Lockdown beeinträchtigt Sprachentwicklung von Kindern
Durch den Corona-Lockdown kommt bei Kindern der Austausch mit Familie und Freunden zu kurz. AIM-Förderkräfte üben seit diesem Jahr mit Grundschülern per Videokonferenz bei Sprachdefiziten.

Wenn ein Kind sich nicht ausdrücken kann, ist die Teilhabe an der Gesellschaft schwierig. "Sprache ist der Schlüssel für Integration und Bildung", davon ist Eva-Carolina Doll überzeugt. Als Bereichsleiterin bei der Akademie für Innovative Bildung und Management Heilbronn-Franken (AIM) gestaltet sie seit 2015 Programme zur Sprachförderung bei Kindern mit. Doch wegen des Corona-Lockdowns ist es für die von der AIM ausgebildeten Dozenten deutlich schwerer, Kinder mit verzögerter Sprachentwicklung zu unterstützen.
Die Folge: "Durch fehlendes Training und Ansprache merken wir, dass der Wortschatz verloren geht und Mädchen und Jungen auch Rückschritte machen", berichtet Doll. Um dem entgegenzuwirken, geht die Akademie neue Wege: Seit diesem Jahr bieten die Dozenten Grundschulkindern die Sprachförderung telefonisch und digital über Videokonferenzen an.
Kinder sprachlich begleiten
Unter normalen Umständen gehen die AIM-Sprachförderkräfte direkt an Kindergärten und Grundschulen. Dies geschieht im Rahmen verschiedener Sprachförderkonzepte wie dem Programm "Sprache fürs Leben", das seit 2006 für Grundschulen angeboten wird. Das Programm "Kinder sprachlich begleiten" ist 2019 als Pilotprojekt im Verbund mit Mannheim und Karlsruhe gestartet. "Dabei haben wir die Sprachförderung ins letzte Kindergartenjahr vorgezogen", erklärt Doll. Seit dem Schuljahr 2020/21 ist auch der Kindergarten Marienfried in Heilbronn dabei.
In Gruppen von bis zu fünf Kindern, die nach Rücksprache mit der Leitung förderbedürftig sind, üben zwei Förderkräfte mit den Kindern den sprachlichen Austausch. Beispielsweise werde mit den Jungen und Mädchen gemeinsam ein Schulranzen mit Material ausgepackt. "Dabei lernen sie, die Dinge zu benennen: Das ist ein Lineal, das ist ein Heft", erklärt Doll. Vorschulthemen werden genauso behandelt wie andere, für Kinder relevante Gebiete. "Mit der spielerischen Übung werden Anlässe geschaffen, die das Kind zum Sprechen motivieren.
Die Kinder erweitern ihren Wortschatz. Sie lernen, Sätze zu bilden und sprachliche Strukturen. Nebenbei verlieren sie auch die Hemmung zu reden", so Eva-Carolina Doll. "Bei der Sprachförderung geht es nicht darum, ein bestimmtes Level zu erreichen, sondern die Mädchen und Jungen individuell zu fördern." Durch das Erlebnis, die eigenen Bedürfnisse ausdrücken zu können, würden die Jungen und Mädchen auch an Selbstbewusstsein und -vertrauen gewinnen.
In der Regel begleitet die Sprachförderkraft das Kind bis in die Grundschule, wo das Sprachtraining weitergeführt wird. "Der Dozent sitzt auch mal mit in der Klasse, erlebt das Kind im Unterricht. Im Training knüpfen sie dann an die Themen des Unterrichts an."
Sprachtraining über Telefon oder Videokonferenz
Trotz des Lockdowns sind die Sprachförderdozenten der AIM derzeit im Rahmen der schulischen Notbetreuung so gut es geht vor Ort aktiv. Für die Kinder im Homeschooling wird die Sprachförderung neuerdings auch telefonisch und online angeboten. Dazu fragt die Schule im Vorfeld bei den Eltern förderbedürftiger Mädchen und Jungen an. "So bleibt auch die Bindung zum Sprachdozenten erhalten", erklärt Bereichsleiterin Doll. Bei den Kindergartenkindern gestaltet sich die Sprachförderung derzeit hingegen schwierig: Ein Training im Rahmen der Notbetreuung vor Ort sei nicht möglich, da Externe nicht in die Einrichtungen dürften. Für Videotraining seien die Kinder noch zu klein.
Bessere Chancen für Kinder mit guter Bindung
Martina Grön ist überzeugt davon, dass Sprache einen wesentlichen Teil zur Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und zur Integration beiträgt. "Fühlt sich ein Kind sicher, hat es bessere Chancen als eines, das in seinen Grundfesten erschüttert ist", weiß die Geschäftsführerin vom Kinderschutzbund Heilbronn. "Bindung und Sicherheit wird durch Sprechen und die Kontaktaufnahme mit dem Kind hergestellt." Familienpaten des Kinderschutzbundes besuchen unter normalen Gegebenheiten regelmäßig Familien. "Wenn der Pate merkt, dass es mit der Sprache hapert, spricht er das Kind vermehrt an und macht die Eltern darauf aufmerksam. Gemeinsam kann man nach passenden Lösungen suchen", erklärt die Pädagogin.
Weinende Eltern
Der Verein bietet derzeit eine Seelsorge-Hotline für Eltern an. "Teilweise rufen sie verzweifelt und weinend an. Sie haben finanzielle Sorgen, müssen den Haushalt stemmen, Lehrer sein und die Kinder bei Laune halten", berichtet Martina Grön. "Da können Kleinigkeiten das Fass zum Überlaufen bringen, und Gespräche mit dem Kind kommen zu kurz." Hinzu komme, dass aufgrund der Isolation der sprachliche Austausch mit beispielsweise Klassenkameraden und Freunden auf Eis liege. Grön ist sich sicher, dass all das Langzeitfolgen für die Sprachentwicklung haben kann. "Der Lockdown beeinträchtigt das Üben der Sprache", bestätigt auch Veronika Siller, ebenfalls Geschäftsführerin beim Kinderschutzbund. Um den Familien kurzzeitig einen Tapetenwechsel anbieten zu können, sei das Pünktchen-Café in der Weinsberger Straße für Familien für eine gewisse Zeit buchbar, auch eine Ansprechperson ist vor Ort. "Manchmal reicht das für die Familien, um wieder Kraft zu tanken."
Weitere Details
www.aim-akademie.org sowie www.kinderschutzbund-hn.de
Ursachen für Sprachdefizite
Die Gründe dafür, dass ein Kind Defizite in der Sprache aufweist, können unterschiedlich sein. "Möglich ist, dass das Kind eine Sprachstörung hat. Es kann aber auch am sozialen Umfeld liegen, wenn das Kind dort wenig Ansprache durch die Eltern erfährt, weil sie eher introvertiert oder wie jetzt in der Corona-Zeit einfach überfordert sind", berichtet Martina Grön. Genauso könne es auch mit dem Charakter des Kindes zusammenhängen. "Ein unsicheres, zurückhaltendes Kind hat oft mehr Hemmungen zu sprechen." Die Techniker Krankenkasse weist darauf hin, dass zu den häufigsten Ursachen einer Sprachentwicklungsverzögerung ein eingeschränktes Hörvermögen gehört. Ursächlich dafür können Mittelohrentzündungen oder eine zurückliegende Hirnhautentzündung sein.
Kommentar: Besser reagieren
Wir befinden uns in einer sehr schwierigen Zeit. Die Pandemie hat unsere Leben komplett auf den Kopf gestellt, der Lockdown beeinträchtigt den Alltag, schränkt uns gefühlt in unserer Freiheit ein. Meldungen von Impftstoffmangel und Virusmutationen deuten daraufhin, dass die Situation höchstwahrscheinlich noch eine Weile so bleiben wird. Deshalb müssen wir versuchen, das beste aus der Situation zu machen – so schwierig es sein mag. Bringt es uns doch kein Stück voran, nur auf die Situation zu schimpfen.
Mit ihrem telefonischen Sprachfödertraining und dem Angebot, über digitale Plattformen mit den Kindern zu kommunizieren, versucht die AIM genau das. Und das ist gut so, auch wenn es natürlich ein schwacher Ersatz für die Begegnung mit dem Kind ist. Es ist wichtig, Sprachprobleme nicht zu vernachlässigen. Durch die Hilfestellung dieser Einrichtungen werden Eltern zudem dafür sensibilisiert, darauf ein Augenmerk zu haben und zu reagieren – ob durch spielerisches Training mit dem Kind oder durch die Inanspruchnahme der Sprachförderangebote. Gleichzeitig fühlen sich vielleicht auch weitere Personen angesprochen, die die Konzepte tatkräftig unterstützen können.

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