Deutsch-Abiturprüfungen zwischen Duden und Desinfektionsmittel
Gymnasium, Realschule und Werkrealschule waren am Mittwoch mit den Abschlussprüfungen im Fach Deutsch an der Reihe. Corona wirkte sich auf die Vorbereitung und den Prüfungsort aus. Geschrieben wurde in Hallen und Klassenzimmern.

Es war der Deutsch-Tag des Schuljahrs: In diesem Fach haben am Mittwoch Hunderte Schüler in der Region ihre Prüfungen geschrieben. Abiturienten waren in Deutsch genauso gefordert wie Jugendliche, die den Abschluss an einer Real- oder Werkrealschule anpeilen. Für die jungen Leute sind es Prüfungen in besonderem Umfeld.
Ein psychologischer Unterschied
Duden und Desinfektionsmittel - das gibt es in der Neckarsulmer Ballei, wo die Jugendlichen des Albert-Schweitzer-Gymnasiums ihre Klausur ablegen. "Ich finde es angenehm", sagt Vanessa Sellheier. Eine Uhr war stets zu sehen, Toiletten gab es reichlich. "Wir hatten den Überblick." In der corona-schulfreien Zeit machte sie sich wegen der Prüfungen Sorgen, die Tage in der Schule beruhigten aber. "Es hat schon psychologisch einen Unterschied gemacht." Anjana Ketheswaran findet die Regelung, zu den großen Prüfungen in die Sport- und Kulturstätte zu kommen, ebenfalls sehr gut. "Es ist etwas ganz anders. Man nimmt es ernst." Während gut 100 Jugendliche in die Ballei gehen, schreibt eine Gymnasiastin in der Schule. Sie hatte Kontakt zu einer Person, die mit dem Corona-Virus infiziert ist. Die Auflagen zur Prüfung sind hoch. "Das Gesundheitsamt war sehr kooperativ", dankt Direktor Marco Haaf.
Viele waren noch im Ferienmodus

In Heilbronn geht das Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium in die Turnhalle. "Wir wollten eigentlich im Haupthaus schreiben, aber wir haben die ganze Turnhalle, und da ist Platz für alle 72", erklärt Schulleiter Christoph Zänglein. Weil der Deutsch-Unterricht vor der Abi-Prüfung schon in der Halle stattgefunden hat, konnten sich Jugendliche wie Jian Nabipour an das Umfeld gewöhnen. Er selbst hat vor der Prüfung ein "komisches Gefühl", nach ein paar Minuten fühlt es sich aber an wie ein normale Klausur - "mit größeren Abständen". Auch Jahrgangskameradin Rebecca Enulescu ist aufgeregt. "Die meisten waren noch im Ferienmodus."
Die Selma-Rosenfeld-Realschule in Eppingen bleibt bewusst in ihrem Gebäude. Aus Sicht von Schulleiterin Silke Döll kommt das den Schülern entgegen. "Es ist ein Umfeld, in dem sie sich wohlfühlen." Auch die 51 Weinsberger Realschüler schreiben die Prüfung verteilt auf vier Klassenzimmer. Rektorin Rita Eichmann sagt: "Das ist schülerfreundlicher." Die Chefin der Weibertreuschule sagt auch: "Ich habe den Eindruck, dass unsere Schule sicherer ist als jeder Supermarkt." Allgemein darf ohne Maske keiner ein Klassenzimmer verlassen. Auch auf Abstände werde sehr geachtet. Zu schaffen macht Eichmann etwas, das sie "Informations-Overflow" nennt, speziell vor den Prüfungen. Ständig müsse aktualisiert werden, "was von oben kommt". Und: "Die Halbwertszeit von Infos ist kurz."
Ein wenig nervös ist man immer
Er hat zwar schon viele Abiturprüfungen organisiert, dennoch: "Man ist immer ein wenig nervös", sagt Jürgen Kovács, Schulleiter des Weinsberger Justinus-Kerner-Gymnasiums. "Dieses Mal haben die Umstände die Nervosität verstärkt." Als am Morgen klar ist, dass keiner der 81 Abiturienten mit Symptomen vor seinen Aufgaben in der Weibertreuhalle sitzt und alles seinen gewohnten Gang gehen kann, ist der Oberstudiendirektor erleichtert. Vor dem Prüfungsstart hatten er und Stellvertreter Bernd Eckstein mit Meterstäben in der Sporthalle ausgemessen, in welchem Raster die Tische zu stehen haben, damit die zwei Meter Abstand gewahrt bleiben. Ein Novum 2020 ist, dass jeder Schüler für die Prüfungen einen separaten Duden bekommt. Bisher lag immer eine Handvoll aus. Er sei ein "Fan der Halle", sagt Jürgen Kovács: "Es gibt einen sehr großen Luftraum, und es ist nicht unruhiger als im Klassenzimmer."
So sieht das auch Enrico Heiß, als er um kurz vor 14 Uhr die Halle verlässt, in der er fünf Stunden saß. Siebeneinhalb Seiten hat er vollgeschrieben. Der 17-Jährige hat den Essay als Thema gewählt. Dass er in der Vorbereitungsphase coronabedingt einige Wochen zu Hause büffeln musste statt in der Schule, kam ihm sogar zupass: "Mit meinem ursprünglichen Zeitplan wäre es knapp geworden. So hatte ich mehr Zeit." Der Kontakt zur Lehrerin sei online sehr gut zu halten gewesen. Amelie Hirth nickt. Dass sie länger im stillen Kämmerlein statt in der Schule gelernt hat und dass das Abitur später als geplant über die Bühne geht, sei nicht so tragisch. Viel schlimmer hätte es die 18-Jährige gefunden, wenn die Prüfung ein weiteres Mal geschoben worden wäre oder wenn es ein Abitur ganz ohne Prüfung gegeben hätte. "Man will sich das ja verdienen." Joshua Rosemann ist der letzte Schüler, der die Weibertreuhalle verlässt. "In so einem großen Klassenzimmer war ich noch nie", sagt er und grinst. Er findet es gut, dass alle in ein- und demselben Raum Abitur geschrieben haben. "Da entsteht ein Gemeinschaftsgefühl."
Planung ist erschwert
"Ganz normal abgelaufen" ist die erste Prüfung für Patricia Pieckoczek von der Richard-von-Weizsäcker-Schule in Öhringen. "Wir hatten ja beinahe einen Monat mehr Zeit." Mit Abstand schreiben die Schüler in ihren Klassenzimmern, nur für den Gang auf die Toilette muss eine Maske getragen werden. Eine mildere Bewertung kann sich die 18-Jährige nicht vorstellen: "Die Prüfungen haben ja normal stattgefunden, deswegen sollten sie auch normal bewertet werden." Dass die Universitäten noch nicht festgelegt haben, wann das Semester beginnt, ist der Mulfingerin egal: "Ich möchte mir ein Jahr für mich nehmen und reisen. Ob das geht, bleibt abzuwarten." Anders ist es für Jasmina Uremovic. Sie möchte gleich in in Tübingen studieren. Dass sie noch nicht weiß, wann sie ihr Zeugnis bekommt, erschwert die Planung. "Wenn es das Zeugnis erst im August gibt, wird es bis Oktober ganz schön sportlich, eine Wohnung zu finden", sagt die 18-Jährige.
Abiturprüfungen
Insgesamt etwa 47.400 Schüler nehmen an der diesjährigen Abiturprüfung teil, davon rund 29.500 Prüflinge an einem allgemein bildenden und rund 17.900 Prüflinge an einem beruflichen Gymnasium. Am Mittwoch ab 9 Uhr wurde an den allgemein bildenden und an den beruflichen Gymnasien das Abitur im Fach Deutsch geschrieben. Bis 14.15 Uhr saßen die Schüler an ihren Aufgaben. Für deren Bearbeitung, einschließlich Einlesezeit, standen 315 Minuten zur Verfügung.
Aus fünf vorgelegten Aufgaben musste eine ausgewählt und bearbeitet werden. An den allgemein bildenden Gymnasien standen folgende fünf Aufgaben zur Auswahl:
Aufgabe 1: Interpretation einer Textstelle aus E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Der goldne Topf“ und vergleichende Betrachtung mit Hermann Hesses Roman „Der Steppenwolf“. Untersucht werden soll, ob und inwieweit die Hauptfiguren der beiden Texte, Anselmus und Harry Haller, von Sehnsucht bestimmt sind. Dabei soll eine These von Wilhelm Raabe (1800-1845) erörtert werden, nach der „des Menschen Herz [...] am glücklichsten sein [kann], wenn es sich so recht sehnt“.
Aufgabe 2: Eine vergleichende Interpretation zu den Gedichten „Im Spätboot“ von Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) und „Rückkehr“ von Stefan George (1868-1933).
Aufgabe 3: Interpretation der Erzählung „Im Verfolg städtebaulicher Erwägungen“ von Johannes Bobrowski (1917-1965).
Aufgabe 4: Verfassen eines Essays auf der Grundlage eines vorgelegten Dossiers mit verschiedenen Texten zum Thema „Meine Handschrift – meine Visitenkarte?“.
Aufgabe 5: Analyse und Erörterung des Textes „Lob der Blase“ von Jens Jessen, der am 26. September 2018 in „Zeit Online“ erschienen ist.
Die Aufgaben 1 und 3 standen ebenfalls an den beruflichen Gymnasien zur Auswahl, darüber hinaus folgende Aufgaben 2, 4 und 5 (auch hier insgesamt fünf Aufgaben):
Aufgabe 2: Eine vergleichende Interpretation zu den Gedichten „Im Sommer“ von Sarah Kirsch (1935-2013) und „Wie freu ich mich der Sommerwonne!“ von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874).
Aufgabe 4: Erstellung eines Essays auf der Grundlage eines vorgelegten Dossiers mit verschiedenen Texten zu dem Thema „Heimat“.
Aufgabe 5: Analyse und Erörterung des Textes „Er muss zupacken, sie loslassen!“ von Violetta Simon (veröffentlicht in: Süddeutsche Zeitung, 20.11.2018). Die Schüler setzen sich kritisch mit dem Text der Verfasserin auseinander und erörtern darüber hinaus, wie eine geschlechtergerechte Arbeitswelt aussehen könnte.


Stimme.de
Kommentare