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"Lüfter führen zu Scheinsicherheit"

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Mobile Raumfilteranlagen sind oft zu laut für den Unterricht, sagt ein Stuttgarter Gutachter. Seine Untersuchungen sind Diskussionsgrundlage für den Heilbronner Gemeinderat, der am Mittwoch über die Ausstattung von Klassenzimmern entscheidet.

Luftfilter können in schwer lüftbaren Klassenräumen die Infektionsgefahr mit Coronaviren verringern − wenn sie richtig betrieben werden.
Foto: dpa
Luftfilter können in schwer lüftbaren Klassenräumen die Infektionsgefahr mit Coronaviren verringern − wenn sie richtig betrieben werden. Foto: dpa  Foto: Sven Hoppe

Der Heilbronner Gemeinderat diskutiert über mobile Raumfilteranlagen für Schulen und Kindergärten. Allein für schwer lüftbare Räume wäre laut Verwaltung eine Investition von rund 500.000 Euro nötig, Folgekosten noch nicht mitgerechnet. Diskussionsgrundlage ist ein Gutachten von Professor Konstantinos Stergiaropoulos. Der Leiter des Instituts für Gebäudeenergetik, Thermotechnik und Energiespeicherung an der Universität Stuttgart kommt zu dem Schluss, dass die Geräte die Infektionsgefahr senken. Warum die trotzdem nicht die beste Lösung sind, erklärt er im Interview mit stimme.de.

 

Sie haben die Wirkung mobiler Luftfilteranlagen in einem Pilotprojekt an Stuttgarter Schulen untersucht. Mit welchem Ergebnis?

Konstantinos Stergiaropoulos: Wir haben die Stoffausbreitung in elf Klassenräumen in unterschiedlichen Konstellationen untersucht. Dabei hat sich gezeigt, dass Luftreinigungsgeräte Wirkung zeigen. Aber auch Lüften hat eine Wirkung auf die Aerosole.

 


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Ist Lüften eine Alternative?

Stergiaropoulos: Nach unseren Ergebnissen reicht Lüften bei ausreichender Fensterfläche, wenn man die Fenster ganz öffnet und nicht nur kippt. Wir haben das Intervall 20 Minuten zu, fünf Minuten öffnen getestet. Dabei liegt die Wahrscheinlichkeit der Infektion beim gleichzeitigen Tragen einer FFP2-Maske im selben Bereich wie bei einem mobilen Raumfilter.

 

Wann sind stationäre Raumfilteranlagen sinnvoll?

Stergiaropoulos: Nur in schwer lüftbaren Räumen. Man muss auch wissen, dass die Geräte einen hohen Volumenstrom umsetzen und damit die Luftgeschwindigkeit im Raum weit höher ist, als wir es noch als behaglich empfinden.

 

Wie nimmt man das wahr?

Stergiaropoulos: Zum einem empfindet man den Zug als kühl, meist am Knöchel oder an Stirn, Augen und Nacken. Das Zweite ist die Schallleistung durch den eingebauten Ventilator im Luftreinigungsgerät. Da werden Schalldruck-Grenzwerte überschritten, und es ist einfach zu laut. Aus meiner Sicht wird das dazu führen, dass es keine dauerhafte Akzeptanz der Geräte geben wird. Es besteht die Gefahr, dass sie im Unterricht so weit gedrosselt werden, dass man nichts mehr hört. Und damit ist die Wirkung nicht mehr richtig gegeben.

 


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Was wäre stattdessen eine Lösung?

Stergiaropoulos: Wichtig wären dezentrale Raumlufttechnikanlagen, die unbelastet Außenluft in den Raum führen sowie gleichzeitig Raumluft absaugen und ins Freie befördern. Damit werden die CO2-Konzentration und die Aerosole in der Raumluft verringert. Die Anlagen schaffen eine gute Innenraumqualität, das ist förderlich fürs Lernen. Aber es ist unrealistisch, das in zwei bis drei Monaten überall installieren zu wollen.

 

Was wäre auf lange Sicht wichtig?

Stergiaropoulos: Da appelliere ich sehr an die Verantwortlichen. Künftig sollten Klassenzimmer unbedingt mit dezentralen Anlagen ausgerüstet werden. Der Bund fördert die Geräte mit 80 Prozent.

 

Wäre damit die Corona-Gefahr in den Schulen gebannt?

Stergiaropoulos: Absolute Infektionsausschließung kann man nie garantieren. Wir Wissenschaftler rechnen mit Wahrscheinlichkeiten. Aber jeder Verlauf einer Infektion ist anders, nicht jeder erkrankt bei derselben Virenzahl. In unserem Gutachten haben wir die Luftbewegung mit Hilfe hochgenauer Messtechnik analysiert und anschließend die Infektionswahrscheinlichkeit mit mathematischen Formeln der Virologie und der Medizin berechnet.

 


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Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht sonst noch in Schulen und Kindergärten wichtig?

Stergiaropoulos: Wo Geräte eingesetzt werden, dürfen sie nicht zu einer Scheinsicherheit führen, also dazu, dass andere Maßnahmen vernachlässigt werden, weil man sich sicher fühlt. Masken reduzieren die Infektionswahrscheinlichkeit sehr. Außerdem muss man sich mit Lüften behelfen und dann dort, wo das nicht möglich ist, mobile Raumlüfter einsetzen.

 

Glauben Sie als Wissenschaftler, dass es im Herbst Präsenzunterricht geben wird?

Stergiaropoulos: Ich denke schon, aber es ist eine Frage der organisatorischen Maßnahmen. Es wird partiell zu Quarantänemaßnahmen kommen, ein reduzierter Betrieb ist aber möglich. Wichtig sind Masken tragen, Lüften und Kontaktnachverfolgung, damit es nicht aufgrund von hohen Inzidenzen zu sofortigen Schulschließungen kommt.

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