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10 Jahre Fukushima: Beben-Folgen in der Region

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Suedlink, Netzbooster, GKN: Die Stromversorgung in Heilbronn-Franken ist im Wandel begriffen. Doch nicht alle Vorhaben stoßen auf allgemeine Zustimmung.

von Heiko Fritze , Christian Gleichauf und Christian Nick
Auf dem Gelände des Atomkraftwerks Neckarwestheim laufen schon die Abrissarbeiten. Dafür wurden eigens die langgestreckten Hallen am Neckarufer errichtet.
Foto: Archiv/EnBW
Auf dem Gelände des Atomkraftwerks Neckarwestheim laufen schon die Abrissarbeiten. Dafür wurden eigens die langgestreckten Hallen am Neckarufer errichtet. Foto: Archiv/EnBW  Foto: GKN

Im Harthäuser Wald drehen sich 18 Windräder. In Kupferzell debattieren die Bürger über den Bau eines Netzboosters. Bei Leingarten und Bad Friedrichshall laufen derweil vorbereitende Arbeiten für die Mega-Stromleitung Suedlink. Und im Atomkraftwerk Neckarwestheim sind die Abrissarbeiten an Block 1 in vollem Gange, während Block 2 nur noch bis Ende nächsten Jahres Strom liefern wird. Zehn Jahre nach der Katastrophe von Fukushima ist die Energiewende in vollem Gange. Auch in Heilbronn-Franken.

Eigentlich ist der Atomausstieg schon rund 20 Jahre alt. Mit dem Atomkonsens zwischen der rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder und den Energieversorgern im Jahr 2000 und der Novellierung des Atomgesetzes zwei Jahre später war schon alles besiegelt. Doch 2010 machte das schwarz-gelbe Kabinett Merkel die Rolle rückwärts, verlängerte die Laufzeiten für die deutschen Atomkraftwerke deutlich. Dann brach der Tsunami über Fukushima, die Welt verfolgte live die Kernschmelze, und in Deutschland folgte im zweiten Anlauf der endgültige Atomausstieg.

Baden-Württemberg hat sein Ziel verfehlt

In Baden-Württemberg hatte Fukushima direkte politische Auswirkungen. Die Grünen wurden auch durch die Eindrücke der Atomkatastrophe stärkste Kraft im Landtag - zweiter Faktor war der Streit um Stuttgart 21 - und stellten mit Winfried Kretschmann erstmals den Ministerpräsidenten. Sein Umweltminister Franz Untersteller (ebenfalls Grüne) versprach, den Anteil erneuerbarer Energien im Land kräftig auszubauen. Zehn Prozent des Stroms sollten bis 2020 allein mit der Windkraft produziert werden. Dieses Ziel wurde deutlich verfehlt: 2019 lag der Anteil bei 5,1 Prozent.


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Lange Hängepartie für Windkraft-Projekte

Warum, das lässt sich auch in der Region gut beobachten. Auf große Pläne des Heilbronner Energieversorgers Zeag für den größten Windpark in Baden-Württemberg folgte eine lange Hängepartie. Bürokratie, artenschutzrechtliche Vorgaben und der Widerstand der Anwohner verzögerten den Bau der Windkraftanlagen im Harthäuser Wald deutlich. Andernorts, wie in Hohenlohe, war es ähnlich. Klagen bremsten so manchen Betreiber aus, vorschnell präsentierte Pläne von Kommunen wurden wieder einkassiert. In einem Fall führte das sogar zur vorübergehenden Stilllegung eines Windrads bei Braunsbach.

Trotzdem steigt der Anteil der erneuerbaren Energien in Baden-Württemberg kontinuierlich. Mittlerweile stammen 31,5 Prozent der Bruttostromerzeugung (2019) aus Sonne, Wind, Wasserkraft, Biomasse und Geothermieanlagen, teilt die Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg mit. Das genügt aber nicht, um die Strommenge zu ersetzen, die wegfällt, wenn spätestens Ende 2022 das GKN II als letzter Meiler in Baden-Württemberg vom Netz geht. 2020 hat dieses Atomkraftwerk rund elf Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt.

Eigentlich sollte dann der fehlende Strom über ein dickes Kabel, die sogenannte Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ), aus dem windreichen Norden in den energiehungrigen Süden übertragen werden. Doch Suedlink wird nicht rechtzeitig fertig. So verwundert es nicht, dass sich auch unter Umweltschützern Bedenken breit machen, ob am Ende der Ausstieg aus der Kernenergie nur einen höheren CO2-Ausstoß zur Folge hat, wenn Kohle- und Gaskraftwerke mehr produzieren müssen.

Hohenlohe führend bei Bioenergiedörfern

Auch im Hohenlohekreis hat sich seit 2011 etwas in Sachen Ausbau und Förderung erneuerbarer Energien getan: Mit vier Bioenergiedörfern rangiert der Kreis diesbezüglich mittlerweile ganz vorne in der bundesdeutschen Statistik.

Anders indes sieht es allerdings bei der Windkraft aus. Denn die hat auch in Hohenlohe gegenwärtig nur wenig Rückenwind: In den vergangenen zehn Jahren sind lediglich elf neue Genehmigungen für Anlagen hinzugekommen - und davon sind fünf bisher noch nicht einmal gebaut. Nur ein laues Lüftchen für die lokale Umsetzung der Energiewende: Denn das Klimaschutzkonzept des Hohenlohekreises geht von einem errechneten Potenzial von rund 200 Windrädern aus.

Doch dieses Ziel scheint in weiter Ferne. Im Spätherbst hat das Landratsamt vier von neun geplanten Anlagen eines Windpark-Projekts zwischen Waldenburg, Neuenstein und Öhringen-Michelbach abgelehnt - und auch anderswo im Kreis stocken Pläne für neue Anlagen. Bisweilen wird der Vorwurf laut, die Behörden ließen sich allzu lange Zeit bei der Genehmigung. Man prüfe Anträge entsprechend des gesetzlichen Auftrags "umfassend und sorgfältig". Außerdem könnten geänderte rechtliche Rahmenbedingungen zu Verzögerungen führen, sagt dazu ein Sprecher des Landratsamts im Hohenlohekreis auf Nachfrage unserer Redaktion. "Mit unnötig langen Bearbeitungszeiten hat dies nichts zu tun."

Kupferzell kämpft gegen den Netzbooster

Zu einem Aufreger-Thema hat sich auch die weltgrößte Stromnetz-Stabilisierungsanlage entwickelt, die Transnet BW in Kupferzell installieren möchte. Gemeinde und eine Bürgerinitiative wollen den Bau, der 2023 beginnen soll, noch mit rechtlichen Mitteln verhindern. Mit dem Netzbooster soll für eine höhere Auslastung des bestehenden Netzes gesorgt und der Bau neuer Stromtrassen so auf ein Minimum reduziert werden.

Weitgehend geräuschlos laufen hingegen die Planungen für das zweite Großprojekt in Sachen Stromversorgung: Weder bei den Infoabenden noch bei der Öffentlichkeitsbeteiligung zur Leitung Suedlink gab es massiven Widerspruch gegen das Projekt - jedenfalls nicht in Baden-Württemberg. In Hessen, Thüringen und Niedersachsen waren die Einwände massiver - und dass die Leitung unter der Erde verlegt statt auf Masten gespannt wird, ist der Intervention von Bayern zu verdanken. Bis einmal der Strom der norddeutschen Windparks im Umspannwerk Großgartach ankommt, werden noch Jahre vergehen. Angepeilt wird 2026 für die Inbetriebnahme. Bis dahin müssen Übergangslösungen helfen. Nicht umsonst hat die Bundesnetzagentur unter anderem die Kohlekraftwerke von Walheim und Heilbronn für systemrelevant erklärt: Sie dürfen nicht abgeschaltet werden. Anders als die Atomkraftwerke.

 
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