Sorgt eine Quote für mehr Landärzte?
Weil die medizinische Versorgung in ländlichen Gebieten wegbricht, will die Politik mit einer Landarztquote gegensteuern. Doch es gibt Zweifel am Sinn der Maßnahme.

Nach langen Diskussionen hat der Landtag in Stuttgart Anfang Februar mit Stimmen von Grünen und CDU die sogenannte Landarztquote beschlossen. 75 Studienplätze pro Jahr werden demnach an Studienanfänger in der Humanmedizin vergeben, die Landarzt werden möchten, aber nach dem herkömmlichen Verfahren keinen Studienplatz bekommen haben.
Diese Studierenden verpflichten sich im Gegenzug, nach ihrem Abschluss für zehn Jahre als Hausarzt in einem Gebiet zu arbeiten, in dem es einen Ärztemangel gibt. Halten sich die Absolventen nicht an den Vertrag, droht ihnen eine Strafe von bis zu 250.000 Euro.
In der Landesregierung verspricht man sich von der Quote eine Verbesserung der ärztlichen Versorgung. Denn der Mangel ist stellenweise groß und wird sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen. Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) geht von derzeit 662 unbesetzten Stellen für Hausärzte aus (Stand Oktober 2020). Von den 7074 Hausärzten im Land sind 36,6 Prozent über 60 Jahre alt.
Wer jetzt mit dem Studium beginnt, steht frühestens in zwölf Jahren für die Versorgung zur Verfügung
Bei der Bewertung der Landarztquote ist die KV zurückhaltend. "Wir lehnen diese Maßnahme nicht ab, man kann das sicher einmal probieren", sagt KV-Sprecher Kai Sonntag. Die Quote löse jedoch die unmittelbaren Probleme nicht. Die Mediziner, die jetzt mit der Ausbildung beginnen, stünden frühestens in zwölf Jahren für die Versorgung zur Verfügung. "Erst dann wird man sehen, ob man mit dieser Maßnahme erreicht, was man sich davon verspricht."
Die Techniker Krankenkasse (TK) veranstaltet seit vielen Jahren eine sogenannte Doc-Tour im Land, um Medizinstudierenden schon früh Einblicke in den Berufsalltag niedergelassener Mediziner zu ermöglichen und ihnen so den Weg in den Beruf zu ebnen. TK-Landeschef Andreas Vogt sagt: "Um die jungen Ärzte dauerhaft für eine Niederlassung als Vertragsarzt zu gewinnen, müssen die Arbeitsbedingungen so attraktiv wie möglich gestaltet werden." Quotenregelungen spielten da "keine entscheidende Rolle".
SPD fordert mehr Unterstützung bei der Niederlassung
Noch deutlicher wird Rainer Hinderer, Gesundheitspolitischer Sprecher der SPD im Landtag: "Wir lehnen es ab, dass ein Studienplatz ein Preisschild bekommt", sagt er. Es sei absurd, von Studierenden schon zu einem solch frühen Zeitpunkt eine so weitreichende Festlegung zu verlangen. Hinderer plädiert stattdessen für ein "Maßnahmenbündel, das den Beruf des Hausarztes insgesamt attraktiver macht": monetäre Anreize und Hilfestellungen bei der Niederlassung zum Beispiel - viele Kommunen unterstützten diesbezüglich ja schon. Auch die Schaffung von Weiterbildungsverbünden oder eine gezielte Lenkung zu einem späteren Zeitpunkt des Studiums könnten helfen, so Hinderer.
In der Region gibt es seit 2012 den sogenannten "Weiterbildungsverbund Allgemeinmedizin im Regionalnetz Heilbronn", ein Kooperationsprojekt von Bezirksärztekammer Nordwürttemberg, etwa 30 niedergelassenen Ärzten und den SLK-Kliniken. Ziel sei "eine eng verzahnte Weiterbildung im stationären und ambulanten Bereich für das Fachgebiet Allgemeinmedizin", erklärt ein SLK-Sprecher. Der stationäre Teil werde an den Kliniken absolviert, der ambulante Teil der Weiterbildung finde in hausärztlichen Praxen statt und werde von den teilnehmenden Hausärzten begleitet. Acht Weiterbildungsteilnehmer seien aktuell bei SLK im Einsatz, 19 angehende Ärzte hätten das Programm insgesamt seit 2012 absolviert.
SLK und niedergelassene Ärzte haben 2012 eine gemeinsames Ausbildungsprogramm aufgelegt
"Das ist eine absolute Win-Win-Situation für alle Beteiligten", sagt Wolfgang Linhart, Ärztlicher Direktor am Klinikum Gesundbrunnen in Heilbronn. SLK profitiere von den jungen Medizinern, die drei Jahre lang in unterschiedlichen Bereichen mitarbeiteten. Für die Teilnehmer bedeute das Programm weniger eigenen Organisationsaufwand und mehr Planungssicherheit, denn SLK setzt sie nach einem vorher besprochenen Rotationsplan ein - die Mediziner müssten sich ihre Einsatzgebiete nicht selbst suchen.
Auch die Möglichkeit zur Vernetzung sei langfristig ein Benefit: "Die künftigen niedergelassenen Kollegen lernen Ansprechpartner bei SLK kennen und wir lernen die künftigen Zuweiser kennen." Das sei für die Gesundheitsversorgung insgesamt von Bedeutung, sagt Linhart. Er betont: "Hausärzte sind ein zentraler Bestandteil des Gesundheitssystems. Sie nehmen uns im Krankenhaus viel Arbeit ab, deshalb ist es auch wichtig, dass das Krankenhaus etwas dafür tut, dass Hausarztstellen besetzt werden."
Auch bei der digitalen Vernetzung hapert es noch gewaltig
Damit "eine gute medizinische Versorgung auch in ländlichen Regionen garantiert" werden könne, sei ein weiterer Punkt wichtig, betont die TK: die digitale Vernetzung von Landärzten mit anderen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern im Rahmen eines telemedizinischen Versorgungsnetzes. "Der schnelle Austausch mit Spezialisten in Kliniken bietet Landärzten die Chance, eine Schlüsselrolle im Gesundheitswesen auf hohem fachlichen Niveau ausüben zu können", sagt Vogt.
Aber auch in diesem Bereich sind noch Hürden zu überspringen. An einer flächendeckenden Infrastruktur, die Akteure im Gesundheitswesen miteinander vernetzen und Patienten Zugriff auf ihre digitalen Patientenakten geben soll, wird seit Jahren gearbeitet - Ende offen.
Was Mediziner und eine Studentin von der Landarztquote halten
Sonja Klein, 33, Heidelberg: Zu schlechte Infrastruktur auf dem Land

Was das Leben bringt, kann man nicht wissen und schon gar nicht als Abiturientin, sagt Sonja Klein zur Landarztquote. Sie selbst hat erst nach einem Bachelor in Biologie und einem Master in Journalismus mit dem Medizinstudium begonnen und steht nun vor ihrem zweiten Staatsexamen. Und noch immer kann sich die 33-Jährige nicht endgültig auf eine Fachrichtung festlegen – Allgemeinmedizin oder Pädiatrie wird es wohl werden. Dass sie sich niederlassen und nicht an einer Klinik arbeiten will, ist für sie hingegen klar. "Das ist persönlicher."
Landärztin zu werden – mit dem Gedanken hat Sonja Klein lange gespielt, ist inzwischen aber wieder davon abgekommen. Zumindest soll es nicht aufs "tiefe Land gehen". Die Infrastruktur sei einfach zu schlecht. Klein möchte in der Nähe einer größeren Stadt bleiben. "Aber auch da gibt es Unterversorgung", weiß sie. Eine wichtige Rolle spiele bei dieser Entscheidung natürlich der Partner. Diesen habe man im Normalfall in der Schule aber noch nicht kennengelernt. Wenn der später nicht aufs Land möchte oder beruflich nicht kann, sei das ein Problem. Wer dann nur wegen eines Vertrags Landarzt werde, übe den Beruf wohl nicht mit Leib und Seele aus. "Und das muss man", ist Klein überzeugt. Sie befürchtet auch, dass Medizinstudent mit reichen Eltern die Vertragsstrafe in Kauf nehmen könnten und sich so quasi einen Studienplatz erkaufen.
Laura Jung, 29, Stuttgart: Beruf attraktiver machen

Sinnvoller als die Landarztquote fände Laura Jung, "den Job als Landärztin attraktiver zu bewerben". Sie ist seit Mai 2020 approbierte Ärztin und bildet sich derzeit in Stuttgart zur Neurologin weiter. "Das hat sich erst im letzten Studienjahr entschieden", berichtet sie. Ihre bevorzugte Fachrichtung habe sich mehrfach geändert. Deshalb hält Jung es auch für unrealistisch, sich schon bei der Bewerbung um den Studienplatz festzulegen. Außerdem könne sich privat während des doch recht langen Studiums einiges ändern.
Um mehr junge Menschen für die Allgemeinmedizin zu begeistern, müsste es ihrer Meinung nach mehr Schnupper-Angebote geben. Sie selbst hat während des Studiums zwei Praktika in Hausarztpraxen gemacht und bei einer Info-Tour der Techniker Krankenkasse teilgenommen. Diese Erfahrungen hätten ihr sehr geholfen, um zu verstehen, was Allgemeinmedizin alles beinhaltet und wie ein Praxisalltag funktioniert. "Die ,Doc-Tour´ hat auf jeden Fall dazu beigetragen, eine Niederlassung auf dem Land in Betracht zu ziehen", blickt Jung zurück. Derzeit fühle sie sich aber in ihrer Heimatstadt Stuttgart sehr wohl und wisse noch nicht, ob es sie einmal aufs Land ziehe. Grundsätzlich sei der Ruf der Allgemeinmedizin aber nicht so schlecht wie es oft heiße. Sie habe viele Studierende kennengelernt, die sich in einer Landarztpraxis niederlassen wollten.
David Jurgowski, 27, Heilbronn: Frühe Entscheidung fällt schwer

"Für die meisten Medizinstudenten ist es sehr schwierig, sich zu Beginn des Studiums auf eine verpflichtende Tätigkeit festzulegen und dann auch noch für zehn Jahre", sagt David Jurgowski, der Assistenzarzt im Klinikum am Gesundbrunnen in Heilbronn ist. Er habe aber auch Studenten kennengelernt, die eine Vorausbildung hatten - etwa als Pfleger oder Rettungssanitäter. Diese hätten ganz genau gewusst, worauf sie hinarbeiteten.
Wer eine so genaue Berufsvorstellung hat, aber an den hohen Einschreibehürden fürs Medizinstudium scheitere, für den sei die Landarztquote eine Option, findet Jurgowski. Wer aber direkt von der Schule starte, wisse viel zu wenig über den Arztberuf oder die Allgemeinmedizin, ist sich der 27-Jährige sicher. Er selbst habe lange gedacht, dass sein Weg klar sei und er in die Chirurgie möchte. Während des praktischen Jahrs hat Jurgowski sich aber in Richtung Innere Medizin umorientiert. Seit November arbeitet er in der Hämatoonkologie.
"Die Entscheidung war genau richtig", sagt er. Sie sei aber sehr spät gefallen. Aufgrund dieser Erfahrung sieht er die Landarztquote kritisch. Ob sie die Lösung für den Ärztemangel auf dem Land sein werde, wisse er nicht. Hilfreich wäre nach seiner Auffassung, die Allgemeinmedizin als Fachrichtung zu stärken und Vorurteile gegenüber einer Niederlassung abzubauen - sie werde teils als "Karriere-Sackgasse" empfunden, sagt er.
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