Mega-Hype NFTs: Verändern teure Bildchen das Internet?
NFTs werden für absurde Summen im Netz gehandelt. Wir haben mit einem Heilbronner Studenten über sein NFT-Unternehmen gesprochen und Experten gefragt, wie die teuren Bildchen das Internet verändern.

Der Handel mit NFTs im Internet floriert. Die erste SMS wurde als NFT versteigert, genauso wie die erste Nachricht bei Twitter und das erste Youtube-Video. Auf diversen Marktplätzen bezahlen Menschen mehrere tausend Euro, um virtuelle Güter in ihren Besitz zu bringen. Experten fragen sich: Entsteht da gerade eine neue Form des Internets oder nur eine gefährliche Blase?
Mit NFTs ist jedenfalls ein neuer Markt entstanden. Oft verkaufen Kreativschaffende so ihre Kunstwerke. Eines der bekanntesten Beispiele ist der Künstler Beeple. Der lud jeden Tag ein Bild auf der Plattform Tumblr hoch. Im Frühjahr 2021 fügte er die Bilder zu einer Collage zusammen und das Londoner Auktionshaus Christies verkaufte das Werk für einen Rekordpreis von 69 Millionen Dollar.
Denkwürdige Körbe, Fußballstart und pixelige Cryptopunks: Alles ist als NFT zu haben
Viele Anbieter ziehen nach: Die US-Basketball-Liga NBA verkauft denkwürdige Spielmomente in Videoform als NFTs. Die Bundesliga verkauft virtuelle Karten mit Fußballstars. Solche NFT-Kollektionen ähneln Sammelkartenspielen: Je seltener ein Bild oder Video aus der Kollektion ist, desto höher sind der Wert und die Nachfrage.
Weltbekannt wurden die Cryptopunks, 10.000 einzigartige Avatare. Der teuerste Punk mit roter Mütze und Schutzmaske wurde für 11,8 Millionen Dollar verkauft. Ebenfalls unerschwinglich ist eine Sammlung mit Affen: Auch hier erschufen die Erfinder 10.000 Comic-Affen, auf die sich zahlreiche Käufer stürzten. Der Rapper Eminem sicherte sich eines der Affenbilder für 462.000 Dollar.
10.000 NFTs eines Heilbronner Studenten sind in 30 Minuten weg
Einer, der mit solchen NFT-Sammelbildern sein Geld verdient, ist Richard Powazynski. Der Engländer studiert an der Hochschule Heilbronn und schreibt dort seine Masterarbeit. "Als ich das erste Mal von NFTs hörte, ergab das für mich einfach Sinn." Mit mehreren Bekannten entsteht die Idee für die NFT-Sammlung "Woodies". Die Charaktere sind eine Mischung aus Mensch und Baum, manche tragen eine Mütze, andere lange Haare, wieder andere ein besonderes Kleidungsstück.
"Als wir an den Start gingen, waren alle 10.000 Woodies nach einer halben Stunde ausverkauft", erzählt Richard Powazynski. Die Bildchen werden auf Opensea gehandelt, einem der bekanntesten Marktplätze für NFTs. Dort wird nun gesammelt und verkauft: Wer einen "Woodie" möchte, muss ihn jemand anderem abkaufen. Einige wechseln für umgerechnet unter 1000 Dollar den Besitzer, manche werden für 1800 Doller und mehr verkauft.
"Woodie"-NFTs sorgen für eine Millionen gepflanzte Bäume und zwölf Mitarbeiter
Inzwischen arbeitet der 34-Jährige in Vollzeit für das Projekt. "Eher noch mehr. Im Metaverse gibt es keinen Feierabend und keine Wochenenden." Wie viel der Verkauf der digitalen Charaktere eingebracht hat, will er nicht verraten. Aber es ist genug, um davon eine Millionen Bäume (je 25 Cent) bei einer gemeinnützigen Organisation pflanzen zu lassen und ein Team von zwölf Mitarbeitern zu beschäftigen. Außerdem verdienen die Gründer jedes Mal sechs Prozent, wenn eines der Bilder weiterverkauft wird.
Für die Zukunft haben sie einige Pläne. In einer virtuellen Welt sollen die Figuren zum Leben erwecken. Die Besitzer der "Woodies" treffen dort aufeinander, auch Ausstellungen, Schnitzeljagden und Spiele schweben den Entwicklern vor. Auf diese Idee setzen einige: Nur wer den passenden NFT hat, bekommt Zugang zu einer exklusiven virtuellen Welt.
Rechtsanwalt Tobias Keber meint: NFTs verknappen Dinge, die nicht knapp sind

Für Experten hat der NFT-Hype einige Schattenseiten. "NFTs haben einen Zweck: Nämlich etwas zu verknappen, was nicht knapp ist", fasst es Tobias Keber zusammen. Er ist Professor für Medienrecht und Medienpolitik an der Hochschule der Medien in Stuttgart. "Ein NFT ist eigentlich ein Nullum, ein Nichts. Es ist ein Eintrag auf irgendeiner Blockchain."
Dadurch sei nicht geregelt, wer etwas wirklich besitzt. Beispiele gibt es viele, zum Beispiel Nutzer, die versuchen, ein NFT der Mona Lisa zu verkaufen - zwar könnte man dafür Geld ausgeben, das Gemälde bliebe aber im Louvre. "Die Frage, wie wir damit umgehen, ist völlig ungelöst. Es gibt keine rechtsverbindliche Lösung", sagt Keber.
Blockchain löst das Internet nicht aus der Hand großer US-Konzerne
Der Rechtsanwalt sieht darin ein generelles Problem. Die Blockchain sei dazu gedacht gewesen, das Internet dezentraler zu machen, um großen Konzernen wie Google und Facebook Macht zu entreißen. Eine gute Idee, findet Keber. "Die Lösung ist aber nicht die Blockchain." Denn auch dafür haben sich inzwischen einige große Plattformen etabliert. "Das sind momentan noch viele. Aber hier werden die gleichen Netzwerkeffekte greifen", sagt Keber. Außerdem sei die Blockchain nicht nachhaltig. "Sie frisst zu viel Strom."
Dazu kämen weitere Probleme, etwa, dass sich Inhalte wie Hassreden nicht löschen lassen. Aus Sicht des Experten könne das Problem nur auf internationaler Ebene gelöst werden. "Indem man klarstellt: Wir wollen nicht, dass die Blockchain die zentrale Technik für ein neues Internet wird." Außerdem sei es sinnvoll, Interoperabilität vorzuschreiben. Dadurch könnten Nutzer ihre einmal digital gekauften Inhalte auch zu anderen Plattformen mitnehmen - womit das Geschäftsmodell exklusiver NFT-Clubs nicht mehr funktionieren würde.
Kryptowährungen und NFTs sind für Jugendliche ganz normal, meint Wolfgang Prinz
Anderer Meinung ist Wolfgang Prinz, stellvertretender Leiter des Fraunhofer Instituts für Angewandte Informationstechnik. "NFTs sind für die Jugend ein ganz normales Medium, das irgendwann zum Gemeingut werden wird." Es sei für viele ganz normal, echtes Geld für Kleidungsstücke oder Gegenstände in Spielen auszugeben. Auch Prinz hofft, dass solche virtuellen Besitztümer künftig interoperabel in verschiedene Welten mitgenommen werden können.
Für Künstler haben NFTs aus Sicht des Experten neue Möglichkeiten geschaffen. "Wir können erstmals ein eindeutiges Original erschaffen. Der NFT gehört nur dem Besitzer, das kann sich jeder in der Blockchain anschauen." Dafür müsse niemand die gängigen Plattformen nutzen. "Ich würde Künstlern und Museen empfehlen, den NFT einfach selbst zu erzeugen und die rohe Blockchain zu nutzen. So wird man von den Plattformen unabhängig."
Das US-Finanzministerium warnt, dass NFTs für Geldwäsche genutzt werden können, weil die Herkunft von Kryptowährungen nicht nachvollziehbar ist. Derzeit wird in einem solchen Fall ermittelt, Bitcoins im Wert von 3,6 Milliarden Dollar wurden wegen des Verdachts der Geldwäsche beschlagnahmt.
Außerdem versuchen Nutzer weltweit, mit Fälschungen und Plagiaten Geld zu verdienen. Der größte Marktplatz Opensea erklärte kürzlich, 80 Prozent der dort angebotenen Werke seien Plagiate oder Fakes. Die EU-Kommission plant daher, anonyme Wallets für Kryptowährungen künftig zu verbieten.


Stimme.de
Kommentare