Tropische Viruserkrankungen: Klimawandel wird zur Gefahr für die Gesundheit
Ein Frankfurter Forscherteam warnt in einer aktuellen Studie vor tropischen Viruserkrankungen, übertragen von der Tigermücke. Noch ist in Deutschland kein solcher Fall bekannt. Doch mit zunehmenden Temperaturen steigt auch das Risiko.

Sehr warme Sommer und milde Winter sind ideal für Tierarten, die aus den Tropen eingeschleppt wurden - und hier nun überleben und sich verbreiten können. Die Asiatische Tigermücke ist eine davon.
Sie ist nicht nur besonders lästig, weil sie tagaktiv ist und in befallenen Gebieten den Aufenthalt im Freien erheblich beeinträchtigen kann. In ihren Herkunftsländern gilt sie auch als Überträgerin von Viruserkrankungen wie dem Dengue- und dem Chikungunya-Fieber oder Zika. Krankheiten mit zum Teil tödlichem Verlauf.
Frankreich meldet 65 Fälle von Denguefieber
Noch ist in Deutschland kein Fall bekannt: In Frankreich wurden der Biologin Xenia Augsten zufolge voriges Jahr aber schon 65 Fälle von Denguefieber registriert, ausgelöst von einheimisch gewordenen Tigermücken.
"Begünstigt durch den Klimawandel und dem damit verbundenen Temperaturanstieg können Dengue- und Chikungunya-Fieber sowie Zika zu einem Risiko für mitteleuropäische Länder wie Deutschland werden." Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Forschungsgruppe Medizinische Biodiversität und Parasitologie an der Goethe-Universität in Frankfurt.
Insbesondere die Asiatische Tigermücke steht bei der Studie von Dr. Sarah Cunze und Prof. Dr. Sven Kimpel im Mittelpunkt. Die Wissenschaftler spielen verschiedene Szenarien durch und weisen darauf hin, dass sich die Stechmücke im schlechtesten Fall bis in die baltischen Länder vorarbeiten könnte.
Derzeit nur vereinzelt auftretende Vorkommnisse in Deutschland würden zu einem breiteren Phänomen werden, betonten sie. Wann das sein wird: Da legt sich niemand fest.
Infektionsrisiko der Bevölkerung steigt
Eine Mitteilung des Deutschen Netzwerks gegen vernachlässigte Tropenerkrankungen macht aber deutlich, dass selbst bei einem moderaten Temperaturanstieg "das Infektionsrisiko der mitteleuropäischen Bevölkerung mit vektorübertragenen Krankheiten steigen wird".
Die Experten empfehlen daher ein Monitoring, das alle wichtigen Komponenten des Übertragungszykluses einschließt und nach europaweit standardisierten Methoden durchgeführt wird. "Angestrebt werden sollte ein europäisches Meldesystem, mit dem die Datenlage verbessert werden könnte", heißt es. Bei noch nicht einheimisch gewordenen Arten käme eine Vektorbekämpfung in frühen Einwanderungsstadien in Frage, beispielsweise die Trockenlegung von Bruthabitaten oder die Ausbringung steriler Männchen.
Auch die Sensibilisierung der Bevölkerung sehen die Forscher als wichtig an. Das Fazit der Frankfurter deckt sich mit den Beobachtungen der Praktiker.
Stechmückenbekämpfung am Oberrhein
Die Biologin Xenia Augsten etwa ist seit Jahren mit dem Thema Mückenbekämpfung befasst. Sie ist Pressesprecherin der Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS), die für Anreinerkommunen am Oberrhein aktiv ist. "Der Oberrhein war seit jeher Stechmückengebiet", sagt Augsten. Die KABS wurde 1976 nach einem besonders heftigen Stechmückensommer gegründet und bringt seitdem mit dem Helikopter den Wirkstoff Bti regelmäßig über Brutgebieten aus. Mit Erfolg.
Bti ist ein Eiweißkristall, das aus Bakterien gewonnen wird und für den Menschen als unbedenklich gilt. Etwa in Teilen Afrikas empfiehlt die WHO zwischenzeitlich sogar, Trinkwasser mit Bti zu behandeln. Die Zuständigkeit der KABS erstreckt sich von Sassbach im Süden bis Bingen im Norden.
20 Tigermücken-Populationen sind in jüngster Zeit aus den Mitgliedsgemeinden der KABS gemeldet worden. Dass sich das Insekt auch Richtung Heilbronn und Hohenlohe bewegt, "dafür besteht durch den permanenten Einschleppungsdruck aus Südeuropa grundsätzlich Potential", sagt Augsten.
Bürger können Ausbreitung verhindern
In Lkws und Autos reist die Tigermücke mit. Anlieger von Autobahnraststätten haben ein höheres Risiko für eine Population als andere.
Das Szenario der Frankfurter Forscher, das nicht nur die Zahl der Tiere steigt, sondern auch in Deutschland geborene Insekten Übertträger neuer Viruserkrankungen werden können, hält Augsten für realistisch, "wenn unsere Sommer weiterhin so warm bleiben".
Früher, wo sich heiße und kühlere Sommer regelmäßig abgewechselt hätten, sei das anders gewesen: "Doch seit 2014/15 haben wir im Sommer durchweg Sonne", so Augsten: Das beschleunige die Entwicklung aller Stechmücken - und ganz besonders die Verbreitung der Asiatischen Tigermücke.
2014 habe es den ersten Fund einer Tigermücke außerhalb der Autobahn A 5 gegeben. 2015 seien zwei Populationen gemeldet worden: "In den zurückliegenden Jahren ging es dann Schlag auf Schlag."
Bti als wirksamer Wirkstoff empfohlen
Die Tigermücke wird langsam heimisch. Die gute Nachricht: Die KABS setzt den biologischen Wirkstoff Bti, den sie zur Bekämpfung aller Stechmücken einsetzt, auch erfolgreich gegen die tagaktive Nervensäge ein. 52 Stechmückenarten gibt es in Deutschland: "Aber die Tigermücke ist die schlimmste", sagt Augsten. Die Japanische Buschmücke, 2008 zum ersten Mal gefunden und seitdem weit verbreitet, sei bei Weitem nicht so aggressiv: "Mit der kann man sehr gut leben."
Wird man die Asiatische Tigermücke wieder los? "Schwierig", sagt Augsten. In jedem Fall sei man dafür auf aufmerksame Bürger angewiesen. Je früher die Tigermücke gefunden werde, desto besser.
"Wenn lokal relativ frühe Funde gemeldet werden", meint die Expertin, "und die Nachbarschaft mitzieht, dann hat man gute Chancen, die Ausbreitung in den Griff zu bekommen." Teilerfolge kann die KABS aus ihrem Zuständigkeitsgebiet jedenfalls schon vermelden.


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