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Menschenhandel könnte ein noch größeres Problem werden

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Beratungen bei der Mitternachtsmission für Opfer von Zwangsprostitution haben sich 2021 vervierfacht: Warum die Polizei mit noch mehr Fällen wegen der Ukraine-Flüchtlinge rechnet.

Menschen in finanzieller Not und in einer ausweglos scheinenden Situation sind oft leichte Beute für Menschenhändler. Die Mitternachtsmission hilft Betroffenen in vielerlei Hinsicht.
Menschen in finanzieller Not und in einer ausweglos scheinenden Situation sind oft leichte Beute für Menschenhändler. Die Mitternachtsmission hilft Betroffenen in vielerlei Hinsicht.  Foto: Tinnakorn/stock.adobe.com

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Annähernd vervierfacht hat sich die Zahl der Fälle von Zwangsprostitution und Menschenhandel, die die Mitternachtsmission Heilbronn im vergangenen Jahr in Baden-Württemberg begleitet hat: Von 30 auf 116 ist sie gestiegen. Gleichzeitig ist das Dunkelfeld groß, sagen die Experten. Die Bedürfnisse der traumatisierten Menschen, meist sind es Frauen, stehen an erster Stelle bei den Beratungen. Nicht immer wollen sich Opfer an die Polizei wenden, häufig, weil wegen schlechter Erfahrungen in ihrem Herkunftsland die Angst groß ist.

Für die Heilbronner Mitternachtsmission, die zum Diakonieverband gehört, ist die Kooperation mit Behörden, Ärzten, Anwälten und der Polizei wichtig, das macht sie in einem Zoom-Vortrag klar.

Das Verbot der Prostitution hat nicht das Ende der Prostitution bedeutet

Corona und die pandemiebedingte Schließung von Bordellen habe dazu geführt, dass "wir den Blick auf die Szene nahezu verloren haben", sagt Carsten Herrmann, Kriminalhauptkommissar aus Ulm, Koordinierungsstelle Rotlicht- und Rockerkriminalität. Denn das Verbot habe keinesfalls das Ende der Prostitution bedeutet, sie sei im Verborgenen weitergelaufen. Man versuche, in die Häuser zu gehen, auch um potenzielle Opfer von Zwangsprostitution auszumachen, aber es sei schwieriger geworden.

Kriminelle versuchen, die Not der Menschen auszunutzen

Menschenhandel könnte in Zukunft ein noch größeres Problem werden. "Wir gehen davon aus, dass uns das Thema sexuelle Ausbeutung wegen der großen Zahl an Vertriebenen aus der Ukraine weiter stark beschäftigen wird", sagt Herrmann. Präventiv suche man bereits Flüchtlingsunterkünfte auf, um für die Gefahr zu sensibilisieren, damit Geflüchtete nicht Zuhältern in die Hände fielen, bestätigt die Pressestelle. Kriminelle versuchten, die Notlage der Menschen auszunutzen. Sehr wichtig sei, niemandem seine Papiere zu überlassen.


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Mehrmals die Woche kamen die Vergewaltiger

Eine Warnung, deren Bedeutung Alexia S. (Name geändert) am eigenen Leib schmerzlich erfahren hat. In der Hoffnung, in Europa studieren zu können, vertraute sich die junge Frau aus Afrika einem Fremden an, der sie statt ins Studentenwohnheim in eine Art Bordell brachte und zwang, Dokumente und Handy abzugeben.

Mehrmals die Woche kamen die Vergewaltiger. "Ich schrie, aber niemand half", erinnert sie sich an ihr dreieinhalb Monate währendes Martyrium in einem abgelegenen Haus. "Es wurde nie ein Teil von mir. Jeder Traum, den ich hatte, war zerstört."

Mitternachtsmission half bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz

Schließlich gelang ihr die Flucht, sie fand ein Polizeirevier und Hilfe bei der Mitternachtsmission. "Sie hat meinem Leben einen Richtungswechsel gegeben", sagt Alexia S. "Ich kam, als ich alles verloren und keine Hoffnung mehr hatte." Die Beratungsstelle half ihr, sich bei einer Sprachschule anzumelden und bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. "Sie gaben mir ein neues Leben." Alexia S. plädiert dafür, Betroffene zu unterstützen: "Sie leiden unter Problemen, die man sich gar nicht vorstellen kann."

Menschenhandel betrifft auch Kinder

Dass Menschenhandel nicht nur auf Zwangsprostitution beschränkt ist, macht Kriminalhauptkommissar Heiko Gieser aus Heilbronn, Bereichsleiter Sexualdelikte, deutlich. "Es geht dabei auch um die Arbeit auf dem Bau, Organhandel, um Kinder, die bei Diebstählen, Einbrüchen und Bettelei eingesetzt werden, weil sie strafrechtlich nicht angreifbar sind." Meist seien sie nicht deutsch und in aussichtsloser Lage.

Mitternachtsmission ist rund um die Uhr erreichbar

Auch für die Polizei ist die Opferbetreuung durch die Mitternachtsmission essentiell. Einer der großen Vorteile sei die Möglichkeit der geschützten Unterbringung, die 24-Stunden-Erreichbarkeit und -Aufnahmebereitschaft.

Schutzwohnungen sind anonym

Die Schutzunterkünfte sind anonym und in ganz Baden-Württemberg verteilt, so Tabea Berger von der Mitternachtsmission. Die Mission teilt sich die landesweite Zuständigkeit mit dem Fraueninformationszentrum Stuttgart und Freija in Freiburg und unterstützt die Frauen bei Straf- und Zivilprozessen. "Vieles wird nicht zur Anzeige gebracht, aus Mangel an Beweisen oder weil die Betroffenen psychisch so belastet sind, dass sie nicht aussagen können."

Gefahren sind bekannt

Das Innenministerium hat das Thema Menschenhandel und Prostitution auf der Agenda. „Wir kennen aus 2015/2016 die Mechanismen, die wirken, wenn Menschen ohne Orientierung und Anknüpfungspunkte in einem fremden Land sind und leicht Opfer werden“, sagt ein Sprecher. Erst gehe es darum, die Geflüchteten unterzubringen, etwa auf der Messe Stuttgart. Kommunen sollten örtliche Wohnungsangebote prüfen. Betroffenen von Menschenhandel helfen kann man, so Jessica Anderson von der Mitternachtsmission, durch Hinschauen und Vermittlung an Fachstellen und Polizei. 

 

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