Dürre, Milchrallye und neue Proteinquellen: So lief das Agrarjahr 22 im Land
Die Aufzucht der Bruderhähne verteuert die Eierproduktion, in Heilbronn treffen sich die Winzer Europas und Linsen gedeihen trotz der geringen Regenmenge: Was die Landwirte in der Region sonst noch beschäftigt hat.

Dürre und Milchpreisrallye, Krieg und neue Proteinquellen: Das Agrarjahr 2022 hat die Branche gut in Atem gehalten. Die aus bäuerlicher Sicht erfreulich hohen Erlöse wurden im Heilbronner Land und in Hohenlohe mit ihren arbeitsintensiven Sonderkulturen durch hohe Arbeitskosten wieder aufgezehrt. Die Proteinoffensive auf dem Acker machte den beteiligten Betrieben dagegen Freude. Das war das Agrarjahr 2022:
Das Verbot des Kükentötens tritt in Kraft. Seit Jahresbeginn müssen die deutschen Legehennenhalter die Bruderhähne aufziehen. Bisher war gängige Praxis, die Jungtiere kurz nach dem Schlupf mit CO2 einzuschläfern. Die toten Küken dienten anschließend in Zoos und Greifvogelwarten als Tiernahrung. Die Aufzucht der Bruderhähne verteuert die Gesamtproduktion. Die Kosten müssen auf die Hühnereier draufgeschlagen werden.
Offene Fragen zum Thema Biogas
Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar ändern sich auch für die Landwirtschaft schlagartig viele Rahmenbedingungen. Aufgrund der westlichen Sanktionen verteuern sich Energie und Düngemittel massiv. Durch die Beschlagnahmung oder Bombardierung der ukrainischen Weizenvorräte droht eine Verknappung der weltweiten Versorgung, besonders im Nahen Osten und in Afrika. In mühseligen Gesprächen zwischen den Kriegsparteien unter Vermittlung der Türkei gelingen einige Vereinbarungen zur Ausfuhr per Schiffen.
Die Reduzierung der Gasimporte aus Russland wirft in der Region Fragen auf. Zum Beispiel, wie die Einfuhren kurzfristig zu ersetzen sind. Der Fachverband Biogas und Anlagenbetreiber aus der Region bestätigen gegenüber der Heilbronner Stimme, dass es ohne große Umbauten möglich ist, 50 Prozent mehr Output zu generieren. Nötig sei dazu vor allem eine Lockerung der politischen Vorgaben.
Was den Milchbauern ein Lächeln ins Gesicht zaubert

Die Milchbauern freuen sich über anhaltend steigende Erzeugerpreise. Der seit Jahresbeginn zu beobachtende Trend hält auch im April an. Rund 47 Cent pro Kilogramm erhalten die baden-württembergischen Milchbauern im Durchschnitt. Der Erzeugerpreis wird im Jahresverlauf weiter ansteigen. Zum Jahresende zahlen die Molkereien mehr als 50 Cent pro Kilo. Dabei haben die weiterverarbeitenden Betriebe seit Beginn des Ukrainekriegs ihrerseits mit stark gestiegenen Kosten, vor allem für Erdgas, zu kämpfen.
Gleich zu Monatsbeginn bieten die Landwirte die ersten Erdbeeren in guter Qualität an. Leider bemerken die Anbauer recht bald, dass sie auf den süßen Früchten oft sitzen bleiben. Der Grund ist eine Kaufzurückhaltung, die sich teilweise aus Ängsten vor der bereits spürbaren Inflation ergeben. Der Lebensmitteleinzelhandel kontert mit Importware zu Preisen, die mit den Produktionsstandards hierzulande nicht mithalten können. Das Phänomen zeigt sich beim Spargel in ähnlicher Form.
Warum Özdemir auf Rukwieds Acker Schlangenlinien fährt

Dolmetscher-Kabinen, Kopfhörer, vier Konferenzsprachen: Bei der gemeinsamen Jahrestagung des Deutschen Weinbauverbands (DWV) und der Versammlung der Weinbauregionen Europas (Arev) gibt sich die internationale Weinwelt in Heilbronn ein Stelldichein. Im Redblue in den Böllinger Höfen tauschen sich am 22. Juni Weinbau-Vertreter über Chancen und Herausforderungen am Weinmarkt aus.
Auf einem Weizenfeld bei Weinsberg versammeln sich unter gleißender Sonne Pressevertreter aus ganz Deutschland. Der Grund: Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) trifft sich am 15. Juli mit dem deutschen Bauernpräsidenten Joachim Rukwied auf dessen Acker. Dass Özdemir bei seinen ersten Versuch mit dem Mähdrescher Schlangenlinien fährt, habe an der ungewohnten Hecksteuerung des Großgeräts gelegen, hören die Medienvertreter hinterher. Inhaltlich geht es ernster zu: Die Agrarpolitiker unterhalten sich über Konsequenzen aus der lang anhaltenden Dürre. Vor Ort konnte dies eindrucksvoll erlebt werden.
Wen die dritte Erhöhung des Mindestlohns besonders schmerzt
Während Weizen notreif vom Acker geholt wird, lassen sich andere Feldpflanzen von Hitze und Trockenheit weniger stressen: Proteinpflanzen. In Schwaigern, Hausen an der Zaber und im Mainhardter Wald gedeihen Linsen. Drei Betriebe aus Erlenbach, Ilsfeld und Eberstadt freuen sich über den erstmals sehr erfolgreichen Versuchsanbau der Kichererbse.
Am 25. September wird das 101. Landwirtschaftliche Hauptfest in Stuttgart eröffnet. Süddeutschlands größte Messe für Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft wird nur alle vier Jahre abgehalten.
Der Mindestlohn wird zum dritten Mal innerhalb des Jahres angehoben. Nun gelten 12 Euro pro Stunde. Ein Jahr zuvor lag der Tarif noch bei 9,60 Euro. Im Heilbronner Land und in Hohenlohe sind die Betriebe stark betroffen. Der Grund sind die arbeitsintensiven Sonderkulturen, wie Wein-, Gemüse- und Obstbau.
Wo ein Bauer doppelt so viel verdient, wie im Ländle
Nach nur zwei Monaten ziehen die Zuckerrübenanbauer im Land eine traurige Halbzeitbilanz der Ernte. Der zu trockene Sommer hat dazu geführt, dass die Rüben in diesem Jahr kümmerlich geblieben sind. Das Südzuckerwerk in Offenau stellt sich auf eine verkürzte Kampagnendauer ein.
In der Jahrespressekonferenz des Landesbauernverbands präsentiert Präsident Joachim Rukwied alarmierende Zahlen: Die Bauern sind im bundesweiten Vergleich Schlusslicht beim Pro-Kopf-Verdienst. Im Agrarjahr 2021/22 bezog ein mitarbeitendes Familienmitglied im Durchschnitt nur 42 710 Euro brutto. In Schleswig-Holstein betrug das Pro-Kopf-Einkommen im Durchschnitt 91 354 Euro, mehr als doppelt so viel wie im Südwesten.


Stimme.de
Kommentare