Geschichtsträchtiges Dornröschenhaus wird wachgeküsst
Eine Familie saniert das fast 500 Jahre alte Kulturdenkmal an der Weinsberger Kirchstaffel. Ursprünglich war es das evangelische Pfarrhaus. Land, Denkmalstiftung und Lotto Baden-Württemberg fördern die Sanierung.

Es war verborgen. Wer die Kirchstaffel zur Johanneskirche hochstapfte, der nahm gar nicht wahr, dass sich hinter dem "Wald" ein Gebäude versteckte. Ein verwunschenes, das die fünfjährige Edith gleich mit Dornröschen assoziierte. "Können wir das Dornröschenhaus wieder aufwecken?", fragte die Tochter der Familie Juhnke-Wild bei der ersten Besichtigung.
Das geschichtsträchtige und bedeutsame Kulturdenkmal von 1533 am Weinsberger Marktplatz wird nun wachgeküsst. Für die Stadt ein "absoluter Glücksfall", wie Baurechtsamtsleiter Thomas Goth sagt. Die Denkmalstiftung und Lotto Baden-Württemberg haben jetzt den neuen Eigentümern einen symbolischen Scheck über 120.000 Euro überreicht. Eine sechsstellige Förderung im Bereich dieser Größenordnung gewährt auch das Land aus dem Sonderprogramm Wohnen im Kulturdenkmal.
Was von dem 500 Jahre alten Kulturdenkmal alles erhalten ist
"Wow", entfuhr es Judith Wild. "Ich war total fasziniert, als ich das erste Mal reingekommen bin", erzählt die Bauherrin. Von außen habe das ehemalige evangelische Pfarrhaus einsturzgefährdet ausgesehen, innen entdeckte sie gut erhaltene Barock-Ausstattung mit Stuck an der Decke in der ehemaligen Schreibstube. "Alle Fenster sind erhalten", schwärmt Wild, und auch fast alle handgefertigten Scheiben. Die ältesten Fenster mit Bleistegen sind 300 Jahre alt, die jüngsten 100. Im Entree zeigt sie auf den "wunderbaren" Sandsteinboden, der unter einem Teppich hervorkam. Im Obergeschoss ist auch Fischgrätparkett verlegt.
Hinter dem Putz an der Wand wird das Fachwerk freigelegt. Die Jahrhunderte alten Türen werden aufgearbeitet, so wie das Ziertor zum Gewölbekeller. Wiederverwendung finden die intakten Feierabendziegel. Das ist der jeweils letzte handgefertigte Ziegel des Tagwerks, der mit einem Muster versehen wurde.
In dem Haus haben schon viele verschiedene Menschen gelebt
Was Judith Wild ebenfalls begeistert, ist die Historie des herrschaftlichen Gebäudes mit unterschiedlicher Nutzung und vielen Besitzern. "Der erste Bewohner war ein Freund Luthers, die letzte Bewohnerin eine Bildhauerin", spannt Thilo Juhnke-Wild den Bogen durch fast fünf Jahrhunderte. All das hätten sie und ihren Mann im Kauf bestärkt, sagt Judith Wild. Für ihren Mann ist das verfallene Kulturdenkmal, das rund 40 Jahre leerstand, erhaltenswert. "Es ist ökologisch und ökonomisch unsinnig, es abzureißen", sagt Juhnke-Wild.

Es ist schon eine kuriose, für Professor Dr. Claus Wolf, Vorstandsmitglied der Denkmalstiftung Baden-Württemberg, eine "traumhafte" Geschichte, wie das Ehepaar zum Käufer wurde. Die Stadt sah 2014 die Standfestigkeit des Hauses, das einer weit verstreuten Erbengemeinschaft gehörte, gefährdet und fühlte sich zum Handeln gezwungen. Die Abbruchgenehmigung wurde in die Wege geleitet. Das Architekturbüro Weinreich aus Neckarsulm sollte die Dokumentation erstellen. Statt sich mit dem Abbruch zu beschäftigen, beschlossen Ende 2021 Weinreich-Projektleiter Thilo Juhnke-Wild und seine Frau, das Wagnis einzugehen. "Wunderbar, dass das so geklappt hat", ist Wolf begeistert. Dieses Denkmal von herausragender Bedeutung für die Stadt niederzureißen, wäre ein herber Verlust gewesen, fügt er hinzu.
Es gibt mehr Förderung als üblich
Lotto-Regionaldirektor Christoph Grüber freut sich, dass es noch Bürger gibt, die sich für den Denkmalschutz engagieren. Für dieses wertvolle Kulturdenkmal legten die Förderer 20.000 Euro mehr auf den Tisch als üblich. "Die Abbruchkosten hätten bei weitem den Wert des Grundstücks überstiegen", weiß Thomas Goth. Die Arbeiten hätten an diesem Standort von Hand ausgeführt werden müssen.
35 Kubikmeter Grünschnitt kamen am und um den Renaissance-Bau herum zusammen, 20 Tonnen Schutt wurden aus dem Gebäude herausgekarrt. 1000 Stunden Eigenleistung haben die Bauherren schon erbracht. Ein Großteil steckt in der Planung. 300 Seiten dick ist der Maßnahmenkatalog von Architekt Hans-Dieter Weinreich, der sich aus Gutachten und Auflagen für den Denkmalschutz ergibt. Anfang 2025 wollen die Juhnke-Wilds das erste Obergeschoss beziehen. Dann sollen auch das Büro und die kleine Ferienwohnung im Erdgeschoss sowie die große Wohnung im zweiten Obergeschoss fertig sein. Im unteren siebenstelligen Bereich liege die Investition, so Juhnke-Wild.
Ein Gebäude mit wechselvoller Geschichte
Die Familie Juhnke-Wild hat die wechselvolle Geschichte des Kulturdenkmals zusammengetragen. 1525 brannte die Hofstelle des Pfarrers an "Blut-Ostern" ab. 1533 wurde auf den Kellern des Vorgängerbaus das evangelische Pfarrhaus errichtet. Der erste Bewohner war Reformator und Luther-Freund Johannes Geyling, der von 1534 bis 1547 Pfarrer in Weinsberg war.
Im 17. Jahrhundert erfolgten mehrere Baumaßnahmen und Renovierungen, weil das Haus etwa 20 Zentimeter den Berg abgerutscht war. Den zweiten großen Stadtbrand 1707 überstand das Gebäude, das aber so marode war, dass es der neue Stadtpfarrer Joseph Maiblanc 1715 nicht bezog. Zum miserablen Zustand kamen weitere Setzungen. Aufgrund der hohen Kosten wurde ein Neubau verworfen.

Stadtschreiberei und Kameralamt: Diese Funktionen hat das Haus
1741 gab es einen neuen Besitzer, vor 1811 einen weiteren durch Stadtschreiber Zeller. Bürgermeister Carl Planck kaufte 1814 die Stadtschreiberei von den Zellerschen Erben, drei Jahre später wurde dort das Kameralamt mit Diakon-Wohnung angesiedelt. Durch Tausch erwarb 1899 Stadtschultheiß Carl Seufferheld das Haus, in dem dann Heinrich Seufferheld ein Atelier einbaute. 1944 zog Albert Volk ein, der 1972 das Anwesen kaufte.
Volk starb im Jahr 1982 und seitdem, so die Recherchen der heutigen Eigentümer, steht das historische Gebäude leer. Die letzte Besitzerin starb 2015. 2021 stellte die Stadt dann den Abbruchantrag.
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