Welche Konsequenzen das Tattoofarben-Verbot für Künstler aus der Region hat
Jeder fünfte Deutsche hat eine Tätowierung. Doch bunte Kunstwerke kommen momentan kaum dazu, denn manche Inhaltsstoffe der Farben könnten gesundheitsgefährdend sein. Das stellt auch Tätowierer aus der Region vor Probleme.

David Beckham hat sie am ganzen Körper, der Handballer Stefan Kretzschmar steht ihm in nichts nach. Auf der Gletschermumie Ötzi wurden insgesamt 61 geometrische Figuren, Linien und Punkte gefunden: Die Rede ist von Tätowierungen, die schon lange aus der Schmuddelecke hinaus getreten sind und mittlerweile stolz getragen werden. Jede fünfte Person in Deutschland ist tätowiert.
EU verbietet Inhaltsstoffe
Wer allerdings nicht nur schwarz-weiße Zeichnungen unter seiner Haut haben möchte, der hat in vielen Studios seit Anfang des Jahres ein Problem. Denn seit Januar gilt infolge einer EU-Verordnung ein Verbot von Inhaltsstoffen, die bisher in zahlreichen Farben verwendet wurden. Die sogenannte "Reach-Verordnung" gibt es schon seit 2007. Sie regelt die sichere Verwendung von Chemikalien und wird auch auf Haarfarben und Kosmetikprodukte angewendet. Für die Tattoo-Künstler bedeutet das allerdings: So gut wie alle bisher verwendeten Farben dürfen nicht mehr genutzt werden.
"Das ist nach Corona der nächste Prügel, der uns zwischen die Beine geworfen wird", sagt Florian Kirchenbauer. Dem Untereisesheimer gehört das Bayside Ink in Bad Rappenau. Auch wenn er und sein Kollege Thorsten Bessler vorwiegend "black and grey" tätowieren, also in erster Linie schwarze Farbe nutzen, sind sie genauso wie ihre Kollegen davon betroffen. "Auch regelkonformes Schwarz zu finden, war nicht einfach", erklärt Kirchenbauer.
Nur drei Hersteller gebe es, die solche Farben anbieten. "Damit haben wir uns schon im vergangenen Jahr eingedeckt." Dass sich ein Vorratskauf lohnen kann, zeigte sich bereits 2020. Kurz bevor Corona sich richtig ausbreitete, hatte er Einweghandschuhe in rauen Mengen bestellt. Kurze Zeit später war der Markt leer gefegt.
Die Lagerung ist ebenfalls verboten
Den Vorrat an bunten Farben haben Florian Kirchenbauer und Thorsten Bessler zu Jahresbeginn komplett entsorgt. Denn auch die Lagerung ist nun verboten. Neue, die den aktuellen Regeln entsprechen, haben sie noch nicht. "Die sind von den großen Herstellern zwar angekündigt. Und zwischenzeitlich hieß es, dass sie Ende 2021 geliefert werden", sagt Kirchenbauer. "Aber bisher gibt es noch keine."
Andere Studios haben hingegen bereits regelkonforme Fläschchen erhalten. "Aber wir wollen mit den Herstellern weiter machen, die wir auch sonst nutzen", betont der 35-Jährige. Denn Rot ist nicht gleich Rot. Unterschiedliche Anbieter produzieren auch unterschiedliche Töne, die Farbbrillanz kann ganz anders aussehen. "Manche sind direkt beim Stechen sehr intensiv, andere erst, wenn das Tattoo abgeheilt ist", erklärt der Künstler.
Die Preise könnten steigen
Gerade bei realistischen Motiven wie Gesichtern könne das ein Problem sein. Denn der Hautton oder die Haar- und Augenfarbe soll so exakt wie möglich das Original abbilden. Bei neuen Produkten muss der jeweilige Tätowierer erstmal ausprobieren, wie sie unter der Haut wirken. Dass er und seine Branchenkollegen sich, sobald die erlaubten Farben verfügbar sind, an deren Verarbeitung gewöhnen, da ist sich Florian Kirchenbauer sicher. "Es kann aber sein, dass ein Tattoo in Zukunft teurer wird", vermutet er. Denn die Hersteller mussten an der Zusammensetzung feilen. Und das werden sie sich etwas kosten lassen. Florian Kirchenbauer rechnet mit dem doppelten Preis pro Flasche.
Andere Gifte bleiben erlaubt
Auch wenn er relativ optimistisch in die Zukunft blickt: Für die gesamte Branche sei die Verordnung eine Katastrophe. Auch wenn sie lange vorher angekündigt gewesen sei. "Man lässt uns eigentlich am langen Arm verhungern", sagt der Untereisesheimer, der sein Studio seit vier Jahren direkt über dem Fressnapf in den Schlossarkaden betreibt. Eine Tattoomittelverordnung habe es immer gegeben, man verwende ja keinen Autolack, so Kirchenbauer, der die Regelung nicht nachvollziehen kann, denn wirkliche Studien gebe es eben keine. Im Gegensatz zu anderen Giften, die sich Menschen oft täglich einverleiben: "Man darf weiter rauchen und Alkohol trinken, aber sowas wird verboten."
Das ist die Reach-Verordnung
Grundlage für das Verbot ist die 2007 in Kraft getretene "Reach-Verordnung". In ihrer neuen Fassung beschränkt sie die Verwendung von vielen Chemikalien, die Bestandteil von fast allen Tattoofarben sind. Die neu festgelegten Grenzwerte liegen in einem so niedrigen Bereich, dass die bisher genutzten Farbstoffe nicht mehr verwendet werden dürfen. Kritik von Tattookünstlern: Die Verordnung wurde aus bloßem Verdacht verhängt, eine wissenschaftliche Grundlage fehle.
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