Schlagerkönig Dieter Thomas Kuhn: Musikszene fehlt es an Rückgrat
Der Mann ist kaum wiederzuerkennen: Zum Interview kommt Dieter Thomas Kuhn nicht mit Glitzerkostüm und Brusthaartoupet, sondern in legerem Jeans-Look. Ein Gespräch über Fußball, Politik, Helene Fischer und echte Underground-Musik.

Der Tübinger ist der Dauerbrenner der deutschen Schlagerszene - seit 25 Jahren unterwegs im Auftrag der guten Laune. Und es funktioniert. Gerade ist er mit seiner Band auf Sommertournee gestartet, die ihn unter anderem nach Ludwigsburg führt. Ein Gespräch über Fußball, Politik, Helene Fischer und echte Underground-Musik.
Es war Sommer. Der 8. Juli 2006. Erinnern Sie sich?
Dieter Thomas Kuhn: (zögert) O je, 2006? Lange her.
Das Sommermärchen?
Kuhn: Jetzt, klar. Unser Auftritt nach dem WM-Spiel um Platz drei auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Das war natürlich gigantisch. Es sollen 80 000 Fans gewesen sein. Die Bühne war winzig. Für uns war das der absolute und unerwartete Wahnsinn.
Fußball ist nicht so Ihr Ding, oder? Dabei prangte Ihr Porträt mit Föhnwelle bis vor Kurzem auf den Trikots der TSG Tübingen.
Kuhn: In der Tat. Ich bin durchaus interessiert an Fußball. Aber fragen Sie mich nicht nach dem Kader der Nationalmannschaft. Außer Neuer kenne ich wahrscheinlich keinen.
Macht ja nichts. Es heißt, Jogi Löw gehört zu Ihren größten Fans.
Kuhn: Stimmt. Wir sehen uns ab und zu, er kommt auch gelegentlich zu unseren Konzerten. Eigentlich kann man uns nicht für Privatpartys buchen. Bei Jogi Löw haben wir mal eine Ausnahme gemacht, als er seinen Geburtstag mit ein paar Freunden gefeiert hat.
Jetzt ist wieder WM. Fußball und die Schlagerszene haben einiges gemeinsam. Es geht um Emotionen, um Show und Selbstinszenierung. Wo liegen die Unterschiede?
Kuhn: Der Hauptunterschied ist: Bei uns gibt es keine Verlierer, wenn wir spielen. Das Publikum gewinnt und wir auch.
Für Selbstironie ist Fußball nun gerade nicht bekannt. Könnte die Fußballszene von heute etwas mehr Kuhn vertragen?
Kuhn: Das finde ich schon. Was mir am Fußball nicht behagt, ist diese Aggressivität. Ich bekomme da ein bisschen Angst, wenn die Bengalos gezündet werden und die Stimmung kippt. Da gefällt es mir auf meinen Konzerten besser.
Da fliegen auch keine Becher und Feuerzeuge, sondern höchstens Unterwäsche. Was machen Sie mit dem ganzen Zeug?
Kuhn: (lacht) Wir sammeln schon immer die schönsten Exemplare. An so einem String-Tanga ist ja fast nichts dran, die nehmen nicht viel Platz weg. Da gibt es noch ein paar Kisten im Keller.
Die Fußball-Stars von heute sind morgen vergessen. Sie halten sich seit Jahrzehnten im Geschäft. Wie macht man so etwas?
Kuhn: Das weiß ich auch nicht. Wenn die Leute merken, dass man Bock drauf hat, funktioniert das offenbar auch länger.
Und Sie haben tatsächlich noch Bock, auch wenn sich das Programm wiederholt?
Kuhn: O ja, die Lust ist ungebrochen, nicht nur bei mir, auch bei der Band. Wir besprechen das oft und kommen schnell zu dem Punkt: Was wollen wir eigentlich? Besser kann man es nicht erwischen. Wir haben kein konkretes Ziel - anders als manche Bands, die sagen: Boah, das höchste der Gefühle wäre jetzt noch ein Stadion. Es kommt, wie es kommt. Wir haben im Sommer die Tour, die Leute kommen gerne. Das fühlt sich ganz gut an.
Sie spielen bei Ihren Konzerten nicht nur immer dieselben Lieder, sie spielen Sie auch in derselben Reihenfolge. Ihre Fans stehen nicht so auf Veränderungen?
Kuhn: (schmunzelt) Das haben wir schon gemerkt, ja. Wir haben natürlich unser Schema, trotzdem versuchen wir, immer mal wieder zu experimentieren.
Sie haben 1999 Ihren Rücktritt erklärt, feierten 2004 Ihr Comeback. Ist Dieter Thomas Kuhn Ihr Schicksal?
Kuhn: Mittlerweile glaube ich das auch. Das war 1999 eine bewusste Entscheidung. Ich dachte, die Geschichte ist auserzählt. Ich war ausgepowert. Dann hieß es: Auf zu neuen Ufern.
Sie haben auf Deutsch-Pop umgesattelt.
Kuhn: Das trifft es im Rückblick. Ich wollte nie in die Sparte Deutsch-Pop, das war 2001 auch gar nicht populär. Dann kam Pur, und die Leute fingen an, meine Platte "01" mit Pur zu vergleichen. Das war mir zu doof. Die "01"-Tour haben wir dann abgebrochen. Es war ja noch dieselbe Band wie zuvor, und wir haben gemerkt: So macht uns das keinen Spaß mehr.
Sie feiern in Ihren Liedern die 70er Jahre. Sie waren damals ein Teenager. Wie sind Ihre Erinnerungen an diese Zeit?
Kuhn: Das war die RAF-Zeit, die ich eher als bedrohlich wahrgenommen habe. Mein Vater war bei der Kriminalpolizei, deshalb hab" ich die Spannungen zu Hause mitgekriegt. Besonders hippiemäßig war das nicht, Flowerpower kommt auch eher aus den 60ern. Und ich habe andere Musik gehört als die, die ich heute singe.
Die 70er waren eine hoch politisierte Zeit. Dieter Thomas Kuhn könnte unpolitischer nicht sein. Ist das Absicht?
Kuhn: Wenn ich Ambitionen hätte, politische Lieder zu schreiben, würde ich es tun. Was will man mit normalem Menschenverstand zur Politik sagen? Was auf der Welt passiert, ist so etwas von hanebüchen. Ich habe eine klare Meinung zu den Dingen, aber nicht das Bedürfnis, das nach außen zu tragen. Roland Kaiser hat sich öffentlich gegen Fremdenfeindlichkeit geäußert, das fand ich gut. Aber ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, wenn ich mich hinstelle und sage: He, Leute, kein Rassismus. Das setze ich bei meinem Publikum voraus. Ich bin kein Prediger, sondern Musiker und Entertainer.
Interaktion mit dem Publikum ist aber trotzdem ein Markenzeichen. Kommen die Sprüche spontan?
Kuhn: Ja, das ergibt sich aus der Stimmung am Abend.
In Heilbronn haben Sie vergangenes Jahr zum kollektiven Nacktbaden im Neckar aufgerufen. Hat nicht funktioniert.
Kuhn: (lacht) Aus dem Nacktbaden ist leider nichts geworden. Ich kann es nur immer wieder versuchen.
Das ist aber nicht der Grund, warum Sie diesmal nicht nach Heilbronn kommen?
Kuhn: Ich bin nicht beleidigt. Die Tourplanung hängt von vielen Faktoren ab.
Deutsche Musik, Partylaune. Da denkt man an Mallorca. War ein Auftritt am Ballermann nie ein Thema?
Kuhn: Das ist nicht unser Terrain, obwohl es Anfragen gab. Wir haben uns von Anfang an etwas abgegrenzt. Wir spielen nicht Anti-Schlager, wie es oft formuliert wurde, aber eben unser eigenes Ding. Wenn jemand vor 20 000 Leuten spielt, ist es schwierig zu sagen, das ist independent. Trotzdem gehören wir zur Underground-Szene. Und das tut gut. Ich möchte nicht in der Liga Helene Fischer sein.
Was ist verkehrt an Helene?
Kuhn: Nichts. Das hat alles seine Berechtigung, und sie ist ja auch ein Schnuckelchen. Aber ich verstehe die Szene nicht mehr, das ist eine Maschinerie geworden. Diese Vermischung in den Schlagershows: Da sind Leute, die ihre Platten promoten wollen, ob sie reinpassen oder nicht. Ich weiß gar nicht, was mit der Musikszene passiert. Jeder macht seine Nummer bei Helene Fischer. Alle drücken in ihre Sendung. Wo sind denn die Eier? Wo ist das Rückgrat geblieben? Das ist eben die echte Schlagerwelt, das hat nichts mit Rock "n" Roll zu tun.
Rausschmeißer bei Ihren Konzerten ist "Musik ist Trumpf" mit der Textzeile "Solange die Welt besteht". Geht das ewig so weiter mit DTK?
Kuhn: Hoffentlich bis ich von der Bühne falle. Im Augenblick fühle ich mich aber noch ganz gut.
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