"Lüfter führen zu Scheinsicherheit"
Mobile Raumfilteranlagen sind oft zu laut für den Unterricht, sagt ein Stuttgarter Gutachter. Seine Untersuchungen sind Diskussionsgrundlage für den Heilbronner Gemeinderat, der am Mittwoch über die Ausstattung von Klassenzimmern entscheidet.

Der Heilbronner Gemeinderat diskutiert über mobile Raumfilteranlagen für Schulen und Kindergärten. Allein für schwer lüftbare Räume wäre laut Verwaltung eine Investition von rund 500.000 Euro nötig, Folgekosten noch nicht mitgerechnet. Diskussionsgrundlage ist ein Gutachten von Professor Konstantinos Stergiaropoulos. Der Leiter des Instituts für Gebäudeenergetik, Thermotechnik und Energiespeicherung an der Universität Stuttgart kommt zu dem Schluss, dass die Geräte die Infektionsgefahr senken. Warum die trotzdem nicht die beste Lösung sind, erklärt er im Interview mit stimme.de.
Sie haben die Wirkung mobiler Luftfilteranlagen in einem Pilotprojekt an Stuttgarter Schulen untersucht. Mit welchem Ergebnis?
Konstantinos Stergiaropoulos: Wir haben die Stoffausbreitung in elf Klassenräumen in unterschiedlichen Konstellationen untersucht. Dabei hat sich gezeigt, dass Luftreinigungsgeräte Wirkung zeigen. Aber auch Lüften hat eine Wirkung auf die Aerosole.
Ist Lüften eine Alternative?
Stergiaropoulos: Nach unseren Ergebnissen reicht Lüften bei ausreichender Fensterfläche, wenn man die Fenster ganz öffnet und nicht nur kippt. Wir haben das Intervall 20 Minuten zu, fünf Minuten öffnen getestet. Dabei liegt die Wahrscheinlichkeit der Infektion beim gleichzeitigen Tragen einer FFP2-Maske im selben Bereich wie bei einem mobilen Raumfilter.
Wann sind stationäre Raumfilteranlagen sinnvoll?
Stergiaropoulos: Nur in schwer lüftbaren Räumen. Man muss auch wissen, dass die Geräte einen hohen Volumenstrom umsetzen und damit die Luftgeschwindigkeit im Raum weit höher ist, als wir es noch als behaglich empfinden.
Wie nimmt man das wahr?
Stergiaropoulos: Zum einem empfindet man den Zug als kühl, meist am Knöchel oder an Stirn, Augen und Nacken. Das Zweite ist die Schallleistung durch den eingebauten Ventilator im Luftreinigungsgerät. Da werden Schalldruck-Grenzwerte überschritten, und es ist einfach zu laut. Aus meiner Sicht wird das dazu führen, dass es keine dauerhafte Akzeptanz der Geräte geben wird. Es besteht die Gefahr, dass sie im Unterricht so weit gedrosselt werden, dass man nichts mehr hört. Und damit ist die Wirkung nicht mehr richtig gegeben.
Was wäre stattdessen eine Lösung?
Stergiaropoulos: Wichtig wären dezentrale Raumlufttechnikanlagen, die unbelastet Außenluft in den Raum führen sowie gleichzeitig Raumluft absaugen und ins Freie befördern. Damit werden die CO2-Konzentration und die Aerosole in der Raumluft verringert. Die Anlagen schaffen eine gute Innenraumqualität, das ist förderlich fürs Lernen. Aber es ist unrealistisch, das in zwei bis drei Monaten überall installieren zu wollen.
Was wäre auf lange Sicht wichtig?
Stergiaropoulos: Da appelliere ich sehr an die Verantwortlichen. Künftig sollten Klassenzimmer unbedingt mit dezentralen Anlagen ausgerüstet werden. Der Bund fördert die Geräte mit 80 Prozent.
Wäre damit die Corona-Gefahr in den Schulen gebannt?
Stergiaropoulos: Absolute Infektionsausschließung kann man nie garantieren. Wir Wissenschaftler rechnen mit Wahrscheinlichkeiten. Aber jeder Verlauf einer Infektion ist anders, nicht jeder erkrankt bei derselben Virenzahl. In unserem Gutachten haben wir die Luftbewegung mit Hilfe hochgenauer Messtechnik analysiert und anschließend die Infektionswahrscheinlichkeit mit mathematischen Formeln der Virologie und der Medizin berechnet.
Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht sonst noch in Schulen und Kindergärten wichtig?
Stergiaropoulos: Wo Geräte eingesetzt werden, dürfen sie nicht zu einer Scheinsicherheit führen, also dazu, dass andere Maßnahmen vernachlässigt werden, weil man sich sicher fühlt. Masken reduzieren die Infektionswahrscheinlichkeit sehr. Außerdem muss man sich mit Lüften behelfen und dann dort, wo das nicht möglich ist, mobile Raumlüfter einsetzen.
Glauben Sie als Wissenschaftler, dass es im Herbst Präsenzunterricht geben wird?
Stergiaropoulos: Ich denke schon, aber es ist eine Frage der organisatorischen Maßnahmen. Es wird partiell zu Quarantänemaßnahmen kommen, ein reduzierter Betrieb ist aber möglich. Wichtig sind Masken tragen, Lüften und Kontaktnachverfolgung, damit es nicht aufgrund von hohen Inzidenzen zu sofortigen Schulschließungen kommt.
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Stimme.de
Kommentare
Markus Henkel am 28.07.2021 15:58 Uhr
Das Fazit der Stuttgarter Studie suggeriert, dass man keine mobilen Luftilter in Klassenzimmern braucht, weil Stoßlüften sogar wirksamer sei. Warum konnten dann mit dieser Maßnahme die Schulschließungen seit letzten Dezember nicht verhindert werden? Damals ging es noch um den Corona-Wildtyp, mittlerweile müssen wir die deutlich ansteckendere Delta-Mutation aus den Klassenzimmern fernhalten. Dabei könnten mobile Luftfilter einen wesentlichen Unterschied darstellen. Dass Luftfilter wirksam die Aerosolbelastung und damit das Infektionsrisiko reduzieren, haben das Fraunhofer Institut und die Aerosolforscher der Bundeswehruniversität München bereits bewiesen.
Nach dem Schweizer-Käse-Modell der Risikoanalyse kommt es darauf an, einzelne – für sich allein genommen nicht 100% wirksame – Maßnahmen so zu kombinieren, dass die Ansteckungsgefahr möglichst niedrig gehalten und dadurch ein sicherer Präsenzunterricht zu gewährleistet werde kann.
Luftfilter zusätzlich zum Lüften einzusetzen kann daher ein erfolgversprechender Ansatz sein. Daher fordert der Arbeitskreis Grundschulen des Gesamtelternbeirats HN im Namen der Eltern Heilbronner Grundschulkinder dass die Stadt HN als Schulträger den Sommer nutzen sollte, um die Klassenzimmer besser auf Präsenzunterricht ohne Dauer-Quarantäne im Herbst/Winter vorzubereiten.
Gisela Walch am 28.07.2021 15:22 Uhr
Warumn wird den Aussagen von Experten immer nur das entnommen, was dem Schreiber ins Bild passt? Ganz eindeutig sind nach den Aussagen Luftreiniger mit Hepa-Filtern wirksame Mittel, um die Aerosol-Belastung drastisch zu reduzieren. Selbstverständlich tauschen diese Luftreiiniger keine Raumluft aus - ohne Be- und Entlüftung geht es nicht. Durch den Einbau von großflächigen, langsam laufenden Belüftern kann im Zusammenhang mit den Luftreinigern einerseits die Aerosolberlastung fast eliminert werden, andererseits findet ein Luftausstausch mit Verminderung der Kohlendioxidmenge und Sauerstoffanreicherung statt. Die akustische Belastung ist dabei vernachlässigbar. Das ist seit langem anerkannter Stand der Wissenschaft. Nur Lüdten reicht nicht und ist absolute Energieverschwendung.
Wilfried Binder am 28.07.2021 15:12 Uhr
Warum keine Kontrollierte (Wohn-)Raumlüftung -KWL? Lüftet die Räume nach außen, führt dieselbe Menge an Frischluft von außen den Klassenräumen wieder zu. Um Wärmeverluste zu minimieren mit effizienter Wärmerückgewinnung - Rückgewinnungsfaktor >90%.
Spart Energie (gegenüber Fensterlüftung), führt virenbeladene Abluft ins Freie, sorgt permanent für Frischluft, ist leise, kann dezentral pro Raum, oder als zentrale Lösung pro Flur, Etage bzw. fürs Gesamtgebäude geplant werden.
Mobile Raumfilteranlagen senken zwar die Virenlast, sorgen aber nicht für Frischluft. D.h. dabei ist zusätzliche Fensterlüftung nötig, zwar nicht permanent, dann aber mit hohen zusätzlichen Wärmeverlusten einhergehend ..... und somit kontraproduktiv im Sinne der Klimadebatte / CO2-Reduzierung.
Sören Hunke am 28.07.2021 13:46 Uhr
Dieses Missverhältnis ist wieder typisch für unsere Politik: Im Landtag hat man Filter-Anlagen OBWOHL man dort lüften kann, die Personen die dort arbeiten, können sich zudem impfen lassen und FFP2-Masken tragen. Ich finde es nach wie vor skandalös, dass man jetzt erst darüber diskutiert, wie man in Schulen damit verfährt. Und das auch nur bei den „schwer belüftbaren“ Klassenräumen. Dieses Gutachten lässt völlig außer Acht, dass Grundschulkinder kaum FFP2-Masken tragen, da es diese schlichtweg nicht überall in entsprechender Größe gibt und wenn dann so teuer, dass Familien das nicht bezahlen können. Und ich frage mich, wie man allen Ernstes davon ausgehen kann, dass im Winter bei Minusgraden wieder alle 20 Minuten die Fenster weit aufgerissen werden können. Die Räume sind dann wieder dermaßen unterkühlt, dass das Geräusch der Anlagen den Unterricht sicher weniger stören würde als klirrende Kälte über 7 Schulstunden. Aber Hauptsache die Leute, die das entscheiden, sitzen in ihren warmen gefilterten Schutzräumchen mit FFP2 und sind doppelt geimpft.
Pascal Abraham am 28.07.2021 08:19 Uhr
Es geht doch nicht darum, ob regelmäßiges Lüften ODER Luftfilter besser sind, sondern es geht darum, ob die Luftfilter die Virenlast senken. Und das tun Sie. Das beweist die Studie ebenfalls eindrucksvoll. Also wäre doch die beste Variante beide Maßnahmen miteinander zu kombinieren anstatt gegeneinander aufzurechnen, um die Infektionsgefahr weiter zu senken. Deshalb stehen ja in vielen Landtagen bereits zusätzliche Luftfilter. Es ist in der Pandemie mehr Pragmatismus gefordert und jede Investition ist letztendlich günstiger gegenüber den Kosten eines weiteren Lockdowns.