Meinung
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Zum Unwort des Jahres: Sprachgebrauch hinterfragen

"Klimaterroristen" ist völlig zu Recht zum Unwort des Jahres gewählt worden, findet unser Autor.

Jürgen Paul
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Lesezeit 1 Min

Die zunehmende Verrohung der Sprache kann jeder von uns täglich im Internet verfolgen. Vor allem in sozialen Netzwerken scheint den Nutzern kein Begriff zu drastisch, kein Vergleich zu weit hergeholt zu sein, um die eigene Position zu untermauern und Kontrahenten zu diffamieren. Leider driften auf Twitter, Instagram & Co. auch immer mehr Politiker in hemmungslosen Populismus ab. Likes und Follower sind offenbar wichtiger als das wohlgesetzte, reflektierte Wort.

Umso wichtiger ist die Arbeit der ehrenamtlichen Jury, die seit 1991 das Unwort des Jahres kürt und damit einen mindestens unsensiblen, häufig verantwortungslosen Umgang mit Sprache anprangert. Mit "Klimaterroristen" als Unwort des Jahres 2022 ist das der Jury besonders gut gelungen. Denn indem die rechtsextremistische AfD und auch Teile der Union Aktivisten der selbsternannten "Letzten Generation" als Klimaterroristen bezeichnen, stellen sie Menschen auf eine Stufe, die nichts miteinander gemein haben.

Terroristen, egal welcher Couleur, setzen Gewalt ein, um ihre Ziele zu erreichen − und nehmen dafür bewusst Tote in Kauf. Die Klimaaktivisten bevorzugen dagegen zivilen Ungehorsam, der für im Stau stehende Autofahrer nervig sein kann, aber niemanden mit dem Tode bedroht. Wer diese Aktivisten mit Terroristen gleichsetzt, kriminalisiert Erstere und relativiert Letztere. Beides schadet einer sachlichen Diskurskultur, die diesem Land zunehmend abhanden zu kommen droht. Das Unwort des Jahres ist daher eine Mahnung an uns alle, unseren Sprachgebrauch auf Angemessenheit hin zu hinterfragen.

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