Oliver Maria Schmitt im Interview: "Die Satire darf alles. Sie darf nur nicht langweilen"
Der Autor Oliver Maria Schmitt über das Handwerk für den intelligenten Witz, warum es ihm lieber ist, wenn andere lachen, und warum das Heilbronner Hasenmahl die eindrucksvollste Ü-70-Veranstaltung ist, die er je erlebt hat.

Deutscher Humor sei nichts, worüber man lachen kann, soll Mark Twain gesagt haben. Sind wir ein Volk notorischer Spaßbremsen? Mit Humor, Scherz und Satire kennt Oliver Maria Schmitt, Autor und einst Chefredakteur der "Titanic", sich aus. Dabei kann der gebürtige Heilbronner durchaus ernst sein.
Satiriker, Humorist, Nestbeschmutzer: Als was würde sich Oliver Maria Schmitt bezeichnen?
Oliver Maria Schmitt: Als weder noch. Mit dem Nestbeschmutzer kann ich schon gar nichts anfangen. Schließlich hält niemand die zerschlissene Heilbronner Fahne so hoch wie ich. Ich bin das lebende Testimonial der Stadt, das von Frankfurt aus weltweit operiert. Dass man diesen Einsatz mit "Nestbeschmutzer" gedankt bekommt, sagt mehr aus über die Befindlichkeit der Stadt Heilbronn als über mich.
Dabei ist Humor die Begabung, der Unzulänglichkeit der Welt und ihrer Bewohner mit Gelassenheit zu begegnen. Eine innere Haltung zum Leben. Herr Schmitt, wie ist Ihre Stimmung?
Schmitt: Ganz normal verzweifelt. Das ist meine Grundstimmung. Weil ich die Dinge, die ich schreiben möchte, noch nicht fertig habe und Leute darauf warten, derweil ich auf andere Dinge warte. Dieser Verzweiflung kann man nur begegnen, indem man sich in den Humor rettet oder in den Alkoholismus. Oder in Arbeitswut. Oder Beziehungskrisen. Ich versuche, das mit Humor aufzufangen, eine Art Selbstschutz.
Es heißt, humorvolle Menschen sind intelligenter.
Schmitt: Kann ich nicht bestätigen. Es zählt vielmehr die Frage, was man als Humor bezeichnet. Humor ist der verbreitetste Soft Skill, den ein Mensch haben sollte. Schauen Sie sich Partnerschaftsanzeigen an. Da ist eine stets zitierte Eigenschaft, dass einer Humor besitzt - und einen Partner mit ebensolchem sucht.
Scheint ein menschliches Bedürfnis zu sein.
Schmitt: Wenn das darin mündet, sich auf dem Sofa in den dritten Programmen regionale Karnevalssendungen anzuschauen, finde ich das eine deprimierende Form von Humor. Genauso wie ich bezweifle, ob hinter aggressiven Witzeerzählern oder unerträglichen Comedians von Bülent Ceylan bis zu Mario Barth wirklich Humor steckt.
Satire ist Humor, der die Geduld verliert. Wo liegen die Grenzen der Satire? Die alte Tucholsky-Frage.
Schmitt: Man kann Grenzen weder geschmacklich noch inhaltlich setzen, das wäre Zensur. Aus unserer historischen Erfahrung heraus hat die Rechtssprechung die Satire und ihre Erscheinungsformen unter den Kunstvorbehalt gesetzt. Die Kunstfreiheit ist vorgeschaltet. Es muss uns möglich sein, Dinge zu sagen, zu äußern in Bild, Text und Ton, die im sogenannten eigentlichen Sprechen nicht möglich wären. Die ironisch überspitzte, ziselierte Form ist eine Fachsprache. Wer in Codes spricht, ist notorisch missverständlich. Um die alte Tucholsky-Frage zu beantworten: Die Satire darf alles. Sie darf nur nicht langweilen.
Was ist dran am sich hartnäckig haltenden Ruf der Deutschen, sie hätten keinen Humor?
Schmitt: Ich glaube nicht an diese Selbstkasteiung, da ich viel reise und andere Länder lachen sehe. Wenn man die deutsche Fernsehlandschaft, die deutsche Podcastlandschaft und die Literatur- und Satirelandschaft anschaut, muss man sagen, dass wir hier eine sehr reiche, um nicht zu sagen verschwenderische Grundausstattung mit Komik und komisch Gemeintem haben, die hinter der anderer Länder nicht zurücksteht.
Und die Qualität des Humors ...
Schmitt: ... hat sich im internationalen Vergleich angeglichen. Das war in der Nachkriegszeit anders, als man in England schon die Goon Show hatte, die Vorläufer der Monty Pythons, und bei uns noch Heinz Erhardt mit Hundeblick durchs Fernsehen dackelte, da konnte man über diese Diskrepanz herziehen.
Was hat der Rheinländer, das der Schwabe nicht hat?
Schmitt: Der Rheinländer hat vor allem einen großen, offenen Mund, den er mit obergärigem Bier befüllt und aus dem er prustend herauslacht. Wenn der Rheinländer eine Veranstaltung besucht, die Humor und Lachen verspricht und, sagen wir, 20 Euro Eintritt kostet, geht er rein, setzt sich in die erste Reihe. Und wenn dann das erste Angebot kommt mit nur einem Hauch von Witz, lacht er brüllend los. Weil der Rheinländer für sein Geld etwas geboten bekommen möchte.
Und der Schwabe?
Schmitt: Da geht schon mal die Hälfte nicht zu einer Veranstaltung, die 20 Euro kostet. Und die andere Hälfte sitzt drin und überlegt, wie ist das jetzt gemeint, ist das lustig? Auf diese Prozesse, die da im Hirn ablaufen, kann sich aber der Schwabe naturgemäß einlassen. Robert Gernhardt hat einmal festgestellt, dass bei seinen Lesungen im Rheinland ganz viel gelacht, aber wenig hinterher am Büchertisch verkauft wird.
Sagen Sie jetzt nicht, dass dem Schwaben das Geld locker in der Hosentasche sitzt.
Schmitt: Laut Gernhardt verhält es sich tatsächlich umgekehrt. In Schwaben wird wenig gelacht, dafür werden hinterher viele Bücher gekauft. Ich nehme an, die haben einfach nicht alles verstanden und wollen es zu Hause in Ruhe nachlesen.
Apropos lachen. Haben Sie heute schon gelacht?
Schmitt: Kann sein. Mir ist es lieber, wenn andere lachen. Und ich schaue dann, was daran lustig war.
Ein überlegter Scherz war Ihre Kandidatur für das Amt des OBs 2012 in Frankfurt mit einem Achtungserfolg von immerhin 1,8 Prozent der Stimmen. Nun waren Sie, der Autor des Kolumnenbandes "Wenn schon tot, dann in Heilbronn", im Januar tatsächlich zum Hasenmahl eingeladen. Eine Empfehlung für die nächste Oberbürgermeisterwahl?
Schmitt: Das höre ich natürlich gerne. Ich glaube auch, wenn Harry Mergel in 16 Jahren, so lange möchte er meines Wissens im Amt bleiben, einen noch unfähigeren Nachfolger sucht, dann würde ich bereit stehen. Ich habe die Einladung als große Ehre empfunden, befremdend war die damit einhergehende Mitteilung, dass man nun zum alten Eisen gehört. Es war die eindrucksvollste Ü-70-Veranstaltung, die ich je erlebt habe. Das Essen war vorzüglich.
Und die Stimmung inmitten all der wichtigen Persönlichkeiten?
Schmitt: Man hat mich an den Kindertisch gesetzt mit Sibel Kekilli und noch ein paar anderen unter 50. Es war ein gemütlicher Abend.
Kannten Sie Sibel Kekilli?
Schmitt: Nein, nicht persönlich.
"Humor, Scherz, Satire, ...
Schmitt: Ironie und schiefere Bedeutung...
fast richtig, es heißt "tiefere Bedeutung"...
Schmitt: ist glaube ich der Titel einer Komödie...
von Christian Friedrich Grabbe...
Schmitt: und das Handwerk für den intelligenten Witz. Gewitzt im Sinne, dass etwas Helles und Schnelles durch den Raum geistert, etwas Anspielungsreiches. Der gute Witz braucht eine gewisse intellektuelle Unterfütterung, sonst ist er einfach nur Comedy oder Slapstick - wogegen nichts einzuwenden ist. Der gelehrte Witz allein ist genauso langweilig wie Menschen, die nur auf Bananenschalen ausrutschen. Das Blöde, Schwachsinnige, Stumpfe hat seine Berechtigung. Wenn man aus allem eine gute Mischung macht, kann daraus etwas sehr Unterhaltsames entstehen.
Wohin führen falsche Rücksichten einer woken Gesellschaft?
Schmitt: Ich weiß nicht, was falsche Rücksichten sind. Rücksicht bei Satire ist erst einmal nicht angebracht. Sie greift allerdings da, wo die Satire jemanden in dessen Wesenhaftigkeit beleidigt und herabsetzt. Satire ist der Notnagel für den Schwächeren, den Stärkeren zu verlachen. Wenn man das umdreht und der Stärkere den Kleinen verlacht oder Leute aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe und anderer Merkmale, für die sie nichts können, dann ist das kein gutes Lachen. Satire soll die Mächtigen, die Imperatoren, die Politiker, die Reichen gnadenlos verwitzeln. Das ist die einzige Notwehr, die man hat.
Wurde in der Familie Schmitt munter gewitzelt?
Schmitt: Gegen Scherze hatte niemand was einzuwenden. Am wenigsten meine Mutter. Sie war und ist noch ein unerschöpflicher Quell von Zitaten, Gedichten und komischen Sprüchen. Ringelnatz und das große Wilhelm-Busch-Album legte sie mir auf den Nachttisch. So gab es sogar im trüben Heilbronn der 70er Jahre was zu lachen.
Zur Person
1966 in Heilbronn geboren, war Oliver Maria Schmitt in den 1980er Jahren Sänger und Gitarrist der Heilbronner Punkband Tiefschlag. Nach dem Abitur am Robert- Mayer-Gymnasium studierte er Rhetorik und Kunstgeschichte in Tübingen und Leeds. Er war von 1995 bis 2000 Chefredakteur des Satiremagazins "Titanic" und ist seit 2006 Mitherausgeber.
Schmitt veröffentlicht als freier Autor in der "Titanic", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Süddeutsche Zeitung", "taz", "konkret", "Der Spiegel" und "Die Zeit". Der Reisefreudige ist Kolumnist bei "GEO Saison" und lebt seit 1992 in Frankfurt.
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