Hohe Ausgaben beim Schulmaterial: Blöcke und Stifte belasten Familienbudgets
Auch für Schulbedarf müssen Eltern mehr ausgeben. Ärmere Familien mit Erstklässlern stehen vor Herausforderungen.
Das neue Schuljahr bedeutet seit jeher für Eltern eines: hohe Ausgaben, um den Vorgaben von Lehrern gerecht zu werden, was Hefte, Umschläge und Stifte angeht. In diesem Jahr schlägt die Inflation beim Material zu. Tiefer in die Tasche greifen müssen Familien, um Kinder auszustatten. Das trifft besonders ärmere Familien hart. Glücklich schätzen sich all jene Eltern, deren Kinder beispielsweise Wassermalkästen, Schere, Kleber und Lineale weiterverwenden können.
Mit 200 Euro für alle drei Kinder an Grundschule und Gymnasium rechnet eine Heilbronner Familie, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. "Es wird eher mehr", sagt die Mutter. Die Familie könne sich die gestiegenen Preise leisten. Nur: In den Klassen der Kinder gebe es einzelne Familien, bei denen es eng werden dürfte. Die Heilbronnerin begründet dies mit Beobachtungen in Discountern: Wenn dort Schulmaterial günstig zu haben ist, sei die Ware schnell weg.
Zum Start ins Schuljahr bitten Schulen um Geld
Eltern öffnen ihren Geldbeutel nicht nur, um die Materiallisten einzukaufen. Manchmal würden noch fünf Euro für speziellen Unterricht verlangt, in den weiterführenden Schulen bitten Lehrer um Geld für Arbeitshefte. Solche Schreiben, von Eltern oft als Bettelbrief charakterisiert, sind höchst umstritten, weil für das Material der Schulträger verantwortlich ist. In Heilbronn lehnen Rathaus und Gemeinderat sowie der Gesamtelternbeirat solche Briefe ab: Manchmal übernehmen Fördervereine die Kosten, in anderen Fällen verteilen Schulen diese Bitt-Briefe dennoch. Die Heilbronner Familie will das Geld dafür ausgeben. Solche Hefte seien eine gute Sache, sagt die Mutter.
Ärmere Familien erhalten 156 pro Kind fürs Schulmaterial
Ärmeren Familien, die beispielsweise Hartz IV beziehen, stünden laut Regelsatz 156 Euro pro Jahr und Kind für den Schulbedarf zu. 104 Euro wurden zum 1. August ausbezahlt, 52 Euro kommen im Februar, sagt Wolfgang Söhner, Geschäftsführer des Jobcenters Stadt Heilbronn. Aufgrund der Ferien höre man noch nicht aus den Gesprächen, dass auch Schulmaterial teurer wurde. Dieser Regelsatz steht in der Kritik.
Gerade bei Eltern von Erstklässlern, die Schulranzen, Sporttasche und Sportsachen benötigen, reiche er nicht. "Damit kommen diese Familien nicht weit", sagt Ortrud Ost-Scheurlen, die beim Diakonischen Werk im Rhein-Neckar-Kreis unter anderem für den Kinderhilfefonds Kraichgau mitverantwortlich ist. Einzelne Gespräche, dass es bei den Schulsachen knapp ist, habe es diesen Sommer gegeben. Mit Schuljahresbeginn könnte es zunehmen. Dass es bislang ruhig ist, wundert Ortrud Ost-Scheurlen nicht. Die allgemeine Preissteigerung, die teuren Mieten seien die drängenden Probleme. "Die gesamte Situation der Familien ist angespannt."
Das sehen die Verantwortlichen bei der Caritas Heilbronn-Hohenlohe genauso. "Jede Preissteigerung macht uns Sorgen", sagt Regionalleiter Stefan Schneider. Stifte, Hefte und Spitzer für die Schule kommt für viele Familien obendrauf. "Schulartikel sind in der Regel immer teuer." In Neckarsulm helfe die Caritas unbürokratisch über die dortige Stiftung Starke Familien. Manchen Eltern falle es schwer, die finanzielle Not zuzugeben - gerade bei den Kindern, die in die Schule gehen. "Da will man alles ermöglichen", weiß Stefan Schneider.
Schulsozialarbeit erwartet Gespräche
Noch sind an der Schule in Schwaigern, an der Ulrike Weinbrenner für die Caritas als Schulsozialarbeiterin tätig ist, die Einkaufslisten nicht verteilt. Wie Eltern damit klarkommen, kann sie deshalb jetzt nur schwer abschätzen. Sie denkt aber: "Wir erwarten, dass sich die finanzielle Situation zuspitzen wird." Familien versuchten schon jetzt, "an allen Ecken und Enden zu sparen". Die Lehrer an ihrer Schule nähmen seit jeher Rücksicht auf die Situation der Eltern. "Nur das Nötigste steht auf den Materiallisten."
An anderen Schulen sei das längst nicht immer der Fall, manchmal seien sie "mega ausführlich". Lehrer und Schulsozialarbeit in Schwaigern stünden in engem Austausch und achten darauf, wenn Schulmaterial bei einem Kind nicht so vorhanden ist wie es sein sollte. Nicht immer scheitere es am Geld, bei manchen Familien fehle die Organisation, sagt Ulrike Weinbrenner. Wo das Geld aber ausgeht, biete man Unterstützung über Spendentöpfe an. Allerdings getrauten sich Eltern manchmal nicht, diese in Anspruch zu nehmen. Mütter und Väter hätten Angst, stigmatisiert zu werden. Ulrike Weinbrenner will diese Furcht nehmen. "Es ist keine Schande."
Die Preise ziehen an. Laut statistischem Bundesamt erhöhten sich die Preise für Schulhefte und Zeichenblöcke im Juli 2022 um 13,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat und damit stärker als die Verbraucherpreise. Diese seien im selben Zeitraum um 7,5 Prozent gestiegen. Anderes Schulmaterial wird auch teurer, liegt nach Angaben der Statistiker unter der Inflationsrate: Im Juli kosteten Stifte, Farbkästen sowie Füller 5,2 Prozent mehr als im Juli 2021, Schulranzen lagen 4,7 Prozent über dem Niveau 2021.
Mehr Kinder werden wohl nur noch vespern
Die Wartbergschule in Heilbronn kennt die Budgets der Familien. Finanzielle Hilfe gebe es beim Förderverein, sagt Rektorin Bärbel Hetzinger. Zugleich weiß sie, dass es Familien schwerfällt, zuzugeben, dass das Einkommen stark begrenzt ist. Sie richtet den Blick übers Schulmaterial hinaus. "Das Mittagessen wird ein Thema werden." Vielleicht nehme der Anteil an Kindern zu, die nur noch vespern, anstatt ein warmes Essen zu kaufen. "Das werden wir mit einem wachen Auge begleiten."
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