Bauern in Angst vor der Schweinepest

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Was passiert, wenn in Hohenlohe ein Wildschwein mit der Afrikanischen Schweinepest gefunden wird? Landwirte bangen wegen der Seuche um ihre Existenz. Und Versicherungen schützen die Bauern kaum.

Von Barbara Griesinger
Warnhinweise an der A6 sollen verhindern, dass die Afrikanische Schweinepest mit einem Stück infiziertem Fleisch vom weggeworfenen Vesper eines Lkw-Fahrers in Hohenlohe eingeschleppt wird. Foto: Reichert
Warnhinweise an der A6 sollen verhindern, dass die Afrikanische Schweinepest mit einem Stück infiziertem Fleisch vom weggeworfenen Vesper eines Lkw-Fahrers in Hohenlohe eingeschleppt wird. Foto: Reichert  Foto: Reichert, Ralf

"Die Wahrscheinlichkeit, dass die Afrikanische Schweinepest in den Stall kommt, sehe ich als gering an. Dass wir zum Sperrgebiet werden, das ist die große Gefahr", sagt Diplom-Agaringenieur Thomas Wenzel. Sperrgebiete, in denen Sicherheitsmaßnahmen gelten, werden bereits dann eingerichtet, wenn ein einziges Wildschwein mit Afrikanischer Schweinepest (ASP) im Hohenlohekreis gefunden wird.

Stallpflicht für Landschweine

Auslauf- und Freilandschweine müssen dann in den Stall. Durch regelmäßige Blutuntersuchungen werden die Hausschweinbestände auf ASP getestet. Aber Dr. Thomas Pfisterer, Leiter des Veterinäramts im Hohenlohekreis, geht auch davon aus, dass für Betriebe in sogenannten gefährdeten Bereichen, in einem Radius von rund 15 Kilometern um den Fundort eines mit ASP infizierten Wildschweins, auch "gewerbsmäßige Transporte zunächst eingestellt werden". In Pufferzonen mit rund 30 Kilometer Radius gälten ähnliche Maßnahmen in modifiziertem und der Situation angepasstem Verhältnis.

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Wie lange "zunächst" sein wird, kann er nicht sagen. Das hänge davon ab, wie sich die Situation entwickle. Also ob und in welchem Umkreis weitere infizierte Wildschweine gefunden werden. Klar ist bereits jetzt: Wenn ein einziger ASP-Fall in Deutschland auftritt, dann darf deutsches Schweinefleisch nicht mehr in Drittländer außerhalb der EU ausgeführt werden. Auch Schlachttiertransporte ins Ausland seien, so der Leiter des Veterinäramts, nicht mehr erlaubt. Und auch innerhalb der EU könnte die Vermarktung ins Stocken kommen, schätzt Pfisterer. Denn die deutschen Maßnahmen müssten zuerst auf EU-Ebene anerkannt werden.

Überversorgtes Deutschland

Der Selbstversorgungsgrad mit Schweinefleisch liegt in Deutschland bei 120 Prozent, weiß Wenzel, der auch Vorstandsvorsitzender der Interessengemeinschaft der Schweineerzeuger in Hohenlohe ist. Ohne Exporte sei das Land damit überversorgt. "Unsere große Befürchtung ist deshalb, dass die Preise einbrechen", so der 35-Jährige. Die Preise seien nach der positiven Entwicklung 2016 und 2017 bereits wieder im Sinken. "ASP gekoppelt mit Absatzproblemen wird für viele Betriebe das Aus sein", fürchtet er.

Zwar können sich Landwirte versichern, wenn sie ihre Schweine nicht vermarkten können. "Doch das lassen sich die Versicherungen teuer bezahlen", so Wenzel. Rund 13 000 Euro pro Jahr koste es, wenn ein Landwirt wie er den Erlösausfall versichert. Bei einer Mindestlaufzeit von drei Jahren also 39 000 Euro. "Das ist viel Geld. Die Versicherungen zahlen maximal zwölf Monate. Und da sie sich an den aktuellen Marktpreisen orientieren, ist es gut möglich, dass dabei kaum etwas rumkommt, wenn die Preise im Keller sind", fürchtet Wenzel.

Problem Transportverbot

Schweinezüchter Thomas Wenzel achtet noch akribischer als sonst auf Hygiene im Stall - mehr ASP-Prophylaxe gibt es nicht. Foto: Barbara Griesinger
Schweinezüchter Thomas Wenzel achtet noch akribischer als sonst auf Hygiene im Stall - mehr ASP-Prophylaxe gibt es nicht. Foto: Barbara Griesinger  Foto: Griesinger, Barbara

Die Schweinehalter haben also schon gravierende Probleme, wenn kein einziges Hausschwein an ASP erkrankt ist und kein einziger Hausschweinebestand gekeult werden muss. In diesem Fall bekommen sie von der Tierseuchenkasse Unterstützung. Zuchtschweinehalter wie Thomas Wenzel schreckt das Transportverbot aber noch aus einem anderen Grund: "Wenn der Transport verboten wird, haben wir im System ein großes Problem. Hochtragende Sauen können dann nicht mehr umgestallt werden. Ferkel und Schlachttiere können den Betrieb nicht mehr verlassen, und wir werden schnell in Platznot kommen", erklärt er.

Wenzels Muttersauen beispielsweise werden auf seinem Hof in Neufels besamt, ferkeln aber in seinem größeren Stall in Amrichshausen ab. "Ferkel brauchen mehr Platz", erklärt der Landwirt. Sie werden verkauft, bis die nächste Schweinegeneration dort zur Welt kommt. Wenn dieser Ablauf stockt, hat das fatale Folgen: Werde der Platz zu knapp, sei die Haltung nicht mehr art- und tierschutzgerecht. "Muss ich dann die Tiere töten oder wird es Sondergenehmigungen geben? Ich weiß es nicht?"

Eine Antwort fällt auch Veterinär Pfisterer schwer. Konkrete Szenarien hingen von vielen Unbekannten ab. Möglicherweise lasse sich ein seuchensicher arbeitender Schlachthof finden. Aber er kann "nicht ausschließen, dass man eine andere Lösung in Erwägung ziehen muss, das heißt: die Tiere töten."

Risikogebiet Hohenlohe

Aus diesen Gründen mache sich unter den Schweinehaltern in Hohenlohe eine unbestimmte Angst breit, fasst Helmut Bleher vom Bauernverband Schwäbisch Hall-Hohenlohe-Rems die Stimmung zusammen. "Schließlich ist unser Gebiet durch die A 6 geradezu prädestiniert, von der Afrikanischen Schweinepest befallen zu werden." Auch Pfisterer schätzt das Risiko, dass die Afrikanische Schweinepest (ASP) nach Hohenlohe eingeschleppt werden könnte, aufgrund des Fernverkehrs von und nach Osteuropa auf der A 6 als "relativ hoch" ein.

Reste von Schweinefleischprodukten sollten deshalb nicht achtlos am Straßenrand hinterlassen werden, appelliert Dr. Wolfgang Eißen, Leiter des Hohenloher Landwirtschaftsamtes. Sie dürften keinesfalls mit der heimischen Tierwelt in Berührung kommen. "Bitte werfen Sie daher Speisereste nur in verschlossene Müllbehälter", bitten Warnschilder an Rastplätzen der A 6 Lastwagenfahrer in sechs Sprachen. "Glauben Sie, dass Lastwagenfahrer das machen?", fragt Thomas Wenzel und gibt sich selbst die Antwort: "Die haben doch andere Sorgen."

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