Stimme+
Interview

Eckart von Hirschhausen erklärt, wie er das Klima retten will

   | 
Lesezeit  4 Min
Erfolgreich kopiert!

Der Arzt, Wissenschaftsjournalist und Kabarettist Eckart von Hirschhausen wirbt dafür, dass jung und alt beim Klimaschutz zusammenarbeiten. Das Thema Klimaschutz sei zentral für die nächste Regierung, meint Hirschhausen im Interview.

Klimaschutz bedeutet auch Meeresschutz, findet Eckart von Hirschhausen.

Foto: Dominik Butzmann
Klimaschutz bedeutet auch Meeresschutz, findet Eckart von Hirschhausen. Foto: Dominik Butzmann  Foto: Dominik Butzmann

Der Mensch könnte es auf der Erde so schön haben, wäre da nicht der Klimawandel. Was kann jeder Einzelne tun, was muss die Politik regeln? Das erklärt der Arzt in seinem neuen Buch und im Interview.

 

Sie haben kürzlich die Schirmherrschaft für die Initiative "Scientists for Future" in Heilbronn übernommen. Was verbindet Sie mit der Stadt?

Eckart von Hirschhausen: Eine Menge! Ich finde es spannend, wie sich die Stadt und die Region immer wieder mit neuen Ideen hervortun. Ich bin Fan der Kinderuni, für die ich in Corona-Zeiten eine Vorlesung gemacht habe, ich mag die Experimenta, ich war beim Neujahrsempfang kurz vor dem Lockdown und unterstütze den Klimaschutz-Masterplan. Die Kommunen haben einen großen Hebel.

 

Beim Jubiläum der Heilbronner Stimme erzählten Sie, dass Ihre Großeltern in Jagsthausen gelebt haben und Ihre Mutter hier zur Schule ging. Was können wir von dieser Generation lernen?

Hirschhausen: In meinem neuen Buch "Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben" beschreibe ich, warum meine Eltern für mich die nachhaltigsten Menschen in meiner Familie sind. Sie haben in ihrem Leben weniger Emissionen erzeugt als ich und die Enkelgeneration mit 20. Die Nachkriegsgeneration, die noch harte Zeiten erlebt hat, warf kein Essen weg, Kleidung wurde repariert und weiterverwendet, Reisen dienten der Erweiterung des Horizontes und nicht der Nabelschau am Strand der Malediven. Deshalb denke ich, dass es falsch ist, einen Konflikt von jung gegen alt anzuzetteln. Stattdessen wünsche ich mir Foren und Ideen, die generationsübergreifend zeigen: Wir schaffen das gemeinsam oder gar nicht!

 

Der Klimawandel produziert eher Schreckensmeldungen: Artensterben, Hungersnöte. Braucht es die?

Hirschhausen: Eine Grundregel des ärztlichen Handelns lautet: erst die Diagnose, dann die Therapie. Wenn vielen Menschen immer noch nicht klar ist, in welcher bedrohlichen Situation wir sind, braucht es eine unverblümte Schilderung dessen, was heute schon passiert, und was an Krisen, Konflikten und Katastrophen auf uns zukommt, wenn wir nicht handeln. Wenn Kipppunkte überschritten sind, kann das mit keinem Geld, keiner Erfindung und keiner Macht der Welt rückgängig gemacht werden. Das macht es nicht einfach, optimistisch zu bleiben.

 

Was lässt Sie hoffen?

Hirschhausen: Erstens: Wir können noch etwas ändern und es lohnt sich, um jede Tonne vermiedener Emissionen und jedes Zehntel Grad zu kämpfen. Zweitens: Wir leben in historischen Zeiten. Das Bundesverfassungsgericht hat in einem sensationellen Urteil entschieden, dass wir die Freiheit der nächsten Generationen zur Leitschnur heutiger Entscheidungen machen müssen. Alle Parteien müssen dafür konkrete Umsetzungen anbieten. Das Klimathema ist zentral für die nächste Regierung.

 

Wo wird der Klimawandel in Deutschland besonders sichtbar?

Hirschhausen: Da müssen wir nicht weit schauen. Kernteam der Heilbronner Regionalgruppe von "Scientists for future" sind Professorin Ruth Fleuchaus und Professor Roland Pfennig von der Hochschule Heilbronn. Sie sehen vor allem die Landwirtschaft und den Weinbau in der Region in Gefahr. Was kaum bekannt ist: Deutschland hat viele Tausend Hitzetote zu beklagen über die letzten Jahre, nur Indien und Japan haben mehr als wir. Das liegt an unserer älteren Bevölkerung, die mit Vorerkrankungen an Herz, Atemwegen oder Diabetes besonders sensibel reagiert, wenn es zu heiß wird.

 

Weltweit ist es bereits 1 Grad wärmer. Wie halten wir das 1,5-Grad-Ziel ein?

Hirschhausen: Indem wir schnell handeln - und zwar überregional, europäisch und global. Die nächsten zehn Jahre entscheiden darüber, wie die nächsten 10.000 Jahre für unsere Zivilisation werden. Klima ist kein Modethema, sondern eine Frage des Überlebens. Es ist völlig naiv zu glauben, wir würden in den nächsten Jahren eine Zaubermaschine erfinden, die das CO2 wieder verschwinden lässt. Viel wichtiger ist es, endlich mit der idiotischen, dreckigen und teuren Kohleverstromung aufzuhören. Aus dem Weltraum betrachtet ist die Atmosphäre keine unendliche Müllhalde für Treibhausgase, sondern eine sehr dünne und empfindliche Haut der Erde. Und diese Schutzschicht macht den Unterschied, ob wir auf der Erde leben können oder nicht.

 

Sollten wir nach "Planet B" suchen?

Hirschhausen: Besser wird es nirgendwo im Weltall. Wir sind mit viel Glück auf dem einzigen bekannten Planeten mit Wasser, Luft und erträglichen Temperaturen. Und um wirklich alle Leser zu motivieren: Die Erde ist der einzige Ort im Weltall mit Kaffee, Sex und Schokolade.

 

Bahnfahren gilt als Alternative für Reisen und Güter. Doch wichtige Strecken werden erst nach 2030 fertig. Wie kann die Bahn besser werden?

Hirschhausen: Von Klaus Töpfer kenne ich den Satz: Was ist der beste Zeitpunkt einen Baum zu pflanzen? Vor 30 Jahren. Sinngemäß gilt das auch für Bahnstrecken. Die großen Fehlentscheidungen sind vor Jahrzehnten gefallen, als wir kein Schnellzugnetz aufgebaut haben. Innerdeutsche Flüge wären überflüssig, wenn wir zwischen Stuttgart und Berlin, zwischen Hamburg und München mit 300 km/h durchfahren könnten. Ein erster sinnvoller Schritt ist die Wiederbelebung der Nachtzüge. Parallel müssten ein relevanter CO2-Preis und die Besteuerung von Kerosin das Bahnfahren viel attraktiver machen.

 

Dänen und Niederländer fahren viel Rad, in Österreich und der Schweiz ist das Bahnnetz gut ausgebaut. Müssen wir wieder mehr von anderen lernen?

Hirschhausen: Ja, es ist absurd, wie zäh der Kohleausstieg geworden ist, weil es starke Lobbyinteressen gab, die uns alle teuer zu stehen kommen. Auch die Agrarsubventionen sind gedanklich auf dem Stand des letzten Jahrtausends. Wir unterstützen immer noch mit Milliarden Steuergeldern das absolut Falsche und Gemeinschaftsschädliche. Damit aufzuhören, wäre ein erster wichtiger Schritt.

 

Wieso passiert so etwas so zögerlich?

Hirschhausen: Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Wir tun, was wir für normal halten. Deshalb ist es so wichtig, gute Regeln für alle zu finden: Wer die Luft verdreckt, soll dafür zahlen. Wenn wir ehrliche Preise hätten, wäre allen klar: Bio ist nicht teuer, sondern das Billigfleisch durch Milliarden an Subventionen zu billig und zerstört für den Futterbedarf den Regenwald, durch die "Abgase" der Kühe die Atmosphäre und durch die Gülle die Böden und Gewässer. All das sieht man als Städter am Kühlregal aber nicht. Wie wäre es, wenn man für jedes Kilo Billigfleisch an der Kasse einen 20-Liter-Eimer Gülle ausgehändigt bekommt? Mehr Menschen würden weniger Fleisch essen.

 

Industrieländer sind für die meisten Treibhausgase verantwortlich. Wieso schreiben wir anderen vor, weniger auszustoßen?

Hirschhausen: Deutschland hat eine besondere Verantwortung, weil wir sehr viel länger als andere Länder viele Treibhausgase verursacht haben. Die Klimakrise ist auch eine Gesundheitskrise. Ein Virus fragt nicht nach einem Visum, um Ländergrenzen zu überspringen. Und ein CO2-Molekül in der Atmosphäre fragt nicht, aus welchem Land es kam. Naturschutz und Tierschutz sind Gesundheitsschutz. Wenn wir das aus dem letzten Jahr gelernt haben, war es wenigstens zu etwas gut.

 

Zur Person

Eckart von Hirschhausen ist Arzt, Wissenschaftsjournalist und Kabarettist. In seinem neuen Buch "Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben" sammelt der 53-Jährige Wissen über verschiedene Aspekte des Klimawandels und wie er bekämpft werden kann. Nachdem sein Auftritt am 23. März abgesagt wurde, tritt er am 22. November 2022 in der Heilbronner Harmonie auf.

 
Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben