Ein Jahr elektronische Patientenakte: Kliniken, Ärzte und Krankenkassen ziehen Bilanz
Vor einem Jahr wurde sie eingeführt, seit fünf Monaten ist sie Pflicht: Die elektronische Patientenakte (ePA) soll den Austausch zwischen Arztpraxen erleichtern, wird aber von Patienten kaum genutzt. Eine Bilanz.
Die elektronische Patientenakte, kurz ePA, ist eines der größten Projekte der Bundesregierung für die Digitalisierung des Gesundheitswesen. Sie wurde Anfang 2025 eingeführt und ist seit Oktober in allen Arztpraxen und Kliniken in Deutschland verpflichtend. Die Idee ist simpel und soll unnötige Bürokratie vermeiden: Sämtliche Befunde und Diagnosen werden in einem digitalen Ordner gespeichert. Bei Arztwechseln oder Facharztterminen müssen somit keine Unterlagen mehr umständlich angefordert werden.
Patienten haben über eine App selbst Zugriff auf ihre gesamte Krankengeschichte. Allen gesetzlich Versicherten, die keinen Widerspruch eingelegt haben, wurde automatisch eine ePA angelegt. Ein Blick auf die Zahlen zeigt jedoch, dass nur ein Bruchteil der Patienten von der Option wirklich Gebrauch macht.
Elektronische Patientenakte: Versicherte nehmen Option noch selten wahr
Medienberichten zufolge nutzen lediglich 3,6 Prozent der Versicherten ihre ePA aktiv. Die Daten der Krankenkassen sehen ähnlich aus: Von 26 Millionen Versicherten der AOK haben rund 365.000 Nutzer ein Profil in der App angelegt, die ihnen Zugriff auf die Akte gewährt. Bei der Techniker Krankenkasse (TK) sind es 850.000 von 11,5 Millionen Versicherten. Die Barmer Krankenkasse verzeichnet von acht Millionen rund 440.000 aktive Nutzer. Das ergeben Auswertungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland.
Für die AOK steht jedoch fest: Einen Nutzen habe die ePA allemal, unabhängig davon, ob Patienten über ihr Smartphone selbst darauf zugreifen, gibt eine Sprecherin der Gesundheitskasse Heilbronn-Franken an. Durch das Einlesen der Gesundheitskarte habe das Personal in der Praxis oder Apotheke Übersicht über den Behandlungskontext. Allerdings brauche es nutzerfreundlichere Verfahren zur Identifikation und Authentifizierung. Auch die automatische Einstellung und Strukturierung der Daten solle forciert werden, so die Sprecherin. Insgesamt sei die ePA ein „zukunftsweisendes Projekt“, das kontinuierlich ausgebaut werde und „perspektivisch zur selbstverständlichen Routine für jeden“ werden könnte.

Sicherheitsbedenken wegen ePA? „Natürlich ist das alles gesichert“
Viele Menschen würden die Möglichkeiten der Akte einfach noch nicht kennen und nutzen, schätzt Kai Sonntag, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW). Es sei Aufgabe der Krankenkassen, ihre Kunden zu informieren. Immer wieder gebe es auch Sicherheitsbedenken. Die Leute hätten Angst, „dass jemand unbefugt Zugriff auf Daten bekommt“, erklärt Sonntag. Anfang des Jahres sah es kurz so aus, als sei das bei der bayerischen AOK passiert. Nach einer Systemumstellung waren plötzlich tausende Patientenakten gesperrt. Am Ende handelte es sich jedoch nur um einen Software-Fehler, keinen Hackerangriff. Darüber berichtete unter anderem die Deutsche Presse-Agentur.
Wie bei jeder Technologie gebe es nie eine 100-protentige Schutzgarantie, gibt auch Kai Sonntag zu. „Aber natürlich ist das alles gesichert.“ Die App sei unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Bundesdatenschutzbeauftragten entwickelt worden.
Hausärzte „Vorreiter“ bei der elektronischen Patientenakte
Die Nutzungs-Bilanz bei den Fach- und Hausärzten fällt besser aus. „Praxen sind eindeutig die Vorreiter“, betont eine Sprecherin der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Zum Jahresende 2025 seien bundesweit 99,9 Prozent der Arztpraxen an die Technik für die elektronische Patientenakte angeschlossen gewesen.
Erbringen Praxen den Nachweis für die ePA nicht, werden sie sanktioniert, indem ihnen Honorar abgezogen wird, erklärt Kai Sonntag. Das sei gesetzlich geregelt. „Es gibt unterschiedliche Gründe, warum Praxen nicht mitmachen“, so der KVBW-Sprecher. Zum Beispiel komme es vor, dass der Inhaber kurz vor dem Ruhestand steht und die Investition dem Nachfolger überlassen will. Um die Akte nutzen zu können, müssen die Praxen an die sogenannte Telematikinfrastruktur (TI) angeschlossen sein. Dabei handle es sich um ein Zusammenspiel aus Hardware und Software, die manchmal noch nicht ganz einwandfrei laufen. „Wir bekommen häufig die Rückmeldung, dass Systeme ausfallen oder Störungen haben“, berichtet Sonntag.
SLK-Kliniken kommen bei der elektronischen Patientenakte vorran
Auch die SLK-Kliniken hatten im Herbst noch mit technischen Herausforderungen seitens ihres Softwarepartners zu kämpfen. Darum sei keine flächendeckende Anbindung an die ePA zum 1. Oktober 2025 zu erwarten, hieß es damals Ende September von Seiten des Verbunds.
Seither hat sich einiges getan. „Erfreulicherweise haben mittlerweile alle Ärzte unsere Kliniken lesenden Zugriff auf die ePA ihrer Patienten“, sofern diese nicht widersprochen hätten, erklärt Pressesprecher Mathias Burkhardt. Die Berechtigung weiterer Berufsgruppen, die an der Behandlung beteiligt sind, folge demnächst. „Parallel läuft in diesen Wochen bei zwei Kliniken eine Pilotphase, die auch den aktiven schreibenden Zugriff erlaubt“, so Burkhardt weiter. Sofern dies erfolgreich verlaufe, würde ab Ende März allen Kliniken im Verbund auch die schreibende Funktion zur Verfügung stehen.
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