Was Brasilien, Stuttgart und Lauffen verbindet
Falsch ausgestiegen? Keine Sorge. "Brasilien" prangt in großen Buchstaben auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Künstler erinnern an einen Nazi-Trick mit einem falschen Bahnhof bei Lauffen und sezieren den Begriff der Attrappe.

Bald ist Endstation für Brasilien: Nur noch bis Mitte kommender Woche prangen die riesigen roten Buchstaben auf dem Dach des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Seit einem halben Jahr erinnert die Künstlergruppe Soup mit dem Schriftzug an jene Bahnhofsattrappe, die von 1940 bis 1943 in einem Feld nahe Lauffen aufgebaut war, um britische Bomberpiloten in die Irre zu leiten. Militärisch war die Operation unter dem Codenamen Brasilien wohl ein Flop. Die Künstler haben mit ihrer Aktion etwas anders im Sinne, als die Erinnerungskultur zu pflegen.
Nächste Woche muss die Leuchtschrift weg
Gleich im vergangenen Spätsommer, die Lettern waren kaum auf das Bahnhofsdach montiert, klingelte bei Kurt Grunow das Telefon. Am Apparat eine aufgebrachte Brasilianerin, die sich kaum beruhigen ließ, erinnert sich der Künstler, der im Stuttgarter Observatorium urbaner Phänomene, kurz Soup, aktiv ist. "Sie fand es unmöglich, dass ihr Heimatland mit dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung gebracht wird." Es war eines von mehreren Missverständnissen, dass die Aktionskünstler ausgelöst und sicher auch einkalkuliert haben.
Ein Nazi-Code, den kaum jemand kent
Brasilien - das war der Nazi-Code für eine riesige Scheinanlage, die Wehrmachtsoldaten ab 1940 auf einem Feld zwischen Lauffen, Brackenheim-Hausen und Nordheim aufbauten. Es war "eine Nacht-Scheinanlage, die ausschließlich nachts sichtbar sein und das Stuttgarter Bahnhofsviertel zeigen sollte", schreibt der Brackenheimer Lokalhistoriker Günter Keller in einem akribisch recherchierten Buch zum Thema. Es gab einen Ring von Flakstellungen, Baracken, Lichter, die Straßenbahnen imitierten, und eine nachts angeleuchtete Attrappe des Stuttgarter Hauptbahnhofes. Was es nicht gibt, sind brauchbare Bilder der Anlage, die in einem Sperrgebiet lag. Für den Teil der Bevölkerung, dem die Umtriebe auf dem Riesenareal trotz der Geheimhaltung nicht verborgen blieben, war es schlicht der "Stuttgarter Bahnhof", betont Keller. "Niemand kannte den Begriff Brasilien."
Attrappen sollten Bomberpiloten täuschen
In Süddeutschland gab es eine Reihe solcher Scheinanlagen, alle trugen sie Namen südamerikanischer Länder wie Peru oder Venezuela. Lauffen war der Name des größten Landes auf dem Kontinent zugedacht, schließlich handelte es sich um das größte Potemkinsche Dorf dieser Art. Das mit dem wenig geläufigen "Brasilien"-Code hantiert wird, ist ein Grund, warum Günter Keller mit dem Stuttgarter Kunstprojekt wenig anfangen kann. Er findet auch, dass die Soup-Aktivisten mit dem historischen Hintergrund allzu hemdsärmelig umgehen.
Kritik am modernen "Fassadismus"
Ein Missverständnis vielleicht auch das. "Wir sind keine Historiker", betont der Stuttgarter Künstler Harry Walter. Brasilien sei "ein Codewort für eine Attrappenstadt, das wir entpacken wollen". Der aktuelle Bezug ist nicht zuletzt Stuttgart 21, das, was die Künstler "Fassadismus" nennen. "Brasilien könnte das Codewort sein für sämtliche Versuche, eine Stadt unmerklich durch ihre Attrappe zu ersetzen", schreibt die Gruppe auf ihrer Homepage.
Der Stuttgarter Hauptbahnhof, der in der aktuellen Phase des Umbaus eine entkernte Hülle ist, sei auch nur eine Fassade, eine Attrappe. So wolle man den Blick schärfen für die Hohlheit mancher "Investorenarchitektur" und in die aktuelle städtebauliche Debatte eingreifen. "Den Begriff weiterdenken, Reflexionsketten in Gang setzen" nennt das Harry Walter, dem noch eine weitere Verbindung einfällt. Brasilia, Brasiliens Hauptstadt, ist am Reißbrett entstanden und im 20. Jahrhundert in den Umrissen eines Flugzeugs in die Landschaft geplant worden. In Stuttgart entsteht mit dem Rosensteinviertel hinter dem Bahnhof im Zuge von Stuttgart 21 ein neuer Teil der Stadt. Die Soup-Künstler wollen eine Städtepartnerschaft anregen, das Kunstprojekt, so hoffen sie, könnte einen Teil dazu beitragen.
Wohin mit den riesigen Lettern?
Zunächst mal aber müssen die XXL-Buchstaben wieder vom Bahnhof geschafft werden. Aufgestellt worden waren sie im Rahmen des Festivals Current - Kunst und urbaner Raum. Die Installation war immer auf Zeit gedacht, mit der Deutschen Bahn als Eigentümerin des Hauptbahnhofs war das so abgesprochen, erzählt Harry Walter.
Doch wohin mit den Großbuchstaben, wenn sie erst mit der Hebebühne Stück für Stück vom Dach geholt sind? "Sie werden erst einmal eingelagert", sagt der Künstler. Nicht ausgeschlossen, dass Brasilien irgendwann an anderer Stelle wieder ersteht. Die Gruppe Soup hatte auch schon überlegt, die Installation auf jene Felder zu stellen, wo einst der Scheinbahnhof aufgebaut war. "Das hätte aber zu sehr nach Militärgeschichte ausgesehen, das ist nicht unser Fokus."
Ob die Brasilien-Aktion viele zum Nachdenken angeregt hat? Die Künstler sind zufrieden, auch wenn viele beim Anblick des Schriftzugs an ein Filmfestival oder an den Urlaub gedacht haben mögen. "Einige haben das sicher gegoogelt und sich über die Hintergründe informiert", sagt Künstler Kurt Grunow. Die Brasilianerin, die sich anfangs am Telefon so bitterlich beschwerte, habe sich schnell wieder beruhigt.
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