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Unfälle und Fäkalien: Firmen kritisieren Zustände im Leingartener Industriegebiet

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Zugeparkte Straßen, Schäden an Fahrzeugen und Grünflächen: Unternehmer im Industriegebiet in Leingarten sind sauer. Für die Zustände sehen sie mit Fuyao einen klaren Verantwortlichen. 


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Es sieht wild aus in der Benzstraße im Leingartener Industriegebiet. Wo ein Grünstreifen sein sollte, ist nur aufgehäufter Schlamm, eine Rasenfläche direkt daneben wurde mit leeren Fässern abgegrenzt. Am Straßenrand stehen verlassene Wohnwagen, Mülltüten liegen herum. Was ist hier los?

„Das liegt auf jeden Fall an Fuyao“, sagt Michael Ziegler, administrativer Leiter der Kurt Betz GmbH. Von seinem Schreibtisch aus im ersten Stock kann er durch ein Fenster die ganze Straße einsehen. Bis Fuyao sich in Leingarten (Landkreis Heilbronn) ansiedelte, sei es immer recht ruhig und ordentlich zugegangen, erzählt Ziegler.

Beschädigungen durch Lkw in Leingartener Industriegebiet: wegen Fuyao?

Seit rund anderthalb Jahren sei das vorbei. Jeden Tag zwängen sich 60 bis 80 Lastkraftwagen durch die kleinen Straßen des Industriegebiets und nehmen die Abzweigung der Benzstraße Richtung Norden. „Wir sehen ja, dass die da hoch fahren“, sagt Ziegler und deutet in Richtung des Firmensitzes von Fuyao. Das chinesische Unternehmen stellt Autoglas her und beliefert unter anderem Audi.

Lastwagen parken in zweiter und dritter Reihe in der Leingartener Benzstraße. Für die Mitarbeiter anderer Firmen ist dann kein Durchkommen mehr.
Lastwagen parken in zweiter und dritter Reihe in der Leingartener Benzstraße. Für die Mitarbeiter anderer Firmen ist dann kein Durchkommen mehr.  Foto: privat

Nun wären viele Lkw an sich noch kein Problem für Ziegler. Sehr wohl ein Problem ist aber, dass die Lkw Straßen zuparken, oft in zweiter Reihe. Ständig komme es vor, dass seine Kollegen bei der Kurt Betz GmbH den Mitarbeiterparkplatz deshalb nicht mehr erreichen. Ärgerlich, wenn man in die Pause will oder Feierabend machen möchte, sagt Ziegler. „Erst nach einem wilden Hupkonzert kommt irgendwann mal ein Fahrer.“

Lkw fahren in Leingarten über Rasenfläche – Grünstreifen beschädigt

Und wenn ein Lkw-Fahrer nicht an seinem Kollegen vorbeikommt, wird eben über den Rasen gefahren. Deshalb sei überall Schlamm, sagt Ziegler und zeigt auf das, was mal ein Grünstreifen war. Seine Firma hat nun Fässer als Hindernisse auf dem Rasen abgestellt. „Das sieht natürlich nicht schön aus“, sagt Kurt Betz. „Auf diesen ganzen Kosten bleiben wir sitzen.“

Immer wieder wird die Rasenfläche der Kurt Betz GmbH in Leingarten von Lkws überfahren. Damit das nicht mehr passiert, hat das Unternehmen Fässer nun aufgestellt.
Immer wieder wird die Rasenfläche der Kurt Betz GmbH in Leingarten von Lkws überfahren. Damit das nicht mehr passiert, hat das Unternehmen Fässer nun aufgestellt.  Foto: Christoph Donauer

Immer wieder räumen Mitarbeiter außerdem Plastiktüten voller Fäkalien weg. Auch an diesem Tag liegt ein gut gefülltes Exemplar auf der Straße. Hinterlassenschaften von Lkw-Fahrern, die am Straßenrand übernachten, sagt Kurt Betz. „Die Fahrer sind bei dieser ganzen Sache am ärmsten dran.“ Trotzdem würde er sich wünschen, dass seine Mitarbeiter ihre Zeit nicht damit verbringen müssen, den Kot anderer Leute beiseitezuräumen. 

Eine Lösung wünscht sich auch Michael Ziegler. „Wir wollen, dass es hier wieder geregelt zugeht.“ Zwar komme das Ordnungsamt immer wieder vorbei, geändert hat sich dadurch aber nichts. Das bestätigt ein weiterer Mitarbeiter der Firma. „Das ist hier ein sehr emotionales Thema, das viele bewegt.“

„Geht einfach nicht“: Auto-Werkstatt beklagt Unfälle mit Fahrerflucht in Leingarten

Direkt an der Abzweigung führt Peter Zornow eine Auto-Werkstatt. Er ist ein gelassener Mann, kommt gerade vom Wochenmarkt, bevor er auf den zerstörten Grünstreifen zeigt. „Diese ganze Situation, das geht einfach nicht“, sagt er kopfschüttelnd. 

Chaos durch parkende Autos ist Zornow durch die nahe Disco „La Boom“ schon immer gewohnt. „Das ist viel besser geworden.“ Doch die Lkw, die für Fuyao liefern, haben ihm schon viel Kopfzerbrechen bereitet und viel Geld gekostet.

Der Grünstreifen in der Benzstraße besteht teils nur noch aus Matsch. Das städtische Ordnungsamt rückte an, um den Schaden zu begutachten.
Der Grünstreifen in der Benzstraße besteht teils nur noch aus Matsch. Das städtische Ordnungsamt rückte an, um den Schaden zu begutachten.  Foto: Christoph Donauer

Sein Firmenschild am Straßenrand wurde umgebogen, ein davor liegender Findling zur Seite geräumt – offenbar, damit ein Lkw über die Grünfläche fahren kann. Sein in der Benzstraße geparkter Anhänger wurde beim Rückwärtsfahren beschädigt, immerhin hat er mithilfe der Polizei und Lackspuren an einem Lkw den Täter gefunden. „Kundenfahrzeuge stellen wir schon gar nicht mehr auf der Straße ab“, sagt Zornow. „Viel zu gefährlich.“

Kritik an Lkw-Fahrern in Leingarten: rückwärts fahren, ohne sich abzusichern

Erst neulich wurde eines seiner Firmenautos beschädigt, allem Anschein nach wieder beim Rückwärtsfahren. „Die fahren rückwärts aus der Straße raus und dann passiert so etwas beim Rangieren“, sagt Zornow. Solche Manöver findet er besonders gefährlich: „Es wird rückwärts gefahren, ohne sich nach hinten abzusichern. Und ich bezweifle, dass die alle mit Kameras ausgestattet sind.“Auf dem Schaden bleibt er sitzen, die Polizei ermittelt gegen unbekannt. Unfallflucht also.

Dieses Auto von Peter Zornow wurde beschädigt, offenbar beim Rückwärtsfahren.
Dieses Auto von Peter Zornow wurde beschädigt, offenbar beim Rückwärtsfahren.  Foto: Christoph Donauer

Mehrmals hat sich der Firmenchef bei der Stadt beschwert, die wiederum an das Landratsamt verweist. „Die Schuld wird vom einen zum anderen geschoben.“ Aus Zornows Sicht müsste das Parken am Straßenrand im Bereich der Abzweigung einfach generell verboten werden, damit Lkw ausreichend Platz zum Rangieren haben. Immer wieder sieht er jedoch, wie Sattelzüge am Straßenrand parken und andere nicht um die Kurve kommen.

Nur müsste ein Parkverbot auch kontrolliert und durchgesetzt werden. Ob er glaubt, dass das passieren wird? das bezweifelt Zornow und lacht.

Stadt Leingarten fast täglich im Industriegebiet im Einsatz

Im Rathaus von Leingarten kennt man die Situation, wie Ordnungsamtsleiter Julian Bahm auf Stimme-Anfrage erklärt. „Die Stadt Leinarten erhält phasenweise immer wieder Anrufe oder E-Mails zu Problemen.“ Manchmal werde mehrmals am Tag angerufen, manchmal gebe es wochenlang keine Beschwerden, erklärt Bahm.

Er selbst und das Landratsamt seien mehrmals gemeinsam in dem Industriegebiet vor Ort gewesen. „Eine zufriedenstellende Lösung gibt es bis dato allerdings leider noch nicht“, sagt Bahm. „Das Ordnungsamt zeigt hier regelmäßig Präsenz vor Ort.“ Ein Mitarbeiter des Ordnungsamts sei fast täglich, manchmal sogar mehrmals täglich, auf Patrouille. 

Auch laufende Ordnungswidrigkeitsverfahren gebe es, die Stadt sei über den kaputten Grünstreifen informiert. Zu Schäden an privaten Grünflächen, Fahrzeugen, Unfällen oder Fahrerflucht gebe es allerdings weder Zahlen, noch könne er sich dazu äußern, sagt Bahm. Über Müll oder Fäkalien sei nichts bekannt. 

Zugeparkte Straßen, kaputtgefahrene Grünflächen und menschliche Fäkalien auf der Straße. Unternehmen beklagen die Zustände im Leingartener Industriegebiet.
Zugeparkte Straßen, kaputtgefahrene Grünflächen und menschliche Fäkalien auf der Straße. Unternehmen beklagen die Zustände im Leingartener Industriegebiet.  Foto: Christoph Donauer

Gespräche mit Fuyao in Leingarten – langfristige Lösung fehlt 

Leingartens Bürgermeister Ralf Steinbrenner habe sich gemeinsam mit dem Ordnungsamt zudem mit Verantwortlichen der Firma Fuyao ausgetauscht, erklärt Bahm. Dabei seien all die Themen angesprochen worden. „Lösungsansätze wurden der Stadt Leingarten aufgezeigt. Im Nachgang an dieses Gespräch gab es nur selten Problemmeldungen“, so Bahm. Ein weiteres Gespräch sei für März geplant. 

Eine langfristige Lösung gebe es jedoch weiterhin nicht, so Bahm. Die Stadt habe „so gut wie keinen Handlungsspielraum, um auf interne Betriebsabläufe einzuwirken“. Und für Maßnahmen im Verkehr wie Halteverbote ist das Landratsamt zuständig. 

Die Behörde war ebenfalls zwei Mal in Leingarten, Ende 2022 und im November 2025. Das bestätigt Sprecher Andreas Zwingmann. „Vertreter zweier an Fuyao angrenzender Firmen gaben an, dass die Lkw für Fuyao auf Abfertigung warten und deshalb vom Firmengelände bis in die Ohmstraße hinausstehen.“ 

Landratsamt Heilbronn spricht sich gegen Halteverbot in Leingarten aus

Ein Halteverbot hält das Landratsamt jedoch nicht für sinnvoll, erklärt Zwingmann. Denn dadurch würde sich das Problem wahrscheinlich verlagern. Außerdem handele es sich bei vielen Lkws nicht um parkendes, sondern um „verkehrsbedingtes Stehen. Dieses kann nicht verkehrsrechtlich geregelt werden.“ In anderen Worten: Das Landratsamt kann dagegen nichts unternehmen. 

Das Unternehmen Fuyao hat die Fragen der Redaktion zur Situation im Industriegebiet unbeantwortet gelassen. 

Man habe zudem keine Möglichkeit, die Betriebsabläufe bei Fuyao zu ändern, sagt Zwingmann. Allerdings betont die Behörde, dass Lkws auf dem Firmengelände abgefertigt werden müssen. Aus Sicht des Landratsamts sei „ausreichend Betriebsfläche vorhanden“. 

Eine ganz andere Lösung schlägt Michael Ziegler vor: Vielleicht brauche es einen eigenen Anschluss an die Landstraße für Fuyao oder eben einen Lkw-Stellplatz in Leingarten. „Oder die Anfahrtszeiten müssen seitens Fuyao anders geplant werden.“ Irgendwas müsse sich jedoch ändern. „Es war alles in Ordnung. Bis Fuyao kam.“

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