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Attrappen-Bahnhof "Brasilien": Nichts als Schein

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Hielten die Lauffener im Zweiten Weltkrieg für Stuttgart den Kopf hin? Heimatforscher und Buchautor Günter Keller hat da seine Zweifel. Die Atrappe des Stuttgarter Bahnhofs, die Bomberpiloten verwirren sollten, sei ein Flop gewesen.

Der echte Stuttgarter Hauptbahnhof mit den schwer zerstörten Bahnsteigen nach einem Luftangriff 1942. Auf die Lauffener Attrappe fielen hingegen kaum Bomben.
Foto: Archiv/Keller
Der echte Stuttgarter Hauptbahnhof mit den schwer zerstörten Bahnsteigen nach einem Luftangriff 1942. Auf die Lauffener Attrappe fielen hingegen kaum Bomben. Foto: Archiv/Keller  Foto: Jens Lyncker

Stuttgarts Oberbürgermeister Arnulf Klett hat sich 1958 bei den Lauffenern bedankt. Sie hätten, so war immer wieder zu hören, "den Kopf hingehalten" für die Landeshauptstadt. Die Attrappe des Stuttgarter Bahnhofsumfelds sollte britische Bomber von Stuttgart fernhalten. Funktioniert hat das nicht, ist der Heimatforscher und Buchautor Günter Keller überzeugt.

Akribische Recherche für ein Buch

Der frühere Diplom-Kaufmann und Gymnasiallehrer hat Dutzende Zeitzeugen befragt, in Archiven gestöbert, Dokumente zusammengetragen und ein Buch mit dem Titel "Die Scheinanlage Stuttgarter Bahnhof" verfasst. Es "Brasilien" zu nennen, wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Der militärische Code des Projekts "hat nie eine Rolle gespielt".

Der Scheinbahnhof unterlag strenger Geheimhaltung, deshalb ist die Quellenlage so dürftig. Fotos der Anlagen gibt es kaum. Von den Bretterattrappen, die Piloten täuschen sollten und die nachts angestrahlt wurden, ist fast nichts geblieben. Der Bau begann 1940. Zwei Jahre später war die Anlage zwischen Lauffen, Hausen und Nordheim bereits von den Briten enttarnt, so Kellers Erkenntnisse, 1943 wurde sie abgebaut. "Bis dahin fielen nur vereinzelt Bomben auf das Gelände." Da aber hätten die Angriffe Mannheim und Karlsruhe gegolten, nicht Stuttgart. Die wenigen Treffer: eher Zufall, vermutet er angesichts der schlechten Navigationsmöglichkeiten der Royal Air Force. Als 1941 Bomben aufs Lauffener Dörfle fielen, seien die Piloten auf dem Weg nach Nürnberg gewesen. Schwer getroffen wurde Lauffen am 13. April 1944, dabei starben 56 Menschen. Die Scheinanlage war da längst abgebaut.


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Südamerika in der Landeshauptstadt: Seit einem halben Jahr stehen die Buchstaben, die nachts beleuchtet sind, auf dem Dach des Stuttgarter Hauptbahnhofs. "Brasilien" war Codename für eine Bahnhofs-Attrappe, die von 1940 bis 1943 bei Lauffen stand.
Foto: Begleitbüro Soup, Jens Lyncker
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Was Brasilien, Stuttgart und Lauffen verbindet


Alle Beteiligten machten sich etwas vor

Im Hinblick auf die mit riesigem Aufwand errichtete Attrappe machten sich alle Beteiligten etwas vor, ist Heimatforscher Keller überzeugt. Die Nazis redeten sich anfangs ein, der Bluff wirke, weil einzelne Irrläufer das Gelände trafen. Die Royal Air Force hatte mit ihrer Navigation zu kämpfen, griff aber offenbar nie gezielt den Scheinbahnhof an, weil sie ihn irrtümlich für Stuttgart hielt. Die Lauffener Bevölkerung glaubte, für Stuttgart herhalten zu müssen. Dafür aber gebe es keine Belege.

Stuttgarts OB Klett soll den Lauffenern bei seinem Dankesbesuch ein Ölgemälde überreicht haben. Das Bild ist verschollen.


Buch zur Bahnhofs-Attrappe

Günter Kellers Buch "Die Scheinanlage Stuttgarter Bahnhof" ist 2017 im Verlag Regionalkultur erschienen und online erhältlich.

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