Nach Sprengung: Kriminaltechniker sichern Spuren
Die Geldautomaten-Sprengung in Stockheim erstaunt das ganze Dorf. Dabei ist es nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts nicht verwunderlich, dass sich bandenmäßig agierende Täter kleine Ortschaften für ihre Pläne aussuchen.
Noch immer sichern Kriminaltechniker die Spurennach der Sprengung eines Volksbank-Geldautomaten in Brackenheim-Stockheim. Nach Angaben der Polizei gibt es keine Hinweise auf die Täter. Die Problematik besteht bundesweit seit einigen Jahren. Im Unterland sei es in den vergangenen beiden Jahren allerdings nicht mehr zu einer Geldautomaten-Sprengung gekommen, sagt Polizeisprecher Rainer Köller; lediglich Fahrkarten- und Zigarettenautomaten waren betroffen.
„Es war ein unglaublich lauter, dumpfer Knall“, berichtet Iris Burk, die in der Wohnung über dem Automaten lebt. Sie sei durch die Sprengung wachgeworden und habe gleich darauf gehört, wie ein Auto schnell beschleunigte. Beim Nachbarn hätten durch die Erschütterung Regale gewackelt und Gläser geklirrt. „Wir hatten ein Schweineglück“, sagt Burk am Montag danach. Junge Leute, die auf dem Rückweg von einer Geburtstagsparty gewesen seien, hätten mit einem Feuerlöscher ausgeholfen.
Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts (BKA) sind bei den Geldautomaten-Sprengungen sowohl reisende, überwiegend aus Ost- oder Südeuropa stammende Straftäter aktiv als auch ortsansässige. Es handle sich um eine schwere Form der Bandenkriminalität. „Die ermittelten Tatverdächtigen sind oft bereits mit Eigentumsdelikten oder anderen Straftaten in Erscheinung getreten“, berichtet Barbara Hübner vom BKA auf eine Anfrage unserer Redaktion.
Modus Operandi
Die Täter benötigen offenbar keine wissenschaftliche oder technische Vorbildung, allerdings spezifisches Wissen zu Tatmitteln und deren Einsatz sowie handwerkliche Fähigkeiten. „Dieses Wissen wird in bandenmäßig agierenden Gruppen von Täter zu Täter vermittelt“, erklärt Hübner. Der Modus Operandi bei den Sprengungen sei ähnlich: Es werde Gas oder ein Gasgemisch in den Geldautomaten eingeleitet, danach wird gezündet. In wenigen Fällen seien zur Sprengung pyrotechnische Sätze oder gewerblicher Sprengstoff verwendet worden.
Die ausgelöste Raumgasexplosion führt laut Hübner in aller Regel zu beträchtlichen Sachschäden, die den Wert des erbeuteten Bargelds häufig deutlich überstiegen. „Gleichzeitig stellt die Explosion, insbesondere durch die unkontrollierte Verteilung von Trümmern und Splittern, eine erhebliche Gefahr für unbeteiligte Dritte und Einsatzkräfte von Feuerwehr und Polizei dar.“ In vielen Fällen würden auch Geldautomaten gesprengt, die in bewohnten Gebäuden aufgestellt sind – so wie auch in Stockheim. Nebenan ist ein Friseursalon, in dem ebenfalls große Schäden entstanden sind; darüber befinden sich Wohnungen.
Zahlen steigen
Wie das BKA weiter mitteilt, würden Geldautomaten bevorzugt, die frei aufgestellt sind oder sich in frei zugänglichen Bankfilialen befinden. „In jüngster Zeit werden jedoch auch Automaten in Verbrauchermärkten, Baumärkten oder Ladenpassagen angegangen, die zur Tatzeit abgeschlossen sind.“ In der Regel sind zwei bis vier Personen am Werk, Einzeltäter seien die Ausnahme. Die Tatzeit liege stets zwischen 0 und 5 Uhr. Am Wochenende ereigneten sich deutlich weniger Taten als an Werktagen.
Es ist offenbar nicht weiter verwunderlich, dass die Täter ausgerechnet Stockheim ausgewählt haben: Die Tatorte liegen laut BKA überwiegend im ländlichen Bereich, oftmals in Ortschaften mit unter 1000 Einwohnern. Beliebt sind Tatorte mit schnellen Fluchtwegen.
Im ersten Halbjahr 2017 hat es nach Angaben des BKA bundesweit etwa 140 Geldautomaten-Sprengungen gegeben. Regionale Schwerpunkte bildeten die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen sowie Brandenburg und Berlin. „Auch wenn es 2016 und 2017 zu zahlreichen Festnahmen und Verurteilungen kam, verzeichnen wir statistisch nur einen leichten Rückgang der Fallzahlen, der jedoch deutlich über dem langjährigen Mittel liegt“, erklärt Hübner.
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