Güglinger Wahlpleite: Werden Bürgerentscheide überbewertet?

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Die Abstimmung über Luftfilter stößt auf wenig Interesse: Ob sich dahinter ein Grundsatzproblem verbirgt, ist unter unseren Autoren umstritten.

Seit 1956 gibt es Bürgerentscheide in Baden-Württemberg. Anfangs waren die formalen Hürden noch so hoch, dass solche Abstimmungen in der Praxis kaum vorkamen. Nach vier Reformen in den Jahren 1975, 1998, 2005 und 2015 hat sich das geändert. Bürgerentscheide über Bürgerbegehren auszulösen, ist einfacher geworden. Trotzdem bleibt die Zahl überschaubar. Nach einer Erhebung des Vereins Mehr Demokratie gab es zuletzt um die 40 Bürgerbegehren jährlich, von denen wiederum die Hälfte in Bürgerentscheide mündeten. Umstritten bleibt das Quorum von 20 Prozent der Stimmberechtigten, das die Gewinner erreichen müssen. In Güglingen wurde es verfehlt. Ist das ein Zeichen dafür, dass es mit dem Instrument ein Grundsatzproblem gibt?


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Güglingen
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Bürgerentscheid in Güglingen: Gegen Luftfilter für Kitas und Schulen


Pro
Von Alexander Hettich

Bürgerentscheide gelten vielen als Allheilmittel gegen Politikverdrossenheit. Als vermeintliches Paradebeispiel muss dann die Schweiz herhalten. Dann gibt es, wie in Güglingen, einen Akt direkter Demokratie, und fast keiner geht hin. Das hat mit den speziellen Umständen zu tun, offenbart aber auch ein grundsätzliches Problem: Wer ein Bürgerbegehren mit dem Ziel eines Bürgerentscheids anstrengt, sollte sich gut überlegen, ob das Thema auch wirklich von breitem Interesse ist.

Werden die Fragestellungen zu spezifisch, sind die Initiativen zu sehr von Einzelinteressen getragen, wird damit auch ein Instrument entwertet, das durchaus seinen Platz im demokratischen Gefüge hat. Dabei muss klar sein: Es gibt eine Institution, die über Belange der Bürgerschaft entscheidet und Interessen abwägt, der Gemeinderat. Hier nehmen gewählte Vertreter ihre Aufgabe ernst, hier werden den polemischen Debatten die Spitzen genommen und Kompromisse gefunden. Das System der repräsentativen Demokratie ist ein hohes Gut. Und Bürgerentscheide sind keine Garantie, dass eine weisere Lösung gefunden wird.

Contra
Von Linda Möllers

Weil der Güglinger Bürgerentscheid am Sonntag zu spät stattgefunden hat und die Frage, ob Raumluftfilter für städtische Kitas und Schulen angeschafft werden sollen, dadurch überholt wirkt, sollten Bürgerentscheide an sich nicht infrage gestellt werden. Nicht umsonst hat sich Güglingens Bürgermeister Ulrich Heckmann für den Bürgerentscheid eingesetzt, wenngleich er persönlich wenig von den mobilen Raumluftfiltern hält. Hier steht gültiges Recht über der persönlichen Meinung. Schließlich sind sie ein wichtiges demokratisches Instrument für Bürger.

Hätte der Entscheid früher stattgefunden, wäre das Güglinger Ergebnis vielleicht anders ausgefallen. Welchen Druck eine Mehrheitsmeinung auf politische Entscheidungen haben kann, zeigt etwa die Abwahl von Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann: Sobald sich genug Bürger zusammentun, können Unterschriften etwas bewegen. Damit das im Verhältnis bleibt, gibt es bei Bürgerentscheiden zurecht die Hürde des 20-Prozent-Quorums. Die Zahl der Bürgerentscheide hält sich nicht umsonst in Grenzen.

 
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