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DHBW Heilbronn: Aus dem Hinterhof zur Kaderschmiede

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Zehn Jahre nach ihrem Start ist aus dem Zweieinhalb-Personen-Projekt ein Modell für viele geworden. Aus der Stadt ist die Einrichtung nicht mehr wegzudenken.

Zehn Jahre nach dem Start: Ulrich Zeyer (v.l.), DHBW-Präsidiumsmitglied Doris Nitsche-Ruhland, Rektorin Nicole Graf und Günter Käßer-Pawelka.
Foto: Gleichauf
Zehn Jahre nach dem Start: Ulrich Zeyer (v.l.), DHBW-Präsidiumsmitglied Doris Nitsche-Ruhland, Rektorin Nicole Graf und Günter Käßer-Pawelka. Foto: Gleichauf  Foto: Gleichauf, Christian

Zehn Jahre ist die Duale Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn. Die heutige Rektorin Nicole Graf startete damals mit anderthalb Professorenstellen "im Hinterhof der Stadtwerke", wie sie selbst sagt. Heute ist die DHBW eine Einrichtung, die aus der Wissensstadt Heilbronn und vom Bildungscampus nicht mehr wegzudenken ist.

"Anstoßen konnten wir damals nur auf das, was kommen wird."

Die Anfänge waren tatsächlich sparsam. "Mehr als die drei Kisten, die auf dem Bild zum Einzug zu sehen sind, hatten wir nicht", erzählt Graf. Ebenfalls darauf zu sehen sind ihre "zwei Lieblingskollegen", wie Graf sagt, die Gründungsprofessoren Ulrich Zeyer (BWL-Handel) und Günter Käßer-Pawelka, der inzwischen emeritierte ehemalige Studiendekan BWL-Dienstleistungsmanagement. "Mit dem Schampus, den Kollege Zeyer mitgebracht hat, konnten wir damals nur anstoßen auf das, was kommen wird. Denn wir hatten nichts, nicht einmal die Technik hat funktioniert", erinnert sich Käßer-Pawelka.

Mit dem Draht in die Region

Einer der attraktivsten Werbeträger war die alte Gaskugel, auf der ein DHBW-Schriftzug prangte. Inzwischen ist auch sie Geschichte.
Foto: privat
Einer der attraktivsten Werbeträger war die alte Gaskugel, auf der ein DHBW-Schriftzug prangte. Inzwischen ist auch sie Geschichte. Foto: privat  Foto: privat

Alle drei hatten sich damals für Heilbronn entschieden, weil sie bereits in der Stadt wohnten und der Region verbunden waren. So kam Käßer-Pawelka aus Stuttgart, wo er schon einmal den Studiengang Dienstleistungsmanagement aufgebaut hatte. Zeyer und Graf wurden aus Mosbach entsandt. Es sei gelungen, einen Standort mit Strahlkraft zu entwickeln, ist Graf überzeugt. Heilbronn sei "die Kaderschmiede" der Lebensmittelbranche.

Heilbronn wächst weiter - gegen den Trend

18. Januar 2010: Mit nur drei Kisten zogen die drei DHBW-Professoren Zeyer (v.l.), Graf und Käßer-Pawelka in ihre vorläufige Unterkunft bei der HVG.
Foto: Archiv/Dirks
18. Januar 2010: Mit nur drei Kisten zogen die drei DHBW-Professoren Zeyer (v.l.), Graf und Käßer-Pawelka in ihre vorläufige Unterkunft bei der HVG. Foto: Archiv/Dirks  Foto: Dirks

Das schlägt sich auch in Zahlen nieder. 84 Studenten begannen ihr Studium im Herbst 2010. Zehn Jahre später gibt es 34 Professoren, mehr als 400 Dozenten, 400 Absolventen und 1300 Studenten. In zehn Jahren möchte die Rektorin mindestens bei den absehbaren 1800 Studierenden angekommen sein. "Ich traue mich zu sagen, dass wir dann hoffentlich mehr als 2000 haben." Auch wenn DHBW-Präsidiumsmitglied Doris Nitsche-Ruhland etwas bremst: "Das hängt leider auch von der Förderung des Landes ab." Nach derzeitigem Stand könne die Duale Hochschule in Baden-Württemberg insgesamt nicht mehr wachsen.

2014 wurde die Außenstelle der DHBW Mosbach in die Selbstständigkeit entlassen. Hier die damaligen Erstsemester auf dem neuen Bildungscampus.
Foto: Archiv/Berger
2014 wurde die Außenstelle der DHBW Mosbach in die Selbstständigkeit entlassen. Hier die damaligen Erstsemester auf dem neuen Bildungscampus. Foto: Archiv/Berger  Foto: Berger

Am Standort Heilbronn wird der Platz in den bestehenden Gebäuden trotzdem knapp. Professoren mussten bereits zusammenrücken. Die Hoffnung liegt damit - wie in der Vergangenheit - auch auf der Dieter-Schwarz-Stiftung. Sie sorgt auf dem Bildungscampus für eine hervorragende Infrastruktur und unterstützt die DHBW durch eine anteilige Finanzierung. "Aber auch wir bezahlen hier Miete", betont Graf.

Weiter auf Unterstützung durch die Dieter-Schwarz-Stiftung angewiesen

Der Hinweis ist ihr vielleicht auch deshalb so wichtig, weil die guten Rahmenbedingungen in Heilbronn bei den Nachbarn zuletzt nicht unbemerkt blieben. Die Duale Hochschule in Mosbach hatte sich schon bei der Loslösung Heilbronns zusichern lassen, dass das Wachstum der ehemaligen Dependance nicht auf Kosten der badischen Nachbarn gehen dürfe. Im vergangenen Jahr war der Streitpunkt dann, ob es auch an der DHBW Heilbronn Studiengänge im Bereich Digitalisierung geben dürfe - oder ob Mosbach hier das Exklusivrecht behält.

Kompromiss mit Mosbach: "Das wird mit der Zeit"

Ein Kompromiss soll nun Mosbach weiterhin schützen und Heilbronn doch Neuerungen bei diesem Zukunftsthema erlauben. "Auf der Sach-Ebene ist das sicher eine sehr gute Lösung. Auf der Beziehungsebene wird es schwieriger sein, aber auch das wird mit der Zeit", kommentiert Nitsche-Ruhland das Ergebnis aus Sicht des Stuttgarter Präsidiums. Und Konkurrenz gebe es auch zwischen anderen Standorten.

Ruhiger wird es für die drei Gründungsprofessoren nicht, auch nicht für den inzwischen schon emeritierten Käßer-Pawelka. Er wird sich weiter um die Forschungsaktivitäten kümmern, die für DHBW-Verhältnisse in Heilbronn besonders ausgeprägt sind. 1,5 Millionen Euro an Drittmitteln wurden von der EU dafür eingesammelt. Weiterhin will die DHBW "in die Stadt hineinwirken". Doch der Fokus geht auch darüber hinaus: Das Erfolgsmodell DHBW ist inzwischen auch Vorbild für zahlreiche Länder in Europa, Afrika und Asien.

 

Keine separate Geburtstagsfeier

Im Verbund der neun Bildungsakademie-Standorte ist Heilbronn das jüngste Kind, betont Professorin Doris Nitsche-Ruhland, Mitglied des DHBW-Präsidiums in Stuttgart. "Und wenn man sieht, dass der Standort Stuttgart 46 Jahre alt ist, dann hat das Kind nach zehn Jahren zwar wichtige Entwicklungsarbeit geleistet, aber auch vieles noch vor sich", sagt Nitsche-Ruhland. Eine Geburtstagsfeier gibt es vorerst nicht. "Wir werden unser kleines Jubiläum aber im Rahmen der Nacht der Wissenschaft dieses Jahr begehen", kündigt Rektorin Nicole Graf an. Leider stehe der Termin noch nicht fest. "Heilbronn ist etwas überveranstaltet, scheint mir." cgl

 

Kommentar "Gut positioniert"

Zehn Jahre sind lange genug, dass sich viele Menschen Heilbronn heute kaum noch ohne Bildungscampus vorstellen können. Das Tempo, mit dem die Entwicklungen dort die Stadt verändern, ist enorm. Bestes Beispiel ist die DHBW, die sich in dieser Zeit zu einem zentralen Player gemausert hat. Und das, obwohl sie zwischen den namhaften Nachbarn Hochschule Heilbronn, German Graduate School und Technischer Universität München nicht automatisch herausragt.

Die kleine DHBW versteht es bisher aber ausgezeichnet, sich als die Hochschule für die Region zu positionieren. Ob Schwarmstadt-Initiative in der Bahnhofsvorstadt oder Buga-Begleitung, die Duale Hochschule bringt sich ein in der Stadt. Sie hat über ihre dualen Partner kurze Wege in die Führungsetagen der Unternehmen. Und sie besetzt mit Handel und Wein zwei Themen, die in der Region besonders wahrgenommen werden.

Damit erntet sie bei den Nachbarn auf dem Campus nicht nur Wohlwollen. Doch Konkurrenz belebt auch hier das Geschäft. Die Bundesgartenschau hat mit dem gemeinsamen Auftritt der Hochschulen gezeigt, dass Rivalität im Werben um die öffentliche Aufmerksamkeit eine Zusammenarbeit nicht verhindert. Da ist es ein gutes Zeichen, dass als Geburtstagsfest für die DHBW die Lange Nacht der Wissenschaft gewählt wurde, wo wiederum alle Akteure auf dem Bildungscampus gemeinsam aktiv sind.

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