Dieter Thomas Kuhn in Stuttgart: Als der Sänger seinen Text vergisst
Dreieinhalb Jahre mussten Schlagerfans darben. Nach dem Auftritt von Dieter Thomas Kuhn auf dem Wasen gibt es mindestens drei Erkenntnisse: Es war grandios. Der Killesberg ist grandioser. Und: Bisweilen ist das Publikum textsicherer als der Sänger.

Die Schwemme ist eine Kneipe der rustikalen Art am Bahnhof Bad Cannstatt. Hier treffen sich VfB-Fans vor dem Anstoß. Es gibt Flaschenbier und ansonsten nicht viel. Am Samstagabend ist die Schwemme fest in der Hand der Sonnenblumen-Fraktion. Stunden vor Konzertbeginn ist Bad Cannstatt in bunte Farben getaucht. Die Dieter-Thomas-Kuhn-Fans feiern sich, ihr Idol und das Comeback der ewigen Föhnwelle nach dreieinhalb Jahren Zwangspause.
Mit Country-Programm zu Gast in Heilbronn
Zuletzt war der Tübinger mit seinem Country-Projekt auf Tour, etwas leisere Töne, eine kleine Besetzung. In Heilbronn hat das gut funktioniert. Aber der echte Kuhn, das sind Schlager, Glitzer, Schlüpfrigkeiten - und Schlüpfer, die nach einigen Songs am Samstagabend unweigerlich auf die Bühne fliegen. "Dürfen wir das überhaupt noch annehmen", fragt Kuhn, um sich gleich die Antwort zu geben: "Bewerft uns."
Kuhn-Fans reagieren empfindlich auf Änderungen im bewährten Ablauf. Das Programm hat mit "Musik ist Trumpf" zu beginnen und mit "Butterfly" zu enden. So ist das auch beim großen Comeback auf dem ausverkauften Wasen. Die Änderungen sind wohl dosiert. Einmal kommt Kuhns Tochter auf die Bühne und revanchiert sich mit Getränken für den Auftritt des Sängers beim Abiball. "Sie ist die Erste in der Familie, die Abitur gemacht hat", zeigt sich der Vater stolz.
Noch eine Änderung: "Hello Again" steht ganz am Anfang und ist Motto der Wiedersehens-Tour, die Kuhn über die ganz großen Bühnen führt. Waldbühne in Berlin, Lanxess-Arena in Köln - und eben der Wasen, mit dem viele Schlagerfans fremdeln.
Fremdeln mit dem Wasen: Killesberg ist das Wohnzimmer
Zu groß, zu unpersönlich ist die Betonfläche im Vergleich zu dem, was die Kuhn-Fans als ihr Wohnzimmer betrachten. Kuhn-Konzerte steigen sonst auf der Freilichtbühne auf dem Stuttgarter Killesberg, im Vergleich zum Wasen ist das ein fast intimer Rahmen. Und trotzdem ist es am Ende wie immer.
"Tränen lügen nicht" singt das Publikum im Alleingang, zum Finale schlagen Flammen aus dem Klavier, Feuerwerk steigt über der Bühne auf. Bei "Butterfly" scheint Kuhn kurz den Text zu vergessen, Band und Fans helfen ihm in die Spur. "Ich liebe euch", ruft der Tübinger zum Abschied. Die Händler an den Straßen zum Cannstatter Bahnhof, die ansonsten Schlachtenbummler nach dem Stadionbesuch mit Wegzehrung versorgen, haben Kuhn-Schals und Prosecco im Angebot. Bis nächstes Jahr. Dann vielleicht "Hello again" auf dem Killesberg oder im Heilbronner Wertwiesenpark. Auch dort war der Schlagerzirkus schon zu Gast.
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