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Kükentöten ist jetzt hierzulande passé

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Neugeborene Hähne von Hochleistungs-Legehennen galten bisher als unwirtschaftlich und wurden als Eintagsküken aussortiert. Damit ist seit Januar Schluss. Allerdings gibt es ein legales Schlupfloch - Verbände warnen vor Wettbewerbsverzerrung und Kundentäuschung.

Auf dem Hof der Familie Hafner in Westernbach werden aus den männlichen Eintagsküken stolze Junghähne. Diese werden nach gut 80 Tagen geschlachtet.
Fotos: Jörg Kühl
Auf dem Hof der Familie Hafner in Westernbach werden aus den männlichen Eintagsküken stolze Junghähne. Diese werden nach gut 80 Tagen geschlachtet. Fotos: Jörg Kühl  Foto: Kühl, Jörg

Jahrzehntelang war es in Deutschland und darüber hinaus gang und gäbe: Männliche Küken aus Zuchtlinien, die für die Eierproduktion optimiert sind, wurden nach dem Schlupf mit CO2 getötet und als Tierfutter verwertet. In Deutschland allein zwischen 40 und 50 Millionen pro Jahr. Zum Hintergrund: Hähne von Hochleistungs-Legehennen setzen dreimal so langsam Fleisch an wie herkömmliche Masthähnchen, und benötigen dafür die dreifache Menge Futter. Sie galten bisher als unwirtschaftlich und wurden als Eintagsküken aussortiert. Damit ist seit Januar Schluss.

Die großen Lebensmittel-Handelsketten haben zeitig reagiert und die Frischeier fast vollständig auf "ohne Küken töten" umgestellt. Im Bereich der eierhaltigen Produkte will der Handel sukzessive nachlegen. Brütereien, Legehennenhalter und Vermarkter setzen auf zwei Wege, um das neue Gesetz umzusetzen. Die eine Methode ist, das männliche Küken im Ei zu erkennen und als ungeschlüpftes Embryo in einem frühen Stadium zu töten und zu Tierfutter zu verwerten. Praktiker, wie Werner Hockenberger in Elsenz, der eine Brüterei für Bioeier betreibt, hält die Verfahren zur Geschlechtserkennung noch nicht für marktreif. Ein Verfahren, das derzeit erprobt wird, erkennt das Geschlecht ab dem achten oder neunten Tag. Die Technik dafür kann aber noch nicht flächendeckend bereitgestellt werden.

Tag 14 ist zu spät

Werner Hockenberger, Brüter in Elsenz, hält die Aufzucht der Bruderhähne derzeit für unausweichlich.
Werner Hockenberger, Brüter in Elsenz, hält die Aufzucht der Bruderhähne derzeit für unausweichlich.  Foto: Kühl, Jörg

Ein anderes Verfahren erkennt das Geschlecht am 14. Tag. "Viel zu spät", meint der Kükenproduzent. Derzeit ist noch nicht ganz geklärt, ab welchem Tag die Embryos Schmerzen empfinden. Wissenschaftler glauben, dass dies ab dem siebten Tag der Fall ist. Entsprechend verlangt der Gesetzgeber eine Verschärfung der bei der Geschlechtsbestimmung. Ab 2024 muss dies innerhalb der ersten Woche geschehen. Die zweite Variante, das neue Gesetz anzuwenden, ist, die männlichen Küken mit aufzuziehen und der Lebensmittelproduktion zuzuführen. Dies geschieht zum Beispiel bei Maria und Thomas Hafner in Zweiflingen. Das Ehepaar mästet die Vögel im Auftrag der Werbegemeinschaft-08-Eier aus Baden-Württemberg.

Um die teure Mast der nicht auf Fleischansatz optimierten Junghähne zu finanzieren, muss jedes Ei der fleißigen Schwestern mit drei Cent beaufschlagt werden. Ein Zehnerkarton Eier verteuert sich so um 30 Cent. Dafür prangt auf der Packung ein Logo, das dem Verbraucher die Sicherheit gibt, dass bei der Produktion der Eier kein Küken sein Leben lassen musste.


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Der Geflügelwirtschaftsverband Baden-Württemberg und die Werbegemeinschaft-08-Eier warnen vor Wettbewerbsverzerrung und Kundentäuschung. Betriebe könnten die nur in Deutschland geltende neue Regelung umgehen, indem sie Legehennen aus dem Ausland beziehen. So könnten Legehennenhalter ihre Eier weiterhin zum alten Preis anbieten. Der Verband sieht dabei die Gefahr weniger bei den Legehennenhaltern, die im Einzelhandel gelistet sind, sondern bei den Direktvermarktern. "Entsprechende Ware darf ganz legal verkauft werden, nur eben ohne das Tierschutz-Logo", stellt der Eppinger Legehennenhalter Georg Heitlinger, der auch Vorsitzender des Verbands in Baden-Württemberg ist, fest. Wenn Kunden beim Kauf der Eier nicht ausdrücklich danach fragten, könnten sie im Glauben sein: "In Deutschland ist das Kükentöten ja verboten, also sind die Eier sicher auch so produziert."

Georg Heitlinger, Legehennenhalter in Eppingen, zeigt eine Schachtel mit dem Huhn-und-Hahn-Logo.
Georg Heitlinger, Legehennenhalter in Eppingen, zeigt eine Schachtel mit dem Huhn-und-Hahn-Logo.  Foto: Kühl, Jörg

Um das Schlupfloch zu schließen, fordert die 08er-Eier-Initiative im Einvernehmen mit dem Verband in einem offenen Brief an Agrarminister Cem Özdemir (Grüne), eine Kennzeichnung solcher Eier und eihaltigen Produkte mit dem Label "Mit Küken Töten" (MKT) auf den Weg zu bringen.

Eine transparente Labelung fordert auch Legehennenhalter Peter Buyer vom Korn-Hof in Brackenheim. Den Tierwohl-Preisaufschlag an die Kunden weiterzureichen, sei bisher nur für die L- und XL-Freilandeier erfolgversprechend. Für Eier aus Bodenhaltung mittlerer Größe sei die Bereitschaft der Endkunden dazu eher gering, schätzt der Landwirt ein.


Handel reagiert

"Bei der Abschaffung des Kükentötens haben wir uns aufgrund begrenzter Kapazitäten am Markt und langfristiger Umstellungsprozesse in den Lieferketten zunächst auf die Schaleneier konzentriert", teilt Aldi Süd mit. Das Unternehmen stehe darüber hinaus mit seinen Lieferanten im Austausch, um Möglichkeiten auszuloten, perspektivisch auch Lebensmittel mit nennenswerten Anteilen von verarbeitetem Frischei umzustellen. Mit den Bio-Teigwaren und Spätzle würden bereits die ersten Produkte "ohne Kükentöten" in den Regalen stehen. "Wir möchten nach und nach weitere Artikel anbieten. Das geht allerdings nicht von heute auf morgen."

Bei Edeka-Eigenmarken setzt der Anbieter unter anderem auf die "Initiative Lebenswert". Im Rahmen dieser Initiative habe Edeka verschiedene Maßnahmen ergriffen, die sich ergänzen. Hier nutze Edeka zum einen die bestehenden Möglichkeiten und Methoden der Junghahn-Aufzucht mit der Zielsetzung, Schlupfbrüder der Legehennen mit aufzuziehen. "Wir setzen darüber hinaus auf die verstärkte Förderung sogenannter Zweinutzungsrassen, die für Eier- und Fleischproduktion gleichermaßen geeignet sind", so Edeka. Bei der Edeka Südwest-Regionalmarke "Unsere Heimat – echt & gut" setzt das Handelsunternehmen auf die Initiative "Huhn & Hahn." Das gesamte Frisch-Ei-Sortiment dieser Regionalmarke komme von Höfen der Initiative.

Die Rewe Group hat bis Ende vergangenen Jahres das gesamte Frischei-Eigenmarkensortiment bei Rewe und Penny so umgestellt, dass keine männlichen Küken der Legehennenrassen mehr getötet werden. Das schließt auch die Eier der Legehennen ein, die von Legehennenbetrieben aus dem Ausland bezogen werden. Neben der Geschlechtsbestimmung im Ei fokussiert sich die Rewe Group auf die etablierten Bruderhahn-Projekte (Spitz&Bube und Herz-Bube) und damit auf das Verfahren der Junghahn-Aufzucht. Die Rewe Group hat sich als Vorreiter im Kampf gegen das Kükentöten bewusst für diesen Weg entschieden, um einen extrem ambitionierten Zeitplan halten zu können. Für die Spitz & Bube Artikel (Bio, Freiland, Boden) und den Herzbube-Artikel wurden bislang über zwei Millionen Hähne aufgezogen.

Die Schwarz-Gruppe mit ihren Handelssparten Lidl und Kaufland begrüßt nach eigenen Angaben die gesetzliche Beendigung des Kükentötens für die Eierproduktion. Lidl werde 100 Prozent des Schaleneier-Sortiments ab Ende Januar umgestellt haben. Für eine ausreichende Warenverfügbarkeit werden alle Eier in den über 3200 Lidl-Filialen aus Deutschland und den Niederlanden bezogen. Aus diesen beiden Ländern stammen auch die Legehennen. Gemeinsam mit den Lieferanten arbeitet Lidl daran, zukünftig auch bei verarbeiteten Eigenmarkenprodukten sukzessive Eier ohne Kükentöten zu nutzen. Seit Anfang dieses Jahres habe Lidl zum beispiel begonnen, Spätzle und Maultaschen der Eigenmarke "Chef select" auf eine Rezeptur mit Eiern ohne Kükentöten umzustellen.

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