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Heilbronn

"Spazierengehen ist in allen Altersgruppen beliebt"

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In Corona-Zeiten ist der Spaziergang zur bevorzugten Freizeitbeschäftigung für viele Menschen geworden. Kulturwissenschaftlerin Gudrun König spricht über die historische Entwicklung des Spaziergangs - und seine Zukunft nach der Pandemie.

Spazierengehen an der frischen Luft ist eine Wohltat für Körper und Geist.
Foto: Kzenon/stock.adobe.com
Spazierengehen an der frischen Luft ist eine Wohltat für Körper und Geist. Foto: Kzenon/stock.adobe.com  Foto: Kzenon/stock.adobe.com

Vieles ist gerade nicht möglich. Aber Spazierengehen an der frischen Luft, das geht. So ist der Spaziergang zur bevorzugten Freizeitbeschäftigung für viele geworden. Die Kultuwissenschaftlerin Gudrun König über die historische Entwicklung des Spaziergangs - und seine Zukunft nach der Pandemie.

 

Welchen Stellenwert hatte der Spaziergang in früheren Epochen?

Gudrun M. König: Spazierengehen erscheint uns als Selbstverständlichkeit. Etwas, das es schon immer gab. Aber dem ist nicht so. Es ist eine kulturelle Praktik, als solche gelernt und veränderbar. Spazierengehen bedarf gewisser gesellschaftlicher Voraussetzungen: freie Zeit, Distanz zur Natur, Wege ins Grüne und bürgerliche Öffentlichkeit. Erst mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert wurden die Voraussetzungen dafür geschaffen, die Schönheit der Natur ästhetisch wahrzunehmen. Zentral für diese Entwicklung ist die Veränderung der Naturwahrnehmung von einer bedrohlichen zu einer bedrohten Größe.

 

In welcher Zeit hat sich dieser Wandel vollzogen?

König: Die Jahre um 1800 gelten als gesellschaftliche "Erfindung" des öffentlichen Grüns. Bis dahin waren Parks und erste Landschaftsgärten dem müßiggehenden Adel vorbehalten. Dann etablierte sich eine bürgerliche Schicht, die freie Zeit hatte und die ihren politischen Anspruch auf Teilhabe durch den Gang ins Freie demonstrierte. Städtische Bollwerke zur Verteidigung, militärisch nutzlos geworden, wurden geschleift, Alleen angelegt, Parks geöffnet. Der Spaziergang auf der Promenade wurde zum gesellschaftlichen Ereignis. Parallel hatten sich gesundheitliche Vorstellungen gefestigt, zuvor bereits in den Bade- und Kurorten erprobt, die dem Gehen im Freien prophylaktische und regenerative Funktionen zusprachen. Die Geschichte des Spazierengehens ist ein Resultat dieser Vernetzung diverser Entwicklungen.

 

Welche Bedeutung hatte das Flanieren in Parks oder Gärten in der Zeit der großen deutschen Dichter?

König: Literarische wie künstlerische Schilderungen sind gleichzeitig Vorbild wie Abbild der Zeit: Der Osterspaziergang vor dem Tor in Goethes "Faust" beschreibt die Begegnung unterschiedlicher Klassen und Schichten. Moritz von Schwinds "Spaziergang vor dem Stadttor" (1827) oder Carl Spitzwegs "Sonntagsspaziergang" (1841) begleiten die Etablierung des Spaziergangs als bürgerliche Praktik. Am Ende des 19. Jahrhunderts wird mit der Einrichtung sogenannter Volksgärten der Effekt des Gehens im Grün als Naherholung für alle Klassen und Schichten gartenarchitektonisch in den größer werdenden Städten umgesetzt.

 

Ist der Spaziergang in der heutigen Zeit - vor Corona - nicht von anderen Freizeitaktivitäten wie Radfahren oder Joggen verdrängt worden?

König: Spazierengehen hat in den letzten Jahrzehnten statistisch seine Attraktivität als Freizeitvergnügen behalten. Im Vergleich der Jahre 2016 und 2020 lässt sich ein moderater Anstieg bei Spaziergängen beobachten. Zugenommen hat insbesondere die Tendenz, mehrmals wöchentlich zu spazieren und damit den Sonntagsspaziergang zu ergänzen. Die Beliebtheit ist generationenspezifisch verteilt. Das heißt, es gibt Konkurrenzvergnügungen in unterschiedlichen Altersgruppen - zum Beispiel Joggen bei den Jüngeren oder Walken im mittleren Alter.

 

Was hat sich im Lockdown verändert?

König: Der Spaziergang ist in allen Altersgruppen gleichermaßen beliebt geworden, weil sich mit ihm Gespräche besser verbinden lassen als mit anderen sportlichen Aktivitäten im Freien. Körperliche Bewegung und freundschaftliche Begegnung sind parallel möglich. Die Auszeit auf der Parkbank mit Kaffee aus der Thermoskanne ersetzt den Gang ins Café. Das Sitzen im Homeoffice ohne Arbeitsweg und Kantinengeplauder, geschlossene Fitnessstudios und fehlender Vereinssport haben dem leicht realisierbaren Spaziergang neue Aufmerksamkeit beschert.

 

Glauben Sie, dass der Spaziergang als Freizeitbeschäftigung nach der Pandemie bleibt?

König: Sicher bleibt er, er war ja nicht verschwunden. Vermutlich wird er sich jedoch wieder generationenspezifisch auffächern. Alternative Vergnügungen und Reisen werden wieder möglich sein. Der Spaziergang wird mehr Konkurrenz haben und sportive Alternativen seine Alleinstellung als geselliges und gesundes Vergnügen nivellieren.

 

Wo ist die Abgrenzung zum Wandern?

König: Das Wandern grenzt sich ab durch die Dauer, die Örtlichkeit und die Ausrüstung - insbesondere beim Schuhwerk und zum Teil durch Funktionskleidung. Der Spaziergang wird in seiner Corona-Alltäglichkeit zwar nicht in der Sonntagskleidung getätigt, aber in der Regel benötigt er keine spezifische Kleidung und keine größere Vorbereitung. Beim Spaziergang kehrt man an den Ausgangsort zurück, die Wanderung kann längere Wegstrecken mit Übernachtung bedeuten.

 

Spazierengehen fördert die Gesundheit

"Wer sich regelmäßig bewegt, lebt gesünder und länger", sagt Professor Michael Clarius, Chefarzt Orthopädie an der Bad Rapppenauer Vulpius-Klinik. Spazierengehen habe medizinisch viele Vorteile. "Es ist gelenkschonend, fördert die Durchblutung, trainiert die Muskulatur, regt den Kreislauf an und verbessert die Durchlüftung der Lunge." Durch das Draußensein und die damit verbundene Sonnenexposition könne der Körper das wichtige Vitamin D bilden. Clarius sagt: "Die Geschwindigkeit spielt dabei eine untergeordnete Rolle, wichtig ist eine Regelmäßigkeit." Sein Rat: Öfter mal das Auto stehen lassen und zu Fuß gehen. Die Mobilität habe große Bedeutung für die Lebenserwartung, sogar "mehr als viele Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Adipositas". Gehe sie verloren, sei mit einer deutlich reduzierten Lebenserwartung zu rechnen. 

 

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