Steillagen-Retter warnt vor Verfall der Terrassenweinberge
Bertram Haak schärft den Blick für terrassierte Steillagen an Neckar und Enz. Und er warnt vor deren Verfall, weil sich der Weinbau dort nicht mehr rentiert.

Eigentlich müssten die terrassierten Steillagen an Neckar und Enz zum Weltkulturerbe erhoben werden. Auch ökologisch haben sie einen hohen Wert. Doch ihre Bewirtschaftung rentiert sich nicht mehr. Verbraucher honorieren den Aufwand kaum. Bertram Haak, Markenbotschafter der Lembergerland-Kellerei in Rosswag, hebt die Einzigartigkeit hervor und warnt vor dem Zerfall.
Warum haben Wengerter früher solche aufwendigen Terrassen aufgeschichtet und die Reben nicht einfach in der Ebene gepflanzt?
Bertram Haak: Im 9. Jahrhundert ist die Bevölkerungszahl in Europa in die Höhe geschossen. Getreide wurde knapp, und weil es nur in der Ebene wächst, musste der Weinbau in die Hänge weichen. Zur Stabilisierung musste man Stützmauern bauen, meist ein bis zwei Meter hoch, aber auch bis zu acht Meter, wie es etwa in Gundelsheim heute noch zu sehen ist. Ein Wahnsinnsaufwand, der zeigt: Wein hatte stets einen hohen Stellenwert, aus religiösen, aber auch aus medizinischen und hygienischen Gründen.
Wie alt wird eigentlich so eine Terrassenanlage, wie viele gibt es davon heute noch?
Haak: So alle 100 Jahre müssen die Mauern saniert werden, bei uns ist das meiste Muschelkalk, der bröselt mit der Zeit. Bis zu den Flurbereinigungen, also bis in die 1970er gab es fast überall Mäuerchen, schauen Sie sich die alten Bilder vom Heilbronner Wartberg an. Heute sind es in Württemberg noch rund 800 von 11?000 Hektar, deutschlandweit nur knapp 1000. Steillagen ohne Mauern gibt es aber viel mehr.
Wie definiert man eigentlich den Begriff?
Haak: Terrassenlagen haben Mauern, die kleine ebene Beete mit Reben stützen. Von Steillage spricht man ab 30 Grad Hangneigung, von Steilstlage ab 45. Man kann sich das mit einem Schenkel am Geodreieck vorstellen. Es gibt aber auch Weinberge mit bis zu 75 Grad Neigung. Steillagen kann man maschinell mit einem Seilzug bearbeiten, weil keine Mauern dazwischen sind. In Terrassen ist so gut wie alles Handarbeit.
Heute sieht man immer mehr Brachen, wohl wegen des hohen Aufwands, kann man den beziffern?
Haak: Um ein Hektar Terrassenweinberge aufzubauen, benötigt man bis zu 500.000 Euro. Und für die Bewirtschaftung braucht man 1500 bis 1800 Jahresarbeitsstunden pro Hektar. In der Ebene und am Hang, eben dort, wo man mit Maschinen fahren kann, sind das nur 150 bis 400 Stunden. Deshalb gibt es derzeit die Tendenz, mit den Reben in Flachlagen auszuweichen.
Ist der Wein aus Steillagen tatsächlich besser?
Haak: Nicht automatisch, Qualität hängt von vielen Faktoren an. Früher war das wohl eher eine Ertragssicherung: durch bessere Sonneneinstrahlung und weil die tagsüber erwärmten Steine nachts eine Art Frostschutz sind. Heute spielt das nicht mehr diese Rolle.
Ist es mit der Klimaerwärmung nicht sogar schwieriger, dort gesunde Trauben zu produzieren? Stichwort: Trollinger mit Sonnenbrand.
Haak: Ja, das erfordert robuste Rebsorten, für die man auch weniger Pflanzenschutzmittel braucht. Das ist auch gut für die Natur. Und es ergibt neue, andere Weintypen.
Lauter Probleme, bergen Terrassen auch Vorteile?
Haak: Da geht es nicht nur ums Geld. Man muss das Ganze sehen: Landschaftsbild, Lebensraum für viele Arten, auch Emotionen, Heimat. Es arbeiten dort eher Nebenerwerbswengerter mit Herzblut, denen macht das Spaß, als Hobby, zum Ausgleich, aus Tradition, aus Stolz. Aber es werden weniger, durch den Generationenwechsel und den Strukturwandel hin zu Großbetrieben.
Gibt es auch einen gesellschaftlichen Nutzen?

Haak: Abgesehen vom Umweltaspekt prägen Reben unsere Landschaft. Gerade in Flusstälern mit Terrassen ist das spannend zu sehen, wie in den Bergen: Hinter jeder Biegung etwas Neues, das hat Erlebnis- und Erholungswert. Da wären wir beim Tourismus mit seiner Wertschöpfungskette: von der Gastronomie über die ganze Freizeit- und Kulturbranche und andere Genusshandwerker bis zum Winzer. Letztlich profitieren im Idealfall ganz viele davon, weil das Geld in der Region bleibt und in die Region kommt.
Gibt es eigentlich staatliche Hilfen?
Haak: Seit kurzem gibt es eine Handarbeitsprämie von 30 Euro je Ar, die jedoch sehr aufwendig zu beantragen ist. Auch Neupflanzungen werden gefördert. Die Ludwigsburger Sparkassenstiftung gibt Geld für den Maueraufbau, das tun auch manche Kommunen. Inzwischen kann man auch Öko-Punkte sammeln, also Eingriffe in die Natur mit dem Mauerbau kompensieren. Aber im Prinzip sind das Tropfen auf den heißen Stein, außerdem sollte sich das selber tragen.
Was müsste vom Aufwand her eigentlich eine Flasche Wein aus terrassierten Steillagen kosten?
Haak: 20 bis 30 Euro, aber in der Regel bekommt der Winzer nicht mehr als fünf bis acht, für Top-Produkte auch mehr. Im Prinzip subventionieren viele Betriebe mit Flachlagen ihre Terrassen.
Wie erkenne ich am Etikett eigentlich einen Wein aus Steillagen oder aus Terrassen?
Haak: Rechtlich darf Wein aus Steillagen draufstehen, aber das ist selten so. Inzwischen gibt es wenige Projekte mit Markenweinen, die optisch oder begrifflich darauf anspielen. In Rosswag die 401, die für 401 Stäffele steht, oder das Projekt Weinbergwerk von drei Genossenschaften.
Verbraucher honorieren also den Mehrwert nicht.
Haak: Viele sind ja auf billig getrimmt. In Württemberg ist es halt auch so, dass Wein Alltagsgetränk war, im Henkelglas, in der Literflasche, so nach dem Motto: Wir trinken unseren Wein selbst. Das förderte die Identifikation der Leute mit der Landschaft oder mit Qualitätsprodukten nicht. Das alte Image haftet uns leider heute noch an. Vor allem außerhalb der Weinregionen haben Deutsche ein Problem, sich mit heimischen Produkten zu identifizieren oder gar stolz darauf zu sein. Solche Emotionen holt man sich lieber im Urlaub – und damit auch den Wein.
In Südtirol, Österreich, in mediterranen Ländern.
Haak: Dort haben die Einheimischen einen ganz anderen Bezug zur Landwirtschaft. Wein wird da sehr wertgeschätzt, man ist stolz drauf. Und wer manche blühende Wein- und Urlaubsregion besucht, sieht, was eine intakte Wertschöpfungskette bewirkt. Da profitieren fast alle.
Die Corona-Krise, so sagt man zumindest, habe den Sinn für Regionalität gestärkt?
Haak: Ja, da hat man gesehen, wie wichtig es ist, sich selbst versorgen zu können und wohin die Abhängigkeit von Importen führen kann. Das wird jetzt im Ukraine-Krieg noch deutlicher.
Zur Person
Bertram Haak (60) ist Vorsitzender des Fördervereins der Weinbauschule Weinsberg, Markenbotschafter der Lembergerland-Kellerei Rosswag, Wein- und Käsesommelier, Musiker und Wanderer. Er lernte Automechaniker, Küfer, Weinbautechniker und studierte in Zürich Marketing.


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