Einmaliges Projekt in Neckarsulm: Kinder lernen die Sprache ihrer Eltern
Das Zentrum für Mehrsprachigkeit ist ein landesweit einmaliges Projekt der Volkshochschule Neckarsulm. Für das Deutschlernen ist der sichere Umgang mit der Muttersprache sehr wichtig.

"Hola chicos!", ruft Natalia Ibeas Domínguez zu Beginn der Spanisch-Stunde. Freudig wuseln die Kinder in den Raum. Olivia lässt sich Zeit mit der ersten Aufgabe: Zwei Kugeln − dos bolas − aus dem Sack herausholen und ihre Farbe benennen. Die erste ist "amarillo": gelb wie die Sonne, dann kommen "blanco", weiß wie Schnee, "verde", grün wie Brokkoli und schließlich "rojo" wie Tomaten.
Mit den Großeltern endlich türkisch sprechen
Das besondere an dem Angebot der Volkshochschule: Alle Kinder stammen aus Familien, in denen ein Elternteil Spanisch spricht oder zumindest Vorfahren aus einem spanischsprechenden Land hat. "Die Kinder sprechen die Sprache aber nicht und verstehen sie oft auch nur schlecht", hat die Fachbereichsleiterin Sprachen Sabine Rivier festgestellt.
Das ist vor allem für kleinere Kinder eine schwierige Situation: Weil sie weder in der einen noch der anderen Sprache sicher sind, verstummen sie. Dass es auch anders gehen kann, beweist Natalia Ibeas Domínguez. Als nächstes dürfen die Kinder Tiere raten. "Eisbär", ruft die dreijährige Mia immer wieder. Ein Strahlen geht über ihr Gesicht. als der "oso polar" tatsächlich an der Reihe ist.
Kinder können noch relativ problemlos von einer Sprache in eine andere wechseln. Erwachsenen fällt das schwerer. "Wenn ich Spanisch spreche, dann denke ich auch Spanisch." Auf Deutsch könnte sie nicht schimpfen, meint die französischsprachige Sabine Rivier.
Muttersprache ist wichtig: 66 Prozent der Kinder haben einen Migrationshintergrund
Aus vielerlei Gründen hat die Volkshochschule Neckarsulm das "Zentrum für Mehrsprachigkeit" gegründet. Das landesweit einmalige Projekt wird als Innovationsimpuls vom Land Baden-Württemberg in den beiden kommenden Jahren gefördert. 66 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Neckarsulm haben einen Migrationshintergrund. Kinder aus mehrsprachigen Familien lernen hier die Sprache ihrer Eltern, die sie oft verstehen, aber nicht sprechen, lesen und schreiben können. Es werden Kurse in Albanisch, Arabisch, Bosnisch, Französisch, Kroatisch, Polnisch, Russisch, Spanisch und Türkisch von muttersprachigen Dozentinnen und Dozenten angeboten.
Ziel ist, dass Kinder und Jugendliche die Sprache lernen und verstehen können, die in ihren Familien gesprochen wird. Idealerweise sollen sie die Sprache auch schreiben und auf Bildungsniveau lesen können, was in Arabisch oder den kyrillischen Sprachen aufgrund der anderen Buchstaben noch einmal eine besondere Herausforderung für Kinder darstellt, die erst einmal Deutsch lernen mussten.
Auf insgesamt schon 36 Elternabenden in Neckarsulm hat Sabine Rivier das Konzept bekannt gemacht. "Wir haben eine positive Resonanz aus Schulen und Kitas bekommen." Nicht nur die Sprache wird den Kindern vermittelt, auf Wunsch werden auch die Familien beraten, wie sie die Mehrsprachigkeit am besten in den Alltag integrieren können. Das ist oft dringend notwendig, wie ein Blick in die Schulen zeigt.
Fremdsprachen auf dem Schulhof zulassen?
In Schulen ist Mehrsprachigkeit immer wieder ein Thema. Barbara Bürgy von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) steht dem gelassen gegenüber, solange Grenzen eingehalten würden. Also niemand ausgegrenzt oder beleidigt werde. "Kommunikation ist ein Grundbedürfnis", sagt sie. Im Unterricht ist Deutsch angesagt, Flüchtlinge sollen in sogenannten Vorbereitungsklassen für den regulären Unterricht fitgemacht werden. Die Situation hier sei aber verheerend, sagt Barbara Bürgy, die sich für Grundschulen in der Landes-GEW engagiert. Es fehlten Lehrer. Das sieht Harald Schröder, Sprecher der GEW im Kreis Heilbronn, für die Region genauso. Man werde derzeit niemandem gerecht, weder den neuen Schülern, die oft verunsichert seien, noch den bisherigen Klassen und den Lehrern.
Das Logo des Zentrums für Mehrsprachigkeit stellt zwei Fingerabdrücke dar, die miteinander verschmelzen. "Das steht für die doppelte Identität, die viele Menschen erleben", erklärt Johanna Matt, die bei der VHS für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Für den Spracherwerb ist eine gut gelernte Muttersprache eine wichtige Basis. "Man baut das Deutschlernen auf der Muttersprache auf", erklärt Sabine Rivier. Sprachenlernen sei Verknüpfung mit bereits Vorhandenem. Man habe die Möglichkeit, mit Worten oder ganzen Sätzen zu spielen.
Schlimme Erinnerungen an das Herkunftsland mit Sprache verbunden
Mitunter ist es auch so, dass die Sprache des Herkunftslandes verhasst ist, weil Menschen mit ihr schlimme Erinnerungen verbinden. Eine Familie aus Bosnien habe mit ihren Kindern nie die Sprache gesprochen, berichtet Johanna Matt. "Nun ist der Wunsch da, die Sprache doch noch zu lernen, weil sie zu den eigenen Wurzeln gehört." Oft gebe es zur Sprache einen familiären und emotionalen Bezug, der für die älteren gut oder schlecht sein könne − in der Regel aber nicht für die Kinder, die sich freuen, mit den Großeltern in der Türkei endlich reden zu können. "Die Mutter- oder Herzsprache ist der Träger der Emotion, was man schon allein an der Sprachmelodie hört", sagt Sabine Rivier.
Deutsch sei eine "Befehlssprache", sagte die serbisch-stämmige Tennisspielerin Ana Ivanovic, die mit Bastian Schweinsteiger ihre Kinder dreisprachig erzieht. "Achtung Gefahr!", oder "Putz dir deine Zähne!" Zuhause werde oft eine andere Sprache als Deutsch gesprochen, berichtet Sabine Rivier. "Die Kinder verlernen ihre Muttersprache, wenn sie in die Schule gehen." Daher sei es wichtig, mit anderen Kindern zusammen zu kommen, die ebenfalls in ihrer Sprache reden und spielen. Zwinge man Kinder, nur Deutsch zu sprechen, verzögert sich die Sprachentwicklung oft.
Kinder haben Freude am Klang der Wörter
Kiara und die anderen Kinder im Spanischkurs von Natalia Ibeas Domínguez haben Freude am Klang der Wörter. Mit ihren "amigos" haben die Jungen und Mädchen viel Spaß. Arlet und Leonard schnappen sich das Buch "El hombre Palo", zu deutsch "Stockmann" und lesen in der Geschichte. Später liest oder besser erzählt Natalia Ibeas Domínguez die Geschichte von Stockmann, der in die Fremde gerät und seine Familie vermisst. Auch wenn man kein Spanisch kann, versteht man immer mehr. Heute haben die Kinder viel über Tiere und Sachen im Winter gelernt. Die feste Struktur und die stetige Wiederholung prägen die Begriffe ein. "Vamos a casa!", sagt Natalia Ibeas Domínguez.
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