermutet Valentin. "Aber wenn sich die Zeag beteiligen würde, wäre es vielleicht möglich." cgl

 
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