Mit Blühwiesen wirken Kommunen dem Insektensterben entgegen

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Die Vielfalt und die Menge von Nachtfaltern, Schmetterlingen, Wildbienen und anderen Arten geht weltweit zurück. Wir stellen Ansätze vor, mit denen Kommunen in der Region dem Insektensterben entgegenwirken.

Es summt, brummt und vibriert auf der Blühfläche an der Lärmschutzwand bei Ilsfeld-Wüstenhausen: Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und andere Bestäuber steuern emsig die Blüten von Nickender Distel und wilder Möhre an. Martin Feucht vom Nabu Schwaigern freut sich: "Mit dieser Blühfläche ist ein Grundstein gelegt, um zusätzlichen Lebensraum und Futterplätze für Insekten zu schaffen", lobt der Fachbeauftragte für Schmetterlinge für Baden-Württemberg. Und das ist auch bitter nötig. Denn Insekten, die für die Ökosysteme so unersetzbar sind, haben es gerade alles andere als leicht.

Weltweit gehen die Vielfalt und die Menge von Nachtfaltern, Schmetterlingen, Wildbienen und Co. seit Jahren zurück, wie wissenschaftliche Studien und die Roten Listen der gefährdeten Tier-, Pflanzen- und Pilzarten in Deutschland zeigen. Vor allem Bienen, Falter und Spanner schwinden.


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Die Gründe für das Insektensterben sind vielfältig

Es gibt weniger Blühflächen, dafür nehmen Überdüngung, intensive Landwirtschaft und Monokulturanbau zu. Hinzu kommen die Lichtverschmutzung und die Auswirkungen des Klimawandels. Das Insektensterben hat verheerende Folgen. Allein durch weniger tierische Bestäubung kann die Ernte von beispielsweise Gurken, Kirschen und Äpfeln um bis zu 90 Prozent zurückgehen. Nebenbei dienen Insekten anderen Tieren als Nahrung, sie zersetzen Dung, abgestorbene Pflanzen und tote Tiere, verbessern die Bodenqualität oder reinigen Gewässer.

Wenngleich sich die weltweite Staatengemeinschaft dem Insektenschutz verschrieben hat, wird zu wenig gehandelt, kritisiert die Deutsche Umwelthilfe: "Internationale Ziele wurden bislang verfehlt." Das Insektenschutzgesetz aus dem Koalitionsvertrag sei "weichgespült", die Regelungen reichten lange nicht aus, um die Tiere nachhaltig zu schützen. Stattdessen gebe es "zu viele Schlupflöcher für die konventionelle Landwirtschaft beim Pestizideinsatz".

Schwefel, Backpulver oder Kupfer als Pflanzenschutzmittel

Einen anderen Ansatz verfolgt Landwirt Marcus Föll mit seinem Wüstenhausener Bio-Obstbaubetrieb: Wenn nötig werden ausschließlich biologische Pflanzenschutzmittel und Insektizide eingesetzt, wie Schwefel, Backpulver oder Kupfer. "Wir versuchen, mit der Natur zu arbeiten statt gegen sie", sagt Marcus Föll. Die Artenvielfalt fördert er auf seinen Obstanlagen mit Ankerpflanzen, Hecken und Wildblühstreifen. Sie sind auch Teil der Forschungsarbeit zusammen mit der Uni Hohenheim. "Dadurch zeigt sich, dass es durch Blühstreifen signifikant mehr Nützlinge und Vielfalt gibt", sagt Föll.


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"Ich halte es für das größte Problem, wenn die Vielfalt verloren geht, und bin überzeugt: je vielfältiger ein System ist, umso stabiler ist es." Fölls persönlicher Überzeugung nach ist der Bio-Anbau, wie er auf dem Wüstenhausener Betrieb gehandhabt wird, die einzig nachhaltige Wirtschaftsweise.

Schmetterlingsarten vom Aussterben bedroht

Martin Feucht beobachtet das Artensterben bei seinen Schmetterlingsführungen in Schwaigern mit Sorge. "Vor 20 Jahren konnte ich noch garantieren, dass ein Schwalbenschwanz zu sehen ist. Heute müssen wir darauf lange warten." Fast alle streng geschützten Schmetterlingsarten sind vom Aussterben bedroht, rund 80 Prozent gegenüber 1960 verschwunden, sagt Feucht und zählt auf: "Kleiner Fuchs, Admiral, Tagpfauenauge, sie alle gehörten vor 30 Jahren noch zum täglichen Bild. Heute sieht man diese Artenvielfalt allenfalls in Hochgebieten." Denn dorthin wandern die wärmeempfindlichen Insekten vermehrt, wenn es ihnen zu heiß wird. "Sie verschlägt es dann in höhere Gefilde oder gen Norden. So haben wir Insekten dazubekommen, die es vor 30, 40 Jahren in Deutschland noch nicht gab. Den kurzgeschwänzten Bläuling aus Südfrankreich zum Beispiel", erklärt Feucht.

Die Fläche an der Wüstenhausener Lärmschutzwand ist nur eine von fünf Stellen in Ilsfeld, die im Rahmen des Projekts "Natur nah dran" im Herbst 2019 zu Wildblumenwiesen umgewandelt wurden. Betreut wurde das Projekt vom Naturschutzbund (Nabu) Baden-Württemberg, gefördert wurde es vom Landesministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft sowie der Nachhaltigkeitsstrategie des Landes. Die Fläche in Ilsfeld entwickelt sich immer weiter zu einer ganzjährigen Blühwiese. "Anfangs ist sie noch pflegeintensiv, der Aufwand wird aber von Jahr zu Jahr geringer. Dann muss sie nur noch wenige Male pro Jahr gemäht werden", erklärt Dustin Melchior, der beim Ilsfelder Bauhof verantwortlich für die Grünflächen und Bäume ist.

Je älter die Wiese, desto unterschiedlicher die Arten

Pflegeintensiv sind auch noch die Blühwiesen und -streifen in Neckarsulm. Sie wurden im Oktober 2020 angelegt, ebenfalls im Rahmen von "Natur nah dran", unter anderem im Sulmpark und dem Interims-Parkplatz "Aquatoll" sowie im Klostergraben "Knapps Garten". In Letzterem gedeihen die Wildkräuter und -blumen erst heran, doch schon jetzt ziehen sie eine Vielzahl von Insekten an. "Je älter die Wiesen sind, desto besser entwickelt sind sie, und desto unterschiedlicher ist auch die Artenzusammensetzung", erklärt Annabelle Mall vom Amt für Stadtentwicklung und Gebäudewirtschaft, die das Projekt vor der Praxisphase im September 2020 übernahm.

Mit der sogenannten Burri-Methode wurden die Rasenflächen bearbeitet, damit sie bunt und artenreich werden. "Schon kleine Flächen können dem Arten- und Insektensterben entgegenwirken, wenn die Blumen aussamen und sich woanders ansiedeln", sagt Annabelle Mall. Was viele Menschen allerdings lieber sähen als heimische Wildblumenwiesen, seien hergerichtete Beete mit Blumenzüchtungen, sagt Dustin Melchior. Mit solchen Sorten können viele heimische Insekten aber nur wenig anfangen, denn die gedeckten Sorten enthalten wenig Pollen, der Weg zur Nahrung ist versperrt, und es gibt keine Grundlage für Raupen.

Dustin Melchior bedauert auch, dass es oft Beschwerdeanrufe gebe, dass die Blühwiesen "unordentlich" aussehen würden, wenn sie einmal nicht gemäht sind. "Es muss ganz klar ein Umdenken in den Köpfen der Menschen stattfinden", sagt der Bauhofmitarbeiter.

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