Handwerk und Bauwirtschaft wissen, dass der Boom endet
Besichtigungen über Facetime und Renovierungen in den Ladengeschäften: Die Stimmung im Immobiliensektor ist noch überwiegend gut, nur an neue Hotelprojekte traut sich derzeit niemand.

Im Bau- und Ausbaugewerbe ging es in den vergangenen Wochen weiter, fast so als gäbe es kein Corona. Unternehmen und Privatleute nutzten sogar die Zeit der stärksten Beschränkungen, um spontan Räume oder Ladengeschäfte renovieren zu lassen - sofern es möglich war, kurzfristig noch die Handwerker zu bekommen. Doch die Unsicherheit, wie es langfristig weitergeht, wächst auch hier.
Corona-Auszeit für Renovierung genutzt
Als Architekt hat Emil Heller vom Büro Vogt Heller in Neckarsulm einen kurzen Draht zu Handwerkern. Als seine Frau Sandra Strasser ihre Boutique in Mosbach nun wegen Corona schließen musste, war die Entscheidung schnell gefallen. "Wir haben die Zeit genutzt, Boden, Wandbeläge und Beleuchtung erneuern zu lassen", erzählt der 53-Jährige. "Die ersten Kunden haben sehr positiv darauf reagiert, dass man die Krise produktiv nutzt."
Auftragslage im Handwerk sehr gut
Für viele Auftraggeber dürfte es derzeit schwieriger sein, Firmen mit freien Kapazitäten zu finden. "Es war gar nicht mehr so einfach, den Auftrag unterzubringen", erzählt auch Helmut Zartmann, Chef des Offenauer Raumausstattungsunternehmens Wiedmann Zartmann, der das Eichenparkett in der Mosbacher Boutique verlegt hat. "Wir sind ausgebucht bis Ende des Jahres." Bisher sei die Krise nicht im Handwerk angekommen. Allenfalls bei manchen Bodenbelägen wie Vinyl habe es Lieferschwierigkeiten gegeben. "Aber auch das läuft wieder an."
Die Aussagen kann Architekt Heller bestätigen. "Lieferketten normalisieren sich derzeit wieder." Auf laufende Projekte gebe es deshalb so gut wie keine Auswirkungen. Nur ein Hotelprojekt, das sich noch in der Planungsphase befindet, werde nun pausieren. "Da will derzeit wohl niemand investieren."
Heller weist aber auch darauf hin, dass es beim Bau insgesamt eine Phasenverschiebung zur sonstigen Konjunktur gebe. "Je länger die Abwärtsbewegung andauert, desto schlimmer wird sie auf dem Bau ankommen."
Besichtigungen finden per Videotelefonie statt
Ganz ähnlich schätzt der Heilbronner Immobilienentwickler Joachim Kruck die Situation ein. Hotellerie und Gastronomie seien so hart getroffen, dass Auswirkungen wohl unausweichlich seien. Ansonsten bleibe der Bedarf an Büro- und Praxisräumen in der Region hoch. Und Privatleute würden sich derzeit überhaupt nicht zurückhalten. "Selbst Besichtigungen, die unter strengen Vorkehrungen oder teils über Facetime stattfinden, werden nachgefragt." Wegen der Corona-Krise sei jedenfalls kein einziger Notartermin abgesagt worden.
Joachim Kruck glaubt, dass die Stimmung insgesamt optimistisch bleiben könne, wenn jetzt mit den Lockerungen auch die Wirtschaft wieder anläuft. Noch kaum jemand könne aber sagen, wie sich die jetzt beschleunigten Entwicklungen hin zu mehr Homeoffice und Videokonferenzen langfristig auswirken. "Es sieht so aus, dass der Flächenbedarf in Großstädten wie Frankfurt zurückgehen könnte", erzählt Kruck. Beim Wohnungsbau könnte es sogar dazu führen, dass mehr Leute wieder aufs Land ziehen. "Aber das alles ist eine Momentaufnahme. Auch ich habe keine Glaskugel."
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