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Sexueller Missbrauch: "Das Unrecht sollte benannt werden"

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Ein Viertklässler aus dem Landkreis soll sich an einem Gleichaltrigem vergangen zu haben. Zwei Sozialpädagoginnen aus Heilbronn erklären, wie sie bei derartigen Ereignissen mit beteiligten Kindern umgehen.

Sexueller Missbrauch: In den vergangenen zehn Jahren gab es 50.000 Beratungsgespräche.
Sexueller Missbrauch: In den vergangenen zehn Jahren gab es 50.000 Beratungsgespräche.  Foto: Marc Müller/dpa

Bei einem Landschulheim-Aufenthalt im März einer vierten Klasse aus dem westlichen Landkreis Heilbronn soll ein Schüler sexuelle Handlungen an einem Mitschüler vorgenommen haben. Die beiden Diplom-Sozialpädagoginnen Manuela Kindermann (53) und Monika Harsch (56) arbeiten bei der Fachberatungsstelle bei sexuellem Missbrauch und sexualisierter Gewalt "Pfiffigunde" in Heilbronn. Sie nehmen Stellung zu dem Fall.

Ein Übergriff eines Kindes auf ein anderes Kind, kommt das häufig vor?

Manuela Kindermann: Sexuelle Übergriffe unter Kindern sind eher selten. Übergriffe sind geplante Handlungen zur Verfolgung eines Zieles, die auch bei Gegenwehr fortgesetzt werden. Grenzverletzungen, die aus Unwissenheit oder mangelnder Kenntnis entstehen, passieren schon häufiger. Sexualität gibt es nicht erst ab der Pubertät. An was man als Erwachsener beim Begriff Sexualität denkt, hat nichts mit Körpererkundungsspielen und den sinnlichen Erfahrungen von Kindern zu tun. Das setzt erst ein, wenn ein Kind in die Pubertät kommt.

Wodurch werden Kinder animiert?

Harsch: Ein Kind, das übergriffig wird, ist oft in vielen Bereichen grenzverletzend und kann sich bei Körpererkundung schwer an Regeln halten. Manchmal hat es selbst Übergriffe erlebt.

Kindermann: Jüngere Kinder können Bilder oder Videos mit pornografischem Inhalt gesehen haben und nicht verstehen, was da abgebildet wurde. Manchmal probieren sie dies mit anderen Kindern aus.

Welche Rückschlüsse lassen sich auf das Elternhaus ziehen?

Harsch: Pauschal gar keine. Möglich ist eine Grenzenlosigkeit in der Erziehung insgesamt. Eine rigide Sexualmoral und mangelnde Aufklärung können Ursachen sein, ebenso wie allgemeiner Stress und Druck, unter dem ein Kind aus ganz unterschiedlichen Gründen stehen kann.

Welche Folgen hat eine solche Tat für das betroffene Kind?

Harsch: Es kommt darauf an, wie Erwachsene reagieren. Man muss sich anschauen, wie massiv, wie häufig, wie beängstigend das Erlebte war. Wird dem Kind ein Hilfsangebot gemacht? Wird dem Kind geglaubt? Einmalige Grenzverletzungen können von Kindern bei guter Begleitung oft selbst verarbeitet werden. Mehrfache und schwerwiegende Übergriffe können zu Traumatisierungen führen.

Und für das übergriffige Kind?

"Das Unrecht sollte benannt werden", sagt Manuela Kindermann.
"Das Unrecht sollte benannt werden", sagt Manuela Kindermann.  Foto: Privat

Harsch: Es ist wichtig, dass nach so einer Tat gut reagiert wird. Das Unrecht sollte benannt werden und es müssen Konsequenzen für das übergriffige Kind folgen. Das Ziel ist Verhaltensveränderung durch Einsicht. Dafür braucht das Kind Verständnis und Hilfsangebote.

Wie sollte eine Schule damit umgehen?

Kindermann: Die Erwachsenen sollten verantwortungsvoll für beide Seiten reagieren. Es geht auch darum, das übergriffige Kind nicht abzustempeln, sondern die dahinterliegende Not zu sehen. Zunächst sollte es keine gemeinsamen Gespräche, kein Aufeinandertreffen der beiden Kinder geben. Das übergriffige Kind sollte sich vorübergehend nicht in derselben Gruppe aufhalten. Ein Zusammentreffen sollte erst wieder stattfinden, wenn das betroffene Kind das zulassen kann. Man muss sehr behutsam sein.

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