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Die Mundart in Baden-Württemberg stirbt aus

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Laut einer Tübinger Studie sprechen immer weniger Kinder Dialekt. Das finden viele Menschen schade. Die Brackenheimerin Stefanie Biedermann hingegen wird im Internet sogar beleidigt, weil sie Schwäbisch spricht.

Verschiedene Dialekt-Wörterbücher.
Verschiedene Dialekt-Wörterbücher.  Foto: Peter Kneffel/dpa/Symbolbild/Archiv

Sprachwissenschaftler sagen es schon lange: Dialekt macht schlau. Doch laut einer aktuellen Studie der Tübinger Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland sprechen nur noch wenige Grundschüler der ersten und zweiten Klassen in Baden-Württemberg Mundart.

Dialekt vermittelt Identität und Heimat

Jeder neunte oder zehnte sei es, sagt der Leiter des Forschungsprojekts, Hubert Klausmann. "Dabei ist Dialekt sehr wichtig", so der Professor. Identität und Heimat werden so vermittelt. Außerdem komme man schneller mit Personen innerhalb eines Kreises in Kontakt. Dass immer weniger Kinder Dialekt sprechen, liegt laut Hubert Klausmann auch an Lehrern, die sie nicht darin bestärken, sondern sie lieber mit Sätzen wie "sag´ das mal schöner" auffordern, Hochdeutsch zu sprechen.


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Dabei gebe es diese Hochsprache eigentlich gar nicht. "Auch wenn das Norddeutsche nicht gerne hören: Es gibt überall Varianten." Der richtige Begriff sei Standardsprache.

In der Grundschule im Bad Rappenauer Ortsteil Fürfeld hat Schulleiterin Anja Menold ähnliche Erfahrungen gemacht: "Wir haben eigentlich keine Kinder hier, die Dialekt sprechen, zumindest nicht deutlich", sagt die Pädagogin. Sie selbst findet diese Entwicklung schade, pflegt die Mundart im Privaten laut eigener Aussage. Und zwar so gut, dass sie bereits von einer Freundin angesprochen wurde, ob sie nicht auch deren Kindern ein paar Sätze beibringen könnte.

Wer Dialekt spricht, gilt als weniger intelligent

"Das wäre sinnlos", sagt Hubert Klausmann. "Und mit einem riesigen Aufwand verbunden." Man könne sich zwar im Laufe der Jahre hineinhören und herantasten, aber wie auch im Englischen bleibe immer ein Akzent zurück. "Dialekt lernt man Zuhause, nicht in der Schule." Dort dürfe man die Mundart nicht austreiben. Der Trend ist allerdings nicht neu: Bereits seit mehreren Jahrzehnten zieht sich diese Erwartungshaltung durch die Generationen. Wer stark Schwäbisch, Bairisch oder Sächsisch spricht, gilt als weniger intelligent und wird oftmals sogar angefeindet.

Diese Erfahrungen macht Stefanie Biedermann immer wieder. Die Brackenheimerin ist Tortendesignerin und veröffentlicht regelmäßig Videos in den Sozialen Netzwerken. Dabei "schwätz´ ich Schwäbisch", sagt sie. Und das passt nicht allen Zuschauern. "Unter jedem Beitrag tauchen Kommentare auf, die richtig unverschämt sind", sagt Biedermann.

Konsequent bleiben - auch bei Gegenwind

Die Aufforderung, Deutsch zu reden, gehört zu den höflicheren. Aber auch Sätze wie "du hässliche Schwabenfratze" kann man lesen. "Ich liebe und pflege meinen Dialekt und meine Heimat", sagt die Brackenheimerin, die nicht von ihrer Linie abweichen will und sich fragt, warum man die eigene Sprache unterdrücken sollte.

Doch selbst bei ihren eigenen, mittlerweile fast erwachsenen Kindern sieht sie diese Entwicklung, obwohl sie mit Dialekt aufgewachsen sind. "Vielleicht sollte ich, wenn es in meinem Job mal nicht mehr so gut läuft, Integrationskurse für Kinder im Schwäbischen anbieten", sagt sie lachend.

Dass Dialekt in den Medien meist nur goutiert wird, wenn es in Richtung Comedy geht, ist auch Hubert Klausmann schon oft aufgefallen. Bestes Beispiel: Bülent Ceylan aus Mannheim, der mittlerweile in ganz Deutschland auftritt und auch in Hannover oder Hamburg kurpfälzischen Dialekt spricht. Auch er fordert, dass die Schulen aktiv bei der Vermittlung werden müssen.

Mundart als ein Stück Geschichte

"Man sollte die Kinder so reden lassen, wie sie wollen", findet Jürgen Kobold. Der Eppinger hat 2010 das Buch "So schwätzt ma in Eppinge" geschrieben und sieht im Dialekt auch ein Stück Geschichte, die sich in der Sprache abbildet. Daheim werde nur Mundart gesprochen. "Im Beruf musste ich früher Hochdeutsch reden", erinnert sich Kobold.

Wenn er in Norddeutschland anrief, hieß es immer, Süddeutschland sei am Telefon. Dabei sei selbst innerhalb der Eppinger Ortsteile ein Unterschied auszumachen. "Ich kann raushören, woher die Leute kommen", sagt Kobold. Zumindest bei den Älteren. Früher sei man meist aus dem Ort nicht herausgekommen. "Da hat man die Sprache eben noch gepflegt."

Sprachliche Vielfalt im Ländle

In Baden-Württemberg gibt es nicht nur Schwäbisch, Fränkisch und Alemannisch. Selbst der schwäbische Dialekt teilt sich in verschiedene Ausprägungen auf. So gibt es Zentralschwäbisch, Ostschwäbisch oder Schwäbisch-Alemannisch. Sogar innerhalb einer Gemeinde kann es durchaus sein, dass unterschiedliche Wörter für das Gleiche genutzt werden.

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