Blick in den Corona-Herbst: Personal ist großer Sorgen-Faktor
Ärzte sprechen bei Stimme-Forum über die Corona-Lage. Warum Impfen für sie weiterhin der Schlüssel in der Pandemie-Bekämpfung ist.

Kaum noch Masken, keine Impfnachweise mehr, gleichzeitig aber viele Infektionen im Bekanntenkreis: Die Corona-Situation hat sich in den letzten Wochen verändert, gefühlt an Brisanz verloren, obwohl die Inzidenz hoch ist.
Ein etwas anderes Bild ergibt sich jedoch im Gespräch mit dem Heilbronner Hausarzt Martin Uellner, Intensivmediziner Dominik Scharpf von SLK und Impfexperte Ulrich Enzel aus Schwaigern, die sich beim Stimme-Forum zum Thema "Corona - wie geht es weiter?" mit Redakteurin Valerie Blass austauschen.
Angesprochen auf die aktuelle Personalsituation sagt Dominik Scharpf, der die Covid-Intensivstation am Klinikum am Gesundbrunnen in Heilbronn betreut, dass er Sorgen habe was die Entwicklung im Herbst angehe. Derzeit fielen bereits rund 100 Mitarbeiter wegen einer Covid-Infektion aus. Was sich bei einer Belegschaft von rund 5600 Mitarbeitern zunächst nicht viel anhört, täusche. Denn diese 100 Ausfälle kommen auf die Zahl der "normal Erkrankten" und die ohnehin angespannte Personalsituation oben drauf.
Kaum noch Covid-Patienten auf der Intensivstation
Positiv aus Sicht des Klinikarztes ist jedoch, dass derzeit kaum noch Covid-Patienten an die Beatmungsmaschine müssen. Je zwei Personen lägen derzeit auf den Intensivstationen in Löwenstein und am Plattenwald. In seinem Bekanntenkreis beobachte er auch, dass die Omikron-Variante bei vielen Betroffene deutliche Symptome mache, wenn das auch medizinisch nicht als kritisch zu werten sei, sagt Scharpf. Mit der sehr hohen Inzidenz steige eben auch der Anteil von heftiger Betroffenen. Die Mediziner vermuten eine fünffach erhöhte Dunkelziffer. Martin Uellner stellt in seiner Praxis jedoch kaum schwerwiegende Symptome bei Covid-Patienten fest. Die meisten kämen mit wenig bis gar keinen Symptomen, die Infektion würde eher zufällig entdeckt. Auch andere Infekte seien derzeit unter Erwachsenen selten. "Es ist im Moment ruhiger, aber das wird sich wieder ändern", ist er sich sicher.
Dass inzwischen in Praxen weniger PCR-Tests gemacht werden, hängt seiner Ansicht nach damit zusammen, dass die Corona-Schwerpunktpraxen defacto abgeschafft worden seien - die Extra-Vergütung wurde gestrichen. Somit sei die offizielle Inzidenz weniger hoch als sie tatsächlich ist. Ob das politisch beabsichtigt sei, könne er nicht beurteilen.
Sicher sei hingegen, dass das Thema Impfen bald wieder an Brisanz zunehmen werde. Martin Uellner hatte die Impfkampagne in Heilbronn federführend mit der Stadt organisiert und ist auch wieder bereit, sich einzubringen, wenn der neue Omikron-Impfstoff voraussichtlich ab November verimpft werden soll. In acht Wochen, sagt er, könne man jedem Impfwilligen in der Stadt Heilbronn eine Spritze verabreichen. Das könnten die Hausärzte leisten, Impfzentren brauche man nicht mehr. Wichtigste Voraussetzung sei jedoch, dass ausreichend Impfstoff zur Verfügung stehe. "Oder müssen wir wieder priorisieren?", fragt er. Eine Antwort gebe es darauf derzeit noch nicht.
Martin Uellner hofft, dass die Politik aus den vergangenen Jahren gelernt hat und künftige Informationen rund um Corona besser kommuniziert. Dass zum Beispiel im Herbst wieder eine Masken-Pflicht eingeführt wird, halten die Mediziner für gesichert. "Maßnahmen müssen aber klar formuliert, einheitlich, verständlich und nachvollziehbar sein. Man muss die Leute mitnehmen. Das habe ich bisher vermisst", sagt Uellner. Große Hoffnung habe er aber nicht. Versprechungen, die gegenüber der Pflege und medizinischen Angestellten gemacht wurden, seien im Sand verlaufen.
Einrichtungsbezogene Impfpflicht ist sinnvoll
Zerredet habe man auch die allgemeine Impfpflicht in Deutschland, sagt Ulrich Enzel. Dass sie für medizinisches Personal gilt, findet er nach wie vor richtig. "Es gehört zur Pflicht dieses Berufsstandes, Patienten zu schützen." Eine Impfpflicht gegen andere Krankheiten wie Masern nehme auch "jeder klaglos hin", fügt Uellner hinzu. Das Thema Corona-Impfung sei jedoch sehr viel emotionaler beladen. "Trotzdem ist es immer besser, jemand lässt sich freiwillig impfen", betont der Hausarzt.
Dass die Impfung derzeit der einzige effektive Schutz gegen schwere Krankheitsverläufe ist, betonen alle drei Ärzte. Es gebe zwar mit Paxlovid ein Medikament, das gute Ergebnisse erziele und ambulant verabreicht werden könne, erklärt Dominik Scharpf. Es sei aber nur für eine sehr eingeschränkte Patientengruppe wirksam. Es sei für nichtgeimpfte Corona-Patienten empfohlen, bei denen Risikofaktoren wie zum Beispiel hohes Alter, Adipositas, Diabetes, Immunschwäche oder Krebs vorlägen.
Das Medikament müsse in den ersten fünf Tagen nach der Infektion eingenommen werden, um wirksam zu sein. Aktuell hat das Robert-Koch-Institut (RKI) die Empfehlung auf geimpfte Patienten mit "sehr hohem Risikoprofil" ausgeweitet. Es gebe zwar auch bei einem anderen Wirkstoff derzeit hoffnungsvolle Studien-Ergebnisse, "bisher ist das Game-Changer-Medikament aber noch nicht da", sagt Dominik Scharpf.
Corona-Medikament kommt selten zum Einsatz
Dass Paxlovid trotz guter Datenlage bei niedergelassenen Ärzten wenig zum Einsatz kommt, wundert ihn. Zumal befürchtete Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten in vielen Fällen vermieden werden könnten, indem man sie kurzzeitig absetzt. Uellner berichtet, dass er es in seiner Praxis bisher nicht verordnet hat. Seine Patienten seien aber auch alle geimpft. Seiner Meinung nach ist das Medikament zu spät auf den Markt gekommen.



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