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Heilbronner Delegation in Wutöschingen
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So läuft Unterricht ohne Schulbücher und ohne Klassen

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Heilbronn vor dem großen Schub bei der Schul-Digitalisierung: Delegation aus der Stadt besucht Vorzeige-Gemeinschaftsschule in Wutöschingen an der Schweizer Grenze. So läuft dort der Unterricht ab.

Lernen auf der Couch und mit Tablets (von links): Trinity, Noemi und Delilah besuchen die zehnte Klasse der Alemannenschule in Wutöschingen − sie gilt als außergewöhnlich.
Lernen auf der Couch und mit Tablets (von links): Trinity, Noemi und Delilah besuchen die zehnte Klasse der Alemannenschule in Wutöschingen − sie gilt als außergewöhnlich.  Foto: Gajer, Simon

Die Alemannenschule in Wutöschingen gilt für viele Lehrer und Rektoren in der Region Heilbronn als eine, wenn nicht sogar als die Schule, an der man sich beim neuen, erfolgreichen Unterricht orientieren sollte. So mancher Pädagoge würde gern genauso unterrichten, auch wenn das als erstes eines bedeutet: gegen große Bedenken von Lehrern, Eltern und Verantwortlichen im Kultusministerium ankämpfen, die eher klassischen Unterricht bevorzugen.

Die Gemeinschaftsschule mit über 800 Kindern kurz vor der Schweizer Grenze fährt mit ihrem Ansatz gut. Das verdeutlicht Rektor Stefan Ruppaner bei einem Rundgang mit einer Delegation aus der Stadt Heilbronn: Seine Gemeinschaftsschule liegt bei Vergleichsanalysen für Achtklässler in Deutsch und Mathe über dem Landesschnitt. Die Jugendlichen der gymnasialen Oberstufe haben die Schule mit einem Abischnitt von 1,7 verlassen. Und das – oder gerade weil – es ein sehr außergewöhnlicher Unterricht ist.

Im wöchentlichen Stundenplan gibt es kaum feste Stunden. Wer sich bewährt, darf außerhalb eines herkömmlichen Zimmers lernen, von denen es aber nur sehr wenige gibt. Und ab einem gewissen Alter können zuverlässige Jugendliche sogar einen Schlüssel bekommen: Schule 24/7 inklusive Fitnessraum. "Je weniger Unterricht wir geben, desto besser sind unsere Ergebnisse", fasst er zusammen – wenn Unterricht in klassischer Form verstanden wird: Lehrer vorn, Kinder und Jugendliche mit Buch im Zimmer.

Alemannenschule aus Wutöschingen verzichtet weitestgehend auf Schulklassen

Stefan Ruppaner ist ein Mann klarer Worte. Und seine Ausführungen zeigen, warum ihn mancher in der Kultusbürokratie gern loshaben würde. "Wir haben keine Klassen, in die wir die Gleichaltrigen sperren", sagt er. Als Werbung für Gemeinschaftsschulen will der Schulleiter seine Ausführungen nicht verstanden wissen. Für ihn zählt etwas anderes: "Das selbstorganisierte Lernen ist gut."

Kinder bekommen Input in eigenen Räumen, im Anschluss daran entscheiden sie je nach Status selbst, wo sie es vertiefen. Sie lernen auf Sofas, sitzen auf dem Boden und lehnen an der Heizung, liegen auf dem Teppich – dass Hausschuhe Pflicht sind, macht hier Sinn. Nur so ist es überhaupt möglich, beim Lernen zu lümmeln. Mit Straßenschuhen brächte jeder Schmutz mit. Ältere Jugendliche lernen mit jüngeren, mal bleiben sie unter sich oder suchen das Gespräch mit ihrem Lehrer.


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Die Gemeinschaftsschule hat sich deutschlandweit einen guten Ruf erarbeitet. Eine Familie sei sogar aus Hannover in den Süden gezogen, erzählt Rektor Stefan Ruppaner, nur damit das Kind hier die Schule besuchen darf. Lehrer zählen nicht die Unterrichtsstunden, sie haben feste Zeitstunden an der Schule. Und weil sie nicht an einen starren Stundenplan gebunden sind, stehen sie jedem Schüler mindestens 15 Minuten pro Woche für ein individuelles Gespräch zur Verfügung. Das Feedback, zeigt der Rektor, ist ausführlich und geht weit über das hinaus, was im Unterricht behandelt wurde. "Kern von allem ist das Coaching", sagt der Rektor.

Kinder mit iPads: Schulbücher sind an der Gemeinschaftsschule nicht erforderlich

Die Kinder sind überwiegend digital unterwegs. Sie arbeiten an iPads, zücken aber manchmal auch Block und Stift. Nur eines gehört spätestens ab Klasse fünf der Vergangenheit an: Schulbücher. "Sie sind des Teufels", bringt es Stefan Ruppaner überspitzt auf den Punkt. "Sie organisieren Lernen im Gleichschritt." Das Material stellen Lehrer der Alemannenschule mit Kollegen anderer Schulen digital zur Verfügung.

Der Unterricht begeistert Jugendliche, die noch nicht so lange dabei sind, wie etwa Trinity aus der Zehnten. Die Schule sei offener, sagt sie, hier könne man sich selbst verwirklichen und lerne viel mehr Personen kennen als in anderen Schulen, sagt sie. An das System mit iPads und einem Unterricht, den man selbst zusammenstellt, gewöhnte sie sich schnell. Mitschülerin Noemi stimmt zu: "Das ist nicht kompliziert."


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Heilbronner Delegation vor Ort: Das nehmen die Vertreter mit in die Region

Heilbronn steht vor einem Schub bei der Schuldigitalisierung, an der Alemannenschule hakt die Delegation zur digitalen Lernplattform, dem Laden der Tablets oder den Leihverträgen nach. Die Akademie für Innovative Bildung und Management (AIM) ist dabei. Melanie Haußmann erkundigt sich als eine Geschäftsführende Rektorin in Heilbronn und Leiterin der Heinrich-von-Kleist-Realschule unter anderem zur Einstellung der Lehrer. Die Fahrt trage mit dazu bei, von den Besten zu lernen, fasst es Karin Schüttler zusammen, die im Rathaus das Schul-, Kultur- und Sportamt leitet. René Bertsch von der Johann-Jakob-Widmann-Schule in Heilbronn vertritt im Südschwarzwald die beruflichen Schulen: Beim Coaching an seiner Schule würde er gern mehr machen, sagt er mit Blick auf Wutöschingen.

Antje Kerdels, Direktorin des Robert-Mayer-Gymnasiums und Geschäftsführende Schulleiterin der Heilbronner Gymnasien, sieht Potenzial, beim digitalen Unterricht Ideen mitzunehmen. Über digitale Wege könnten Lehrer den Kindern beispielsweise unterschiedliche Aufgaben geben und sie so individueller fördern. Die Kinder können über Tablets besser zusammenarbeiten. Die Endgeräte, die in Heilbronn verteilt werden, sollen einen Mehrwert bringen, nicht nur für leichte Schulranzen sorgen. "Die iPads sollen ja sinnvoll verwendet werden."

 
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