Kriminologe nach Waffeneinsatz in Mosbach: "Der Schuss muss den Angriff sicher beenden"
Ein 46-jähriger, mit einem Messer bewaffneter Mann wird am Freitag von einem Polizisten in Mosbach erschossen. Professor Dr. Thomas Feltes (71) ist Kriminologe und erklärt, wann die Polizei Schusswaffen einsetzt und welche Fehler passieren.

Wie gefährlich schätzen Sie ein Messer als eingesetzte Waffe im Vergleich zu einer Pistole ein?
Prof. Dr. Thomas Feltes: Messer sind, wenn sie als Angriffswaffe benutzt werden, sehr gefährlich. Und sie sind leicht verfügbar, im Gegensatz zu Schusswaffen. Allerdings ist nicht jeder, der ein Messer bei sich führt, ein potentieller Mörder. Es kommt auf die Absicht an und auf die konkrete Situation. Es gibt Menschen - auch psychisch Beeinträchtigte -, die ein Messer bei sich führen, weil sie sich bedroht fühlen. Sie kämen aber nie auf die Idee, jemanden grundlos anzugreifen.
Der Mann hat offenbar nicht auf den Einsatz von Pfefferspray reagiert. Sind Ihnen solche Fälle bekannt?
Feltes: Es ist allgemein und auch in der Polizei bekannt und durch Mediziner und Psychiater bestätigt, dass Pfefferspray oder Reizgas bei psychisch beeinträchtigen Menschen oftmals entweder gar nicht, oder paradox wirkt, das heißt, es verstärkt oder verursacht ggf. erst die Aggression.
Ab wann ist der Einsatz einer Schusswaffe gerechtfertigt?
Feltes: Das ist relativ klar: Immer dann, wenn eine unmittelbare Gefahr für Leib oder Leben einer Person besteht. Das ist in fast allen Fällen, in denen psychisch beeinträchtigte Menschen von der Polizei getötet werden aber genau das Problem: Es kommt nicht darauf an, was in dem konkreten, zeitlich betrachtet letzten Moment passiert. Da haben wir meist tatsächlich einen Angriff, der nicht anders als durch Schusswaffengebrauch abzuwehren ist. Entscheidet ist das, was vorher passiert. Hier reagieren Polizeibeamte leider oftmals falsch und verursachen die Situation, die dann dazu führt, dass von der Schusswaffe Gebraucht gemacht werden muss. Diese Fehler im Vorfeld sind in den USA inzwischen aufgearbeitet und führen dazu, dass Polizeibeamte verurteilt werden, wenn sie den Tod der Person durch falsches Verhalten verursacht haben.
Werden Polizisten ausgebildet, auf bestimmte Körperteile zu schießen?
Feltes: Nein, weil dies keinen Sinn macht. Angriffssituationen sind zum einen immer dynamisch, das heißt die betreffenden Personen bewegen sich und sind daher kaum genau zu treffen. Hinzu kommt aber vor allem, dass die Schusswaffe nur zur Verteidigung und als letztes Mittel eingesetzt werden darf, und daher muss der Schuss dann, wenn er abgegeben wird, den Angriff sicher beenden. Und das geht nur, wenn man auf den Körper zielt.
Eine Zeugin gibt uns gegenüber an, dass der Abstand zwischen Angreifer und dem Polizisten etwa 1,5 Meter betragen habe. Spricht das für einen Schuss/Schüsse in den Oberkörper, um den Angreifer zu stoppen oder wären in diesem Fall Schüsse in die Beine möglich gewesen?
Feltes: In einem Abstand von 1,5 Meter kann eine Schusswaffe eigentlich nicht mehr sinnvoll eingesetzt werden, wenn sie nicht schon vorher gezogen wurde. Wenn die kritische Distanz, die bei Menschen, die mit einem Messer bewaffnet sind zwischen vier und sieben Metern beträgt, unterschritten wird, dann kann die Situation nicht mehr anders als durch den Gebrauch der Schusswaffe gelöst werden. Also muss die Lösung vorher erfolgen, auch durch Zurückweichen, Zeit gewinnen, Hilfe anbieten, kommunizieren. Und fachliche Unterstützung anfordern.
Werden Polizisten auch darauf trainiert, die Distanz zu vergrößern, um einen Angriff zu vermeiden?
Feltes: Im Prinzip ja, nur ist das in konkreten Situationen schwierig umzusetzen, weil man dazu rational denken müsste. In solchen Situationen wird aber leider meist irrational gedacht und gehandelt. Hier wäre die Unterstützung durch Kollegen wichtig, die meist abseits stehen. Die verhalten sich aber leider oftmals passiv, was dringend geändert werden muss. Sie haben eine Mitverantwortung für die Situation und auch für das Verhalten des Kollegen, der dem psychisch Beeinträchtigten gegenübersteht. Und sie können eher in Ruhe rational denken und entscheiden und den Kollegen auch davor bewahren, die falsche Entscheidung zu treffen.
Wie werden Polizisten nach einem tödlichen Schusswechsel betreut? Welche psychischen Folgen sind bekannt?

Feltes: Tatsächlich wird dieses Thema leider in der Öffentlichkeit zu wenig beachtet, zumal sehr viele Polizeibeamte, die solche Schüsse abgegeben haben, relativ jung und unerfahren sind. Es wird natürlich eine psychologische Betreuung angeboten, die manche aber ablehnen, weil sie das Gefühl haben, dann als schwach angesehen zu werden. Zudem nehmen sie meist auch unmittelbar nach dem Ereignis aufgrund des Adrenalin-Schubs keine Probleme wahr. Die kommen erst Tage, Wochen und manchmal auch Monate später, als sogenannte posttraumatische Belastungsstörungen. Sie können sehr massive Auswirkungen auf Körper und Seele haben.
Zur Person
Professor Dr. Thomas Feltes war bis 2019 Inhaber des Lehrstuhls für Kriminologie und Polizeiwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Von 1992 bis 2002 leitete er als Rektor die Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen. Der 71 Jahre alte Jurist und Sozialwissenschaftler war mehr als 40 Jahre als Berater für nationale und internationale Organisationen tätig.
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