Neue Mehrwertsteuer ist eine Herausforderung für Händler
Wie geht der Einzelhandel in der Region mit der angekündigten Senkung der Mehrwertsteuer um? Es zeigt sich, dass manche fertige Konzepte haben, um die Senkungen an die Kunden weiterzugeben. Andere Firmen stehen vor Rätseln.

Die angekündigte Senkung der Mehrwertsteuersätze stellt manchen Einzelhändler vor Probleme: Sie müssen ihren Bestand einzeln in den Kassen umstellen, außerdem müssen die Systeme umprogrammiert werden. Vor eigenen Herausforderungen stehen Unternehmen wie die der Mode-Branche, die bereits ausgezeichnete Ware schon lange im Bestand haben. Die Betriebe in der Region gehen mit dem politischen Willen ganz unterschiedlich um. Nur eines steht fest: Auf die IT kommt viel Arbeit zu.
Kassen-Firma ist überfordert
"Wir wissen nicht, wie wir es machen sollen." Rüdiger Winter, der das Geschäft Happy Shopping in Bad Rappenau betreibt, ist ratlos. Aus den Medien hat er von der angekündigten Senkung der Mehrwertsteuersätze gehört, und gleich danach hat er seinen Kassen-Programmierer angerufen.
Der winkte erst einmal ab: Er habe 2000 Kunden und wisse nicht, wie er alle bis Anfang Juli umstellen solle. Auch Rüdiger Winter ist überfordert: In seinem Laden führt er 40.000 Artikel, die er alle einzeln neu erfassen müsste. "Das funktioniert nicht." Ihm wäre es lieber gewesen, hätte die Bundespolitik allen Bürgern 100 Euro gegeben. Derzeit sagt er nur: "Ich bin sprachlos."
In Eppingen steht Oliver Spiess, Inhaber mehrerer Modegeschäfte, vor anderen Schwierigkeiten. Hosen, Hemden, alle kommen mit Preiszetteln an. "Wir haben bis Dezember Ware geordert." Er geht davon aus, dass er sein Kassensystem bis Juli umstellen kann. "Aber die Umsetzung wird nicht einfach." Der Eppinger ist überzeugt davon, dass die Kunden im kommenden Monat sehr genau auf die Preisentwicklung achten werden.
Ihm bleibt daher nichts anderes übrig, als die Senkung von 19 auf 16 Prozent weiterzugeben - obwohl er weiß: "Ein Teil der drei Prozent hätte uns auch gut getan." Wie genau er die niedrigeren Preise weitergeben will, hat er noch nicht entschieden. Nur eines steht fest: "Wir werden uns etwas einfallen lassen."
Bäckerei will Rabattsystem nutzen, um die niedrigere Mehrwertsteuer an die Kunden weiterzugeben
Bei der Bäckerei Härdtner aus Neckarsulm hat sich die Unternehmensführung schon gleich nach Bekanntwerden der neuen Sätze Gedanken gemacht, wie sie die neuen Preise an die Kunden weitergeben kann. Das Problem: Die Mehrwertsteuer bewegt sich bei Brötchen oder Brezeln im Cent-Bereich.
Der Betrieb, der zahlreiche Filialen in der Region führt, ändert deshalb die Bedingungen der Kundenkarte - just um die Prozentpunkte, die die niedrigere Mehrwertsteuer sinkt. Wie Stefanie Härdtner erklärt, werden nicht mehr vier Prozent des Einkaufswerts gutgeschrieben, sondern sechs. Sie betont: Diese Karte könne, müsse aber nicht mit persönlichen Daten hinterlegt sein.
Unterdessen habe die Unternehmens-IT damit begonnen, das Kassen-System umzuprogrammieren. Aber: Damit auch tatsächlich ab Juli alle Kassen richtig rechnen, müsse jede einzelne die Software erhalten. "Wir sind guter Dinge, dass wir es schaffen", sagt Stefanie Härdtner. Die Idee durch die Politik sei zwar "super gut gemeint", allerdings ziehe sie viel Arbeit nach sich.
Abwarten, die die Neuerung in der Praxis aussieht
Für die Stadtinitiative Heilbronn kann Vorstand Thomas Gauß kein pauschales Urteil fällen: Mancher Einzelhändler müsse alles selbst machen, bei anderen übernähmen das die Verbände. In seinen Intersport-Geschäften werden die Daten durch die Genossenschaft geändert. Das ist für ihn aber nur ein Aspekt. So wie Endkunden die neuen Mehrwertsteuersätze zahlen müssen, werden auch Rechnungen an seinen Betrieb die neuen Sätze aufführen müssen. "Wie das in der Praxis aussieht, werden wir sehen."
In seinen Läden befinden sich 15.000 Artikel, die eigentlich neu ausgezeichnet werden müssten. Nur: "Wie soll ich das koordinieren, zumal Mitarbeiter teilweise noch in Kurzarbeit sind?", fragt Thomas Gauß. "Das wird die spannende Herausforderung." Mit Blick auf die neuen Sätze spricht er von einer "gesamtwirtschaftlichen Mischkalkulation". Nicht nur Kunden sollten davon profitieren, sondern auch Händler, um Verluste auszugleichen.
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Stimme.de
Kommentare
Wolfgang Weber am 08.06.2020 23:39 Uhr
Egal, wer im Koalitionsausschuss die Idee der MwSt-Senkung hatte: vom realen Wirtschaften hat er/sie (oder alle) keine Ahnung:
- wer eine größere Anschaffung vorhatte, wird jetzt warten - Mediamarkt, Möbelhäuser, Autohändler können bis Juli zumachen.
- wenn die MwSt ab Juli kommt, werden Anschaffungen vorgezogen und in 2021 passiert nichts mehr. Ergebns ist ein Strohfeuer.
- man kann nur hoffen, dass es für den Endverbraucher keine Änderung im Juli geben wird: dann ist die MwSt-Senkung wenigstens eine dringend notwendige Liquiditätshilfe für den Handel.
- diese Aktion ist eher ein grandioses Arbeits-/Konjunkturprogramm für IT-Dienstleister, für die Preisverantwortlichen im Unternehmen, für die Steuerberaterbranche, die U-Steuerbeamten und die (Preis-)Etikettenindustrie.
Nachhaltig ist so was nicht und teuer obendrein!
difoni Niedernhall am 08.06.2020 19:50 Uhr
was soll der Schwachsinn! das zieht sich jetzt bis in die kleinste Abrechnung durch, Systeme und Preisauszeichnungen müssen massenhaft geändert werden.
Für: keinen Effekt!
Man hätte lieber den seit Januar bezahlten SOLI den Bürgern rückerstatten können und den SOLI ab sofort streichen. Statt dessen ein Bürokraktiemonster! Das kann einem doch nur im übernächtigten Zustand einfallen. Praktiker sucht man in der Bundesregierung ja leider vergeblich!
Zum Glück kommt die lobbygeforderte Abwrackprämie für Autos nicht!!!! Die Konzerne hatten in Erwartung derer schon die Preise erhöht. Schämt Euch!!!!!