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Regelung zur Frühchen-Versorgung: Kreißsaal-Schließungen drohen

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Kinderkliniken müssen künftig mehr Frühgeborene als bisher behandeln, um die Versorgung bezahlt zu bekommen. Die geplante Verschärfung löst heftige Kritik aus. Widerspruch eingelegt hat auch das Diak-Klinikum in Schwäbisch Hall, das von der Verschärfung betroffen ist.

Ab 2024 müssen Kinderkliniken in Deutschland pro Jahr mindestens 25 Frühgeborene unter 1250 Gramm Geburtsgewicht behandeln, um auch weiter die Versorgung von den Krankenkassen bezahlt zu bekommen. Aktuell sind es 20. Das heißt: Einige Zentren, in denen bisher die Frühchen versorgt werden durften, werden ihren Status verlieren.

Die schärferen Vorgaben hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) 2020 verabschiedet. „Um extrem untergewichtigen Früh- und Reifgeborenen mit einem Gewicht von unter 1250 Gramm einen weitestgehend sicheren und guten Start ins Leben zu ermöglichen, braucht es ein erfahrenes Behandlungsteam“, erklärte der G-BA. Bei dieser höchst anspruchsvollen medizinischen Versorgung würden mit steigender Erfahrung auch bessere Ergebnisse erzielt. Deshalb wolle man die neue Mindestmengen für Krankenhäuser festlegen.


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Heftige Kritik an Verschärfung bei Frühchen-Versorgung 

Die geplante Verschärfung löst heftige Kritik aus. Landesgesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) hat gemeinsam mit Kollegen aus anderen Bundesländern gegen die neue Richtlinie Einspruch erhoben. Der wurde vom G-BA abgelehnt.

Jetzt prüft das Ministerium mögliche juristische Maßnahmen. Die Abstimmung zwischen den Bundesländern dauere derzeit noch an, berichtet ein Sprecher auf Stimme-Anfrage. Von einem „massivem Widerstand“ ist die Rede.

Neue Regelung zur Frühchen-Versorgung: Auch Klinikstandort Schwäbisch Hall betroffen 

Widerspruch eingelegt hat auch das Diak-Klinikum in Schwäbisch Hall, das von der Verschärfung betroffen ist. Das berichtet Diakoneo-Pressesprecher Markus Wagner. Die SLK-Kliniken sind nicht betroffen. Genaue Zahlen nennt Nikolaus de Gregorio, Klinikdirektor Gynäkologie und Geburtshilfe, zwar keine. „Weit über“ der Mindestanzahl von 25 Frühgeborenen sei man aber.

Kritisch sieht de Gregorio die Verschärfung aber trotzdem, wenn Frauen vor der Geburt „quer durch die Republik gekarrt“ werden müssten. „Wir hatten kürzlich auch eine Patientin aus München bei uns.“

Neue Regelung zur Frühchen-Versorgung: Kreißsäle in Leonberg, Herrenberg und Calw vor dem Aus 

Kritik kommt auch von Jutta Eichenauer, Erste Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg. Sie sieht die Frühchen-Versorgung auch schon deshalb in Gefahr, weil es in mehreren Kliniken bald keine Kreißsäle mehr geben wird. Unter anderem in Leonberg, Herrenberg und Calw sollen sie geschlossen werden. Eine Geburt lasse sich nicht planen, „daher ist eine flächendeckende Versorgung wichtig“.

Mit der Verschärfung bewege man sich auf gefährlichem Terrain, kritisiert sie. „Unser Bestreben muss sein, die drohende Frühgeburt so weit wie möglich hinauszuzögern, je näher in Terminnähe, desto besser für die Gesundheit von Kind und Mutter.“ Wenn Frauen schon im Vorfeld wissen, dass sie notfalls sehr weit fahren müssen, setze sie das unter Druck, „was die Frühgeburt noch befördert. Und genau das sollen und wollen wir aus medizinischer Sicht verhindern.“

Neue Regelung zur Frühchen-Versorgung: Überlastung der verbleibenden Kliniken befürchtet 

Zum anderen befürchtet Jutta Eichenauer, dass die Kliniken, die den Status behalten, automatisch überlastet werden, weil jene Frühchen dazukommen, die in den anderen Kliniken nicht mehr versorgt werden dürfen.

Ob sich die Schließung der Kreißsäle in Leonberg, Herrenberg und Calw auf das Ludwigsburger Klinikum auswirke, sei ein Blick in die Glaskugel, sagt dessen Sprecher Alexander Tsongas. Sollte es so weit kommen, müsse man sich Gedanken machen, wie weiter verfahren wird und gegebenenfalls Absprachen mit Klinikverbänden und Landkreisen treffen, so Alexander Tsongas. 

Mangel an Hebammen im Raum Heilbronn

Auch der Mangel an Hebammen in der Region ist Thema. "Mehr würden gut tun", sagt Nikolaus de Gregorio, Klinikdirektor Gynäkologie und Geburtshilfe, bei den SLK-Kliniken. Eine Hebammenkoordinierungsstelle wie in Stuttgart würde Heilbronn zugute kommen, ist Sabrina Froede-Ganz, Kreisvorsitzende des Hebammenverbands Heilbronn-Hohenlohe, überzeugt.

Die Hebammenkoordinierungsstelle ist angesiedelt beim städtischen Gesundheitsamt. Sie stellt den Kontakt von suchenden Frauen zu Hebammen her, die noch freie Kapazitäten haben. Auch in Heilbronn würde sich mithilfe einer solchen Stelle die Vermittlung einfacher gestalten, sagt Froede-Ganz. Oftmals fehle Frauen der Überblick, welche Hebamme kurzfristig frei werden.

 

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