Pflegeeltern werden in Heilbronn dringend gesucht
In der Stadt Heilbronn gibt es zu wenig Familien, die ein Kind in Obhut nehmen: Willkommen sind Interessenten aber auch im Landkreis.

Die Lage ist angespannt: "Wir suchen dringend Pflegeeltern in Heilbronn", sagt Marina Becker-Kremsler vom städtischen Pflegekinderdienst. "Für die Kurzzeitpflege, wenn ein Elternteil auf Entzug ist oder im Krankenhaus. Und in der Bereitschaftspflege, die spontan oder geplant sein kann, sowie in der Vollzeitpflege." Derzeit könne der Bedarf nicht gedeckt werden. Die Folge: "Die Kinder sind länger in den Bereitschaftspflegefamilien, bevor sie weitervermittelt werden können." Der Mangel an geeigneten Bewerbern sei auch für sie schwierig.
Mit zehn Familien mehr wäre das Jugendamt Heilbronn sehr glücklich
"Mit zehn Familien mehr wären wir sehr glücklich, mit 20 würden wir auf Wolken schweben", sagt Becker-Kremsler. 106 Pflegefamilien betreut das Jugendamt derzeit, 119 Pflegekinder sind dort untergebracht.
Die Lage in Städten ist immer schwieriger
Generell sei in den Städten die Situation immer problematischer, weil es durch die Kliniken auch mehr zu vermittelnde Babys gebe, etwa von suchtkranken Müttern. "Vor einigen Jahren mussten wir in acht Wochen acht Babys vermitteln. Da sind uns alle Plätze ausgegangen." Der Anteil berufstätiger Frauen sei hoch, die Bereitschaft, Pflegefamilie zu sein, sei damit kleiner als auf dem Land.
Im Landkreis ist die Situation entspannter. 220 Pflegefamilien betreuen dort rund 230 Kinder, weiß Joachim Caspari vom Landratsamt. "Einige nehmen sogar drei oder vier Kinder." Mangel gebe es derzeit zwar nicht, "wir freuen uns aber sehr über jeden, der sich bewirbt".
Das fetale Alkoholsyndrom ist ein großes Problem bei Kindern
Trotzdem komme es vor, dass keine passende Pflegefamilie gefunden werde. Etwa, wenn die Mutter während der Schwangerschaft getrunken habe und das Kind unter fetalem Alkoholsyndrom (FAS) leide. "Solche Kinder sind schwer zu erziehen, weil sie nicht aus Erfahrung lernen, keine Bindung aufbauen und buchstäblich über Tische und Bänke gehen", sagt Caspari. Seine Kollegen aus dem Stadtkreis bestätigen das. "FAS nimmt seit zehn Jahren massiv zu", sagt Heike Linnemann vom Pflegekinderdienst Heilbronn.
Oft sind die Eltern wegen eigener Probleme nicht in der Lage, für die Kinder zu sorgen
Warum ein Kind in einer Pflegefamilie untergebracht wird, dafür gibt es viele Gründe. "Meist sind die Eltern wegen eigener Probleme nicht in der Lage, den Nachwuchs zu versorgen," so Linnemann. Drogen, Kindeswohlgefährdung und psychische Erkrankungen spielten eine Rolle. "Obdachlosigkeit allein ist kein Grund, ein Kind aus einer Familie zu nehmen", sagt Caspari. Wenn die Eltern keine Tagesstruktur schaffen könnten, oder es zu wenig zu essen gebe, werde es schwierig.
Eine Pflegefamilie wird zu einer transparenten Familie, bei der das Amt mitspricht
Im Stadtkreis sind die zu vermittelnden Kinder meist bis zu 17 Jahre alt. "Corona hat die Situation auch für Pflegeeltern verschärft," sagt Linnemann. Erschwert war der Kontakt, die Überprüfung neuer Familien und die Schulung interessierter Paare. Was sie mitbringen sollten? "Vom Alter her sollten sie höchstens 40 Jahre plus das Alter des Kindes sein", so Becker-Kremsler. Wichtig: Sie bekämen kein Adoptivkind, sondern es gebe Herkunftseltern, denen man Respekt entgegenbringen müsse. "Sie werden eine transparente Familie, bei der das Amt mitspricht." Für den Einsatz gibt es Pflegegeld und Zuschüsse, was nicht den Ausschlag geben sollte: "Es ist auch ein Knochenjob." Selten sind Rückführungen, noch seltener Adoptionen. Drei in 30 Jahren hat sie erlebt.
Kommentare öffnen

Stimme.de
Kommentare