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„Sturm auf Weinsberg"
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Historisches Schauspiel am Samstag: Lagerleben macht Bauernkrieg von 1525 lebendig

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Kämpfe, alte Handwerkskunst und ein detailreiches Bauernlager machen an diesem Wochenende Geschichte greifbar. Drei Kommunen erinnern gemeinsam an den Aufstand von 1525. Auftakt war am Freitag in Neckarsulm.

Von Ute Plückthun

Eine große Wahl hat Oberbürgermeister Steffen Hertwig auf der Wiese beim Schützenheim nicht. „Als Schultheiß der kleinen Stadt stehe ich nun vor euch und soll mich euren Zwölf Artikeln anschließen“, stellt er als Stadtoberhaupt von 1525 in historisch rotem Gewand mit fransigem Tellerbarrett und schwerer Amtskette fest. Zumal die aufständischen Bauern mit ihren Forderungen nach Gerechtigkeit, Abschaffung der Leibeigenschaft, freier Pfarrerwahl oder weniger Abgaben und Dienste auch schon in den Reihen der Neckarsulmer Anhänger gefunden haben.

500 Jahre Bauernkrieg: Geschichte von 1525 wird in Neckarsulm erlebbar

Ihm gegenüber steht der Neckartaler Haufen mit ihrem Anführer Jäcklein Rohrbach, dem Stefan Schulz von den „Jäckleins Spieße Heilbronn“ Leben verleiht. Außerdem der Odenwälder Haufen mit dem Ballenberger Ochsenwirt Georg Metzler, der von Martin Merklen, Mitglied der Neckarsulmer Schützengilde, verkörpert wird. „Nun denn, so sei es“, gibt sich der Schultes geschlagen und schwört, dass sich die Stadt Neckarsulm dem großen Haufen anschließt. Symbolisch besiegelt mit einem Trunk aus dem Keller.


Einer der Höhepunkte im großen Bauernlager, das sich am Samstag über Binswangen und Erlenbach nach Weinsberg aufmacht. Historisch fundiert an den Orten des Geschehens, macht es die Geschichte von 1525 erlebbar, als sich die Bauern gegen die Ungerechtigkeit der Obrigkeit auflehnten.

Interkommunales Projekt von Neckarsulm, Erlenbach und Weinsberg

Um mit der Familie von Tochter Susan Bleile aus Amorbach das Spektakel mitzuerleben, haben sich Rita und Raik Siegert extra aus Bad Frankenhausen aufgemacht. Enkel Piet (6) ist der jüngste Aktive in den Reihen der Schützengilde, die gemeinsam mit Jackleins Spieße Heilbronn das Bauernlager an der Sulm im Rahmen des interkommunalen Projekts von Neckarsulm, Erlenbach und Weinsberg organisiert hat. „Nächste Woche ist der Bauernaufstand auch bei uns“, spielt Rita Siegbert auf das Event und die Ausstellung im Panorama-Museum auf dem Schlachtberg über der Stadt an, als 6000 aufständische Bauern unter Thomas Müntzer in den Kampf zogen und nur 1000 überlebten.

Blutig geht es in Neckarsulm nicht zu. Probehalber aber schon einmal kämpferisch. Der „Sturm auf Weinsberg“ wird geübt. Auch der Angriff des Weinsberger Burgvogts Ludwig von Helfenstein auf den Versorgungs- und Nachschubtrupp der in Neckarsulm lagernden Aufständischen mit eindrücklichen Fechtszenen ist zu sehen.

Bauernkrieg: Mehrere Gruppen beteiligen sich an historischen Szenen

Stefan Schulz gibt als Jäcklein Rohrbach die Befehle an seine ausführenden Weibel. „In Weinsberg stelle ich auch das Spießgericht zusammen“, kündigt der Chef der Jäckleins Spieße Heilbronn mit rund 85 Mitglieder aller Altersgruppen an. Er betont: „Es hat rund zwei Jahre gedauert, die Veranstaltung vorzubereiten.“ Dazu sind etliche weitere Gruppen wie der Theaterverein Weinsberg, die Federfechter aus Bretten oder der Freie Söldnerhaufen 1525 aus dem Schwarzwald mit im Boot.

„Eine Mammutaufgabe“, bestätigt Marcel Honig, der mit seiner Familie als Bauer zu Jäckleins Spieße gehört. „Sich ins Gedächtnis zu rufen, was das damals bedeutet hat und wie es für die Bauern gewesen sein muss“, ist für ihn das Besondere am Veranstaltungspaket zum Gedenkwochenende. Dafür gibt es auch von Sohn Theo (7), der seit dem Babyalter bei Jäckleins Spieße dabei ist, einen „Daumen hoch“.

Bauernlager in Neckarsulm: Aktionsprogramm mit Murmelspiel und Kegelbahn

Ein Aktionsprogramm mit Murmelspiel, Kegelbahn oder historischer Seilerei sorgt nicht nur bei den jungen Besuchern für viel Spaß. „Dass es kein Kommerz, sondern eine historische Darstellung ist“, gefällt Margit Engel sehr gut. Wie die Heilbronnerin lassen sich Marcel, Sarah und Lasse (8) Müller aus Obereisesheim die historischen Waffen wie Pike, Hellebarde und Zweihänderschwert erklären.

Die gebürtige Weinsbergerin Christa Engelhardt, mit ihrem Lebensgefährten Matthias Wiedemann aus Düsseldorf angereist, findet es „toll, was hier auf die Beine gestellt wird“. Sie räumt ein: „In der Schule hat man sich mit dem Bauernkrieg beschäftigt, aber da ist nicht viel hängengeblieben.“ Deshalb hat das Paar im Vorfeld viel darüber gelesen und sich Podcasts angehört. Um auch beim Zuschauen in Weinsberg in Gewandung als Bürgerin und Landsknecht gut gerüstet zu sein.

Aufständischen Bauern nahmen Neckarsulm am Karfreitag, 14. April 1525, ein 

Die aufständischen Bauern nahmen Neckarsulm am Karfreitag, 14. April 1525, ein und führten von dort aus Verhandlungen mit dem Weinsberger Burgvogt Ludwig von Helfenstein zur Übergabe der Stadt und der Burg Weibertreu. Als diese scheiterten, zogen mehrere tausend Personen am Ostersonntag von Neckarsulm über Binswangen und Erlenbach nach Weinsberg. Auf dem Rückweg vom „Weinsberger Blutsonntag“ wurde am 19. April die Burg auf dem Scheuerberg als Neckarsulmer Amtssitz des Deutschen Ordens eingenommen, geplündert und zerstört.

Nach der Niederschlagung des Bauernaufstands mussten die Neckarsulmer als Strafe für ihre Beteiligung auf Befehl des Deutschen Ordens Teile ihrer Stadtmauer schleifen. Statt der Burg auf dem Scheuerberg baute der Deutsche Orden das Schloss (heute Deutsches Zweirad- und NSU-Museums) als Neckarsulmer Amtssitz aus. Die Burg zerfiel und wurde als Steinbruch genutzt. Steine finden sich im Schloss, der Kirche des Kapuzinerklosters (heute Polizeistation) oder im Turm der katholischen Stadtkirche St. Dionysius.

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