Pfarrer Alexander Köhrer: "Was wird denn mein letztes Wort sein?"
Pfarrer Alexander Köhrer hat seinen Traum wahr gemacht und dort gearbeitet, wo sein großes literarisches Vorbild geboren wurde. Ende April hat der 59-Jährige seine Gemeinde in Langenbeutingen verlassen. Ein Gespräch über Gedichte, den Tod und das Geheimnis des Lebens.

Was ist das Besondere an Albrecht Goes?
Alexander Köhrer: Wenn der Mensch ihn liest, kann er ihn einfach nicht weglegen. Der packt einen, hat etwas Unmittelbares, wo er mich trifft. Es ist eine Faszination, wenn er etwas ausspricht, was sofort einen Erkenntnisgewinn darstellt.
Wer sich mit Goes beschäftigt…
Köhrer: …scheitert erst einmal. Er ist ein Dichter, weil er nur dicht schreiben kann. Das ist alles so verdichtet, dass viele kapitulieren, weil in einem Satz so viel ist.
Wie bekommt man es hin, ihn zu verstehen?
Köhrer: Er hat eine ganz eigene Melodie, eine eigene Syntax. Manchmal stolpert man sprachlich. Das muss man wissen. Wenn man aber die Sprache mal draufhat, fällt man nicht mehr raus. Wenn man diesen Ton hat, dann kann man sich viel leichter auf die Sätze einstellen und vielleicht erst einmal lesen und warten, bis so ein Schlüsselsatz kommt.
Zum Beispiel?
Köhrer: Es geht um die Frage, wie gehen wir Deutschen mit unserem Erbe der Jahre 1933 bis 1945 um? Goes sagte: "Zuweilen muss einer da sein, der gedenkt." Mehr verkraften wir nicht.
Welcher Satz von Goes beeindruckt Sie am meisten?
Köhrer: Mich traf schon: "Als wir im Thujabaum schaukelten einst." Das war so ein Satz. Und das dann mit Auschwitz endet. Ich halte "Die unablösbare Kette" für das Gedicht des 20. Jahrhunderts. Das gehört für mich zu den zehn besten Gedichten.
Was war der Anlass für Sie, mit dem Schreiben anzufangen?
Köhrer: Da gibt es nie einen Anlass. Man kann nicht nicht. Da ist man vielleicht 13 Jahre alt und fängt an, Gedichte zu schreiben.
Das war bei Ihnen so?
Köhrer: Ja.
War Goes der Auslöser?
Köhrer: Goes kannte ich nur als Wort. Mein Großvater war bei der Wehrmacht. Die haben nach 1945 alle ihre Sprache verloren. Die haben so viel Schlimmes erlebt. Goes war der Einzige, der für sie eine Sprache hatte. Er hat das alles ausgesprochen.
An einer Stelle Ihres Gedichtbuches beschreiben Sie eine türkische Pflegekraft, die einer alten Frau die Windeln wechselt. Wie kam es dazu?
Köhrer: Gedichte haben immer einen Keimmoment. Was die alte Frau von der Pflegekraft mit Kopftuch in einer so besonderen Weise erfahren durfte, das ist schon ein Gedicht. Da kommt alles zusammen. Und dann mit dem Schlusssatz im Gedicht: "Jesus kann auch Kopftuch tragen."
Haben Sie sich Gedanken gemacht, wie das mit Ihnen sein wird, wenn Sie älter sind?
Köhrer: Immer. Das ist eine Berufskrankheit. Mein erster Gedichtband heißt "Seelsorgegedichte". Dort habe ich viele solcher Situationen. Bei einer war es so, dass die Angehörigen nach der Aussegnung eines Verstorbenen das Zimmer nur mit einer Tüte verlassen haben. Die gehen mit einer Tüte aus dem Zimmer! Das ist alles, was übriggeblieben ist. Und selbst die wird noch weggeworfen.
Haben Sie sich Gedanken über Ihren eigenen Tod gemacht?
Köhrer: Der Sterbende aus dem Gedichtband hat nur einen Satz oder ein Wort gesagt. Da kam bei mir die Frage auf: Was wird denn mein letztes Wort sein? Das würde mich interessieren.
Die Frage ist auch, wie stirbt man?
Köhrer: Da gibt es das Erstaunliche wie beispielsweise, wenn einer bei einem Autounfall stirbt. Da gibt es Millisekunden, da läuft auch schon etwas ab. Was, wissen wir auch nicht. Diese Momente, wenn wir äußerlich tot sind, da muss etwas passiert sein zwischen Himmel und Erde, was wir nicht wissen.
Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Pfarrer geworden wären?
Köhrer: Architekt. Dirigent. Ich wollte schon immer Dirigent werden. Ich konnte es mir nicht vorstellen. Wie wird jemand Dirigent? Pfarrer kann man sich eher vorstellen.
Spielen Sie ein Musikinstrument?
Köhrer: Cello.
Ein Dirigent leitet das Orchester oder den Chor, ein Pfarrer den Gottesdienst.
Köhrer: Absolut. Wenn Sie mich sehen würden, wie ich den Gottesdienst leite. Ich stehe immer am Altar. Von dem geht alles aus. Gartenarchitekt ist eher das kreative Moment. Das Gestalten. Eine Gemeinde ist nichts anderes. Der eine kann ganz gut Jungschar, der andere gut einen Seniorennachmittag organisieren. Ein Garten ist nichts anderes. Wo wächst was? Welcher Standort ist der Beste?
Apropos Senioren. Viele ältere Menschen vereinsamen, verbringen ihre Tage vor dem Fernseher.
Köhrer: Da passiert viel Verstecktes. So viel zum Thema: Bedeutung des Glaubens, Bedeutung der Religion. Einsamkeit ist ein zunehmendes, trauriges Phänomen. Fast schon so, dass sich jeder fast doch am liebsten um sich selbst kümmert. Wobei, ich muss zugeben: Kümmere ich mich um meine Mutter? Da muss ich selbstkritisch sein.
Wie macht man es denn besser?
Köhrer: Wir machen es besser, wenn wir sagen, dass das Geheimnis des Lebens die Erfüllung ist, dann ist das die Spur. Wenn wir als Dorf das Dorffest halten, dann würde ich sagen, ist die Erfüllung die Gemeinschaft.
Menschen in Pflegeberufen beschreiben oft, wie viel Sie von älteren Menschen zurückbekommen.
Köhrer: Diese Menschen sind am Geheimnis des Lebens dran. Die haben"s kapiert. Man muss nur aufpassen, dass sie nicht zu viel von sich hergeben. Aber dann ist es die absolute Erfüllung, wenn es zurückkommt.
Aber was ist denn das Geheimnis des Lebens?
Köhrer: Es besteht in der Erfüllung. Dieser Moment, an dem ich einem Menschen etwas geben konnte und ich spüre, in dem Augenblick gibt er mir etwas zurück, das ist der Moment. Ich fühle mich erfüllt, wenn durch mich etwas geschehen ist. Wo ich etwas geben konnte. Aber auch dieses Beschenktwerden, das man sehr schwer darstellen kann. Man geht heim und weiß, das war etwas, das mir gegeben wurde. Ich möchte andere Berufe nicht abqualifizieren. Das wäre gemein. Aber Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten, können sagen, da kam sehr viel zurück.
Kennen Sie solche Beispiele?
Köhrer: Die Patientin, der damals die Windeln gewechselt wurden. Die ist jetzt im Pflegeheim. Von ihr habe ich diesen wertvollen Satz gelernt: "Ich nehme jeden Tag an, wie er kommt." Ist das toll. Das will ich auch. Oder: "Ich träume davon, alt zu werden, ohne bitter zu werden." Da kann man ganz viel lernen.
Wie soll es bei Ihnen sein, wenn Sie alt sind?
Köhrer: Ich träume davon, dass auch ich glücklich alt werde. Und ich muss an meiner eigenen Person zeigen, ob es mir gelingt oder nicht.
Wären Sie nicht gerne länger in Langenbrettach geblieben?
Köhrer: Ich danke meiner Frau, dass sie mir das ermöglicht hat. Wir wohnen zusammen in einem Haus. Und das ist 120 Kilometer entfernt. Das macht man nicht jeden Tag. Wir müssen uns zwei Mal die Woche verabschieden. Irgendwann ist es genug.
Zur Person
Alexander Köhrer wurde 1963 in Kirchheim/Teck geboren. Nach dem Abitur begann er eine landwirtschaftliche Lehre in Oberbayern. Sein Theologie- und Rhetorik-Studium führte ihn nach Tübingen und Basel. 2003 wurde Köhrer Pfarrer von Rottenburg und 2013 Studienleiter zur Ausbildung von Vikaren. Er war fünfeinhalb Jahre Pfarrer in Langenbeutingen. Gemeinsam mit seiner Frau lebt er in Rottenburg (Landkreis Tübingen). Der 59-Jährige hat vier Bücher geschrieben.
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