Vom Glück, ein Kind in Pflege großzuziehen

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Stefan und Sabine S. haben Julius aufgenommen und kooperieren mit Jugendamt, Vormund und Herkunftsfamilie.

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Ich ziehe um zu dir", hat Julius vor Jahren auf ein Bild für seine Pflegefamilie geschrieben. Regenbogen, einen Wohnwagen und die Katze hat er dazu gemalt. Stolz zeigt er seine Kunstwerke von damals am Esstisch. Einen Wunsch hat er auch vermerkt: Sein Zimmer sollte blau gestrichen werden.

Auf dem Dorf schaut man aufeinander

Julius (alle Namen von der Redaktion geändert) ist ein hübscher Junge, modische Kurzhaarfrisur, sportbegeistert. Fußballspieler, Bastler mit dem Pflegevater, 40-Kilometer-Touren-Radler mit dem Pflegeopa. Jeder bringt sich ein, jeder kümmert sich um ihn. Familie S. wohnt in einem Dorf. Da schaut man aufeinander. Es gibt Nachbarn, die zum Spielen einladen, Nenn-Omas, die ihm Kuchen zustecken. "Wahl-Großeltern, zugelaufene Großeltern", zählt Sabine S. an den Fingern ab. Sie braucht zwei Hände dazu. Wenn jemand Fremdes sagt, dass ihr Sohn ihr ähnlich sehe, macht sie das glücklich. Auf dem Dorf sagt das niemand, da wissen alle Bescheid. Auch, weil sie und ihr Mann Stefan offen mit dem Thema umgehen.

"Ich habe es mit meinem Kleinen super getroffen", sagt Stefan S. und schaut voller Stolz auf Julius. Regelmäßig besucht er mit seiner Frau einen Pflegeeltern-Stammtisch und weiß, wo es überall Probleme geben kann.

 


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Sabine und Stefan S. sind Sterneneltern

Vor ihrem Familienglück, von dem nicht nur die Saloon-Kulisse aus Pappe zeugt, die Stefan S. mit Julius gebastelt hat und die auf den Einsatz beim nächsten Cowboy-Geburtstag wartet, liegt eine Leidensgeschichte. "Wir sind Sterneneltern", stellen sich Sabine und Stefan S. vor, wenn sie bei Veranstaltungen des Landratsamts vor neuen Pflegefamilien erzählen, warum sie damals selbst den Schritt gewagt haben. Denn als Sabine S. nach vielen Hormonbehandlungen endlich schwanger geworden war, folgte für die werdenden Eltern der Schock: Sabine S. verlor das Baby in der 23. Woche. Irgendwann brachte Stefan S. einen Flyer mit über Pflegefamilien. "Wir haben so viel Herz und so viel Platz", sagten sie sich. Plus Erziehungserfahrung mit den Kindern aus Stefan S." erster Ehe. Und für eine Adoption wäre er als Vater mit Anfang 40 aus Sicht der Behörden zu alt gewesen.

Pflegeeltern sind keine Profis

Um ein Pflegekind zu bekommen, mussten sie beim Jugendamt ankreuzen, was sie sich vorstellen könnten, wie alt es sein sollte, Junge oder Mädchen? "Das war schon komisch", sagt Sabine S. Und fügt augenzwinkernd Richtung Julius hinzu: "Und du, du warst dann eh außerhalb des Fragebogens."

Für ein Kind im Grundschulalter, so hatte sie gedacht, bräuchte ein Elternteil eine pädagogische Ausbildung, sollte vielleicht Erzieher sein. Es kam anders. Julius passte nicht ins Schema. Und war trotzdem ein Volltreffer.

Pflegeeltern müssen in viele Richtungen kooperieren

Viel hat sie erfahren in den vergangenen Jahren. Das Glück, als Julius nach anderthalb Jahren wie nebenbei "Mama" zu ihr sagte. Dass sie viel kooperieren und bei Entscheidungen immer Rücksprache halten muss. Dass ihre Vorstellung, mit der Herkunftsfamilie freundschaftlich an einem Strang zu ziehen und "gemeinsam den Jungen großzuziehen", an Grenzen stößt, wenn das Kind per Gerichtsbeschluss aus der Familie herausgenommen wurde. Treffen finden statt, Sabine S. packt dann Boccia, Picknick, Spiele zusammen. Regelmäßig telefoniert Julius mit seinen Geschwistern. Zwar konnte Sabine S. schon Gräben zuschütten. Doch je nachdem, mit wem Julius telefoniert, ist sie in Habachtstellung.

Entscheidungen müssen mit dem Vormund besprochen werden

Entscheidungen, wie Julius Wunsch, getauft zu werden, müssen mit dem Vormund besprochen werden. Irgendwann hat der Klassenlehrer Familie S. vorgeschlagen, die Treffen mit der Herkunftsfamilie auf freitags zu verlegen. Damit das Kind nicht so aufgewühlt in die Schule kommen muss, sondern das Wochenende zur Verarbeitung hat.

Pflegeeltern brauchen Geduld, gute Nerven und Verständnis

Und zum Ankommen im blauen Zimmer, mit den Bildern seiner zwei Familien an der Wand. Was Pflegeeltern aus Sicht von Stefan und Sabine S. mitbringen müssen? " Geduld, gute Nerven und Verständnis. Sie müssen sich einlassen aufs Kind, für einen strukturierten Tagesablauf sorgen", sagt Stefan S. "Und Verständnis haben für die Herkunftsfamilie", ergänzt Sabine S. Eins ist auch ihrem Mann wichtig: "Wer das aus finanziellen Gründen machen möchte, sollte davon schnell Abstand nehmen." Schlimm findet er, dass manche jede Kugel Eis abrechneten.

Vor der Vorstellung an seiner neuen Schule hatte Julius Respekt. "Meine Eltern heißen anders als ich", hat er dann zu seiner Klasse gesagt. "Aber sie sind trotzdem meine Mama und mein Papa."

 

Kontakt für Interessierte

Pflegeeltern sind keine Profis. Sie dürfen keine psychische Erkrankung haben und keine, die zum baldigen Tod führt oder hoch ansteckend ist. Auch Alleinerziehende und homosexuelle Paare ziehen in der Region Pflegekinder auf. In mehrtägigen Seminaren wollen die Jugendämter Anwärtern ein realistisches Bild vermitteln. Die meisten Kinder, die vermittelt werden, sind im Grundschulalter. Interessenten, die ein Kind aufnehmen möchten, melden sich beim Landratsamt unter 07131?/?9941199 oder, wenn sie in Heilbronn wohnen, beim städtischen Jugendamt unter 07131/562648. 

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