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Heilbronnerin in großer Sorge um die Familie in Israel

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Die Gebetsräume der Heilbronner Juden stehen aus aktuellem Anlass unter besonderem Polizeischutz. Die Gemeindeleiterin macht sich wegen des Nahost-Konflikts aber auch Sorgen um ihre jüdischen Verwandten in Israel.

An der Allee erinnert eine Gedenkstätte an die 1938 zerstörte Synagoge. Die neuen Gebetsräume der Heilbronner Juden sind besonders gesichert.
Foto: Archiv
An der Allee erinnert eine Gedenkstätte an die 1938 zerstörte Synagoge. Die neuen Gebetsräume der Heilbronner Juden sind besonders gesichert. Foto: Archiv  Foto: Dirks

Eigentlich feiern Juden auf der ganzen Welt dieser Tage Schawuot, eines ihrer höchsten Feste, an dem sie mit Gebeten, Gesängen und Tänzen die zehn Gebote in den Mittelpunkt rücken. Doch dieses Jahr wird das Fest - wie so viele zuvor - von Kämpfen zwischen Juden und Palästinensern überschattet. Und trotzdem, oder gerade deshalb, finden sich in den Gebetsräumen Gläubige zu den traditionellen Feiertagsgebeten ein. Wegen Corona sind es heute freilich weniger als sonst, auch bei der jungen jüdischen Gemeinde von Heilbronn.

Antisemitismus vor der Haustür

Was vielen nicht bewusst ist: Mit dem Zuzug von insgesamt über 150 jüdischen Immigranten aus Russland bildete sich in Heilbronn seit den 1990er Jahren zwar keine eigenständige Gemeinde, aber doch eine Filiale der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg. Seit 2006 verfügt man über Gebetsräume in der Nähe der 1938 zerstörten Synagoge.

Avital Toren, Vorsitzende und Aktivposten der praktizierenden Juden von Heilbronn, will den Standort nicht an die große Glocke hängen. "Bis vor wenigen Jahren hatten wir eigentlich keine Angst", berichtet Toren, bis plötzlich ein neuer Antisemitismus in Deutschland Einzug hielt - und an Weihnachten 2017 am Gedenkstein der Synagoge in Heilbronn der Chanukka-Leuchter geschändet wurde. Schwacher Trost: Öffentliche Solidaritätsbekundungen überwiegen. Dumme Briefe, Schmierereien oder auch offene Beleidigungen sind selten.


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Polizei passt derzeit besonders auf

Nicht erst im aktuellen Jubiläumsjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" stehen alle Veranstaltungen der Heilbronner Juden unter besonderem Polizeischutz. "Ich sage immer, sie sollen ihr Polizeiauto nicht vor der Tür parken." Der Eingang zum Gemeindezentrum ist besonders gesichert, eine Überwachungskamera installiert, eine Direktleitung mit "rotem Knopf" zum Staatsschutz soll folgen.

"Gerade dieser Tage stehen wir in ständigem Austausch mit der Polizei", berichtet Toren, die sich erleichtert zeigt, dass die Anti-Israel-Demonstration am Sonntag nicht über die Allee geleitet wurde, sondern auf die Theresienwiese und so potenzielle Konflikte an der Synagoge vermieden werden konnten.


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Gewalt gehört in Tel Aviv zum Alltag

Doch von wirklicher Erleichterung kann für Toren keine Rede sein. Im Gegenteil. Von Tag zu Tag wächst ihre Sorge um ihre Familie in Israel. "In meinem Kopf geht es drunter und drüber. Ich starre auf die Nachrichten aus Tel Aviv, warte auf Anrufe und Videobotschaften." Dabei stelle sie fest, dass ihre Verwandten dort "viel gelassener mit allem umgehen als wir hier. Die sind das aus ihrer Geschichte gewöhnt. Sirenen gehören zum Alltag. Fast jedes Haus hat einen Schutzbunker."

Enkelsohn als Mediziner im Krieg

Einer ihrer Enkel habe sich als Medizinstudent sogar auf sieben Jahre für den Militärdienst verpflichtet. "Ich hoffe, dass er nicht an die Front muss." Ein anderer, Liron, der nach einem Praktikum bei der Heilbronner Stimme und seiner Zeit im Kibbuz schon einen Studienplatz für Philosophie und Kommunikationswissenschaften in Tel Aviv hatte, sei vor einem Jahr kurzfristig zurück zur Familie nach Berlin geflogen, "Wegen Corona. Gott sei Dank. Sonst wäre er heute im Krieg."


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